Frau Müller

SarahAutorin: Sarah
Titelvorgabe: Frau Müller

Frau Müller hatte schon immer ein wenig in ihrer eigenen Welt gelebt. Nicht etwa weil sie aussergewöhnlich wäre – ganz im Gegenteil. Man kannte die konservativ gekleidete Mittfünfzigerin als eine Frau, die fast jedem Stereotyp ihrer Generation entsprach. Sie arbeitete als Bibliothekarin, stricke und trank grünen Tee. Der geneigte Beobachter hätte mit etwas Wagemut vielleicht behaupten können, sie würde mit ihrer Verweigerungshaltung gegenüber dem populäreren Earl Grey Tea rebellieren. Aber die Mutter zweier erwachsener Kinder und Ehefrau eines Buchhalters hätte diese dreiste Anschuldigung mit ihrem steten Lächeln abgetan, denn ihre wahre Rebellion hatte wesentlich grössere Ausmasse. Sie wusste jedoch auch, dass niemand davon erfahren durfte.
Frau Müller mochte den Sommer, das Rascheln der dichten, schattenspendenden Blätter in einer lauen Brise und so verbrachte sie ihre freien Tage meist lesend und strickend im Park. Sie beobachtete die Passanten, die nichtsahnend an ihr vorbeischritten und sie vermutlich für eine Frührentnerin hielten, die nichts weiter tat, als ihren Tag zu geniessen. Und das musste genau so bleiben, denn Frau Müller hatte etwas, was die wenigsten Menschen hatten – sie hatte einen Plan und die Geduld, ihn bis zum Ende durchzuziehen. Und so schmökerte sie in ihren Büchern, trank ihren allgegenwärtigen Tee, frönte bei Kaffeekränzchen dem Müssiggang und führte das normale Leben einer älteren, doch nicht alten, Dame.
Ihr Aussehen, ihre Routine und ihre Persönlichkeit brachten den Vorteil mit sich, dass sie nie jemand als Bedrohung einschätzen würde. Eine graue Maus wie sie, die in einem geblümten Kleid einen Einkaufswagen durch den hektischen Supermarkt schob und ihr zu früh und rasch ergrautes Haar mit Lockenwicklern malträtierte, war so normal und unauffällig wie ein silberner Löffel in ihrem Lieblingsteehaus. Manchmal, wenn sie sich sicher war, dass niemand sie sehen konnte, grinste sie in hämisch anmutender Vorfreude. Niemand, wirklich niemand rechnet damit, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte.
In Wirklichkeit jedoch war Frau Müller alles andere als normal. Die Lektüre unzähliger Bücher hatte ihr Verständnis dieser Welt verändert und ihr neue Perspektiven geöffnet, von denen Normalsterbliche nur zu träumen wagten. Niemand, nicht einmal ihr Mann, wusste von diesem Doppelleben, hätte das Potential erahnen können, dass hinter ihrer Hornbrille und unter der runzeligen Haut ihrer Stirn steckte.
Frau Müller war bereit. Es hatte Jahre gedauert, bis ihr Vorhaben Gestalt angenommen hatte und weitere Jahre, bis alle Vorbereitungen abgeschlossen gewesen waren. Doch heute Nacht würde sie ihren Plan in die Tat umsetzten, komme was wolle. Ihr Geschick, niemandem aufzufallen, war ihr dabei genauso nützlich wie die Tatsache, dass sie jedes dafür relevante Buch in der Bibliothek verschlungen hatte, die wichtigsten sogar mehrmals. Sie hatte sich durch Lesen und Üben alle Künste angeeignet, die sie brauchen würde. Die Katzen waren gefüttert, der Rasen gemäht und ihr Lieblings-Blumenkleid frisch gebügelt. Sie war bereit.
Frau Müller sass an ihrem Tisch im feinen Restaurant und schob den Teller zur Seite, auf dem noch letzte Krümel lagen, die an ihren Nusskuchen erinnerten. Alles von der dezenten Jazzmusik bis hin zu den guten Umgangsformen des Personals verlieh ihr das Gefühl, dass sie sich auf ihrem Terrain, in ihrer Welt, befand. Sie beobachtete die drei Herren am Nachbartisch dabei, wie sie ihren Amaretto tranken und sich über dies und das unterhielten. Der Geschmack des süssen Likörs überdeckte jenen nach Bittermandeln perfekt, jedes Detail der Operation war minutiös geplant. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die drei wichtigsten Drogenhändler der Stadt die Radieschen von unten beobachten konnten. Frau Müller lächelte zufrieden und griff nach ihrem Strickzeug, während der Kellner den Tisch abtrug und ihr einen Espresso brachte. Dank ihrer stoischen Gelassenheit und ihrem Buchwissen würde sie es schaffen, mit dem Meth-Labor im Keller ihres Einfamilienhauses die ganze Stadt, ja die ganze Bundesrepublik, mit Drogen zu versorgen.

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