Morituri te salutant

SarahAutorin: Sarah
Setting: Roter Teppich
Clues: Wonneproppen, Glitzer, Dusche, Gewinnerlächeln, Guthaben

„Jep – da stehen wir“, murmelte Karen so, dass nur Jeff es hören konnte. Eigentlich hätte der Kommentar trocken klingen sollen, doch sie war sich alles andere als überzeugt, dass ihr dies gelungen war, zu heiser und unsicher schien sie ihre Stimme im eigenen Kopf zu hören, wie ein Echo ihrer selbst. Sie machte einen weiteren Schritt auf dem geradezu lächerlich flauschigen Roten Teppich, der für ihre ungewohnt hohen Bleistiftabsätze alles andere als geeignet war und versuchte, sich dabei nicht einen Knöchel zu brechen. Jeff lachte vor sich hin, blickte nach links und rechts und winkte mit seinem routinierten Gewinnerlächeln zu den beiden samtenen Absperrkordeln, die den Weg zum Tor flankierten. „Siehst du? Kein Problem, alles läuft bestens“, erklärte er zufrieden und blieb stehen, um sich ihr zuzuwenden. „Mach dir keine Sorgen, das klappt schon.“
„Das sagst du“, murmelte Karen und ihr Lachen klang ungewohnt unsicher, bar jeder Ironie, welche sie sich dabei eigentlich vorgestellt hätte. Sie seufzte, während die beiden weiter auf das grosse, von Säulen flankierte Portal des Gebäudes zugingen, in dem Jeff heute Abend wohl einen Preis entgegennehmen würde. Eigentlich war noch nicht klar, ob er wirklich gewinnen würde, doch Karen war zuversichtlich – als Filmstar seines Kalibers war es schon beinahe unwahrscheinlich, dass er keinen gewinnen würde. Mit seinem zufriedenen, doch trotzdem nicht arrogant wirkenden, Gewinnerlächeln auf dem Gesicht ging er an ihrer Seite über den Roten Teppich und schien dabei nicht auch nur das kleinste Fitzelchen von Verunsicherung zu empfinden. Eigentlich war dies bloss die Generalprobe, ohne Fotografen und Fans, doch Karen zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass er heute Abend genauso routiniert hier durchgehen würde. Warum machte man überhaupt eine Probe dafür, wie Leute über einen Fetzen Stoff in ein prunkvolles Haus marschierten, fragte sie sich insgeheim und musste unvermittelt an eine Hundeschau denken.
Beim Torbogen angelangt blieb Jeff stehen und wandte sich seiner Partnerin zu. Karen seufzte und meinte: „Bist du sicher, dass es eine gute Idee ist, wenn ich mitkomme?“
„Auf jeden Fall“, entgegnete er überzeugt. „Aber wenn dir all der Glitzer und das Getue zu viel ist, kannst du natürlich jederzeit absagen.“
„Ich habe sowas noch nie gemacht“, meinte sie genervt. „Nein, ich muss kommen.“
„Was denn?“, erkundigte er sich teilnahmsvoll und zugleich etwas irritiert. „Abgesagt oder so getan, als wären wir wichtige Menschen?“
Karen lachte leise: „Beides. Das hier ist so wie wenn man sagt ‚Ich rufe dich nachher an‘, obwohl man weiss, dass kein Guthaben auf dem Handy mehr hat. Ich tue so, als gehöre ich hierher, das ist genauso eine Lüge.“
„Wieso meinst du?“, erkundigte er sich. „Wir gehen ja nur da durch, winken ein wenig und dann sind wir auch schon im Theater drin.“
„Und sind ein paar hundert Mal fotografiert und gefilmt worden“, ergänzte sie. „Als ich klein war, wollte ich unbedingt Filmstar werden aber ich hätte mir nie denken können, dass ich mal mit einem zusammenziehe und ein Kind habe. Ich bin Akademikerin, verdammt, keine Schauspielerin! Mich verunsichern all diese Medienfritzen und die kreischenden Teenies.“
„Ich weiss, darum war ich ja so erstaunt, dass du heute zum ersten Mal an einen solchen Anlass mitkommen wolltest.“
„Wir sind ein Paar, da sollte ich auch zu dir stehen“, erklärte sie entschieden und fügte dann etwas leiser hinzu: „Ausserdem bin ich neugierig, ich war noch nie an einem solchen Event.“
„Viel mehr als da sitzen und lächeln werden wir auch nicht tun müssen“, sagte er amüsiert. „Stell dir bitte nichts allzu grosses vor, das Ganze ist so oberflächlich wie die Stories der prämierten Filme.“
„Okay, wenn du meinst“, entgegnete Karen, doch man konnte ihr anhören, dass sie noch immer nicht überzeugt war. Dann fügte sie hinzu: „Wer macht denn schon eine Generalprobe dafür, wie Leute über einen Flicken Stoff latschen?“
„Perfektionisten, denke ich mal“, murmelte Jeff, während sie langsam wieder auf ihren Wagen zugingen, der am Strassenrand parkte. Karen war mehr als nur verunsichert, doch sie würde das so durchziehen wie die Präsentation ihrer Doktorarbeit oder jeden Zahnarztbesuch: Mit unerbittlicher Sturheit. Um sich abzulenken fragte sie: „Was meinst du, wie geht’s dem kleinen Wonneproppen? Ich hoffe, er schreit nicht die Nanny in den Wahnsinn…“

Noch vor einer Stunde war sie unter der Dusche gestanden und jetzt sass sie hier, herausgeputzt wie eine Teenagerin, die in einer Stretchlimousine zum Abschlussball fuhr. Jeff sass ihr gegenüber und schien nicht im Geringsten aufgeregt zu sein, er war sich den ganzen Trubel schon seit langem gewohnt. Die menschenscheue Karen dagegen zählte die Sekunden bis zu ihrem Verderben und hätte am liebsten in eine Papiertüte geatmet, so wie man es in den Filmen immer sah, wenn jemand eine Panikattacke hatte. Doch selbst wenn sie eine Tüte zur Hand gehabt hätte, ihr blieb keine Zeit mehr dafür, denn der Wagen war von ihr unbemerkt zum Stehen gekommen und gerade öffnete der Fahrer die Tür. Während sie umständlich mit dem viel zu langen Kleid und den Killer-Absätzen aus der Limousine krabbelte und glaubte, jeden Augenblick hinzufallen, versuchte sie trotz dem Blitzlichtgewitter keine Miene zu verziehen. Dann ergriff sie die Hand ihres Freundes und machte einen ersten Schritt neben ihm auf das Portal zu.
„Ave. Morituri te salutant“, murmelte sie trocken (und ja, diesmal traf sie ihren üblichen Tonfall endlich) und Jeff brach in Gelächter aus, vor allen Kameras, Fans und der ganzen Meute an Organisatoren, die sich sehr ernst zu nehmen schienen. Karen stimmte ein, und während sie mit Lachtränen im Gesicht über den Roten Teppich stöckelte, wusste sie, dass sie auch mit diesem Teil ihres gemeinsamen Lebens klarkommen würde.

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