Nebelwald

RahelAutorin: Rahel
Setting: Wald
Clues: Scheinwerfer, Laminat, Exekution, Inflation, Handtasche
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Sein Körper wurde von den bebenden Atemstössen seines preisgekrönten Jagdpferdes rhythmisch auf und ab gewippt, als er das schweissnasse, dampfende Fell des muskulösen Tieres flattierte. Benedict knotete die Zügel fahrig am Ring des Aufstiegriemens fest, griff in die Brusttasche seines Designerhemds und zündete sich danach genüsslich einen Glimmstängel an. Die Sonne war bereits vor Stunden hinter den Baumwipfeln verschwunden und das Mondlicht, das durch trübe Nebelschwaden sickerte, verlieh dem Wald eine märchenhafte Stimmung, die beinahe über die unangenehme Kälte hinwegtäuschen mochte.

Es war eine seltsame und lange Geschichte, wie er als Sohn eines armen Handwerkers hier gelandet war und es verging kein einziger Tag, an dem Benedict nicht mit Stolz in den Spiegel gesehen hätte. Er hatte eine einfache Gesellenausbildung abgeschlossen und war danach, wie es von ihm erwartet worden war, auf seine Wanderjahre gegangen. Das ganze Land hatte er bereist, bis er sich irgendwann in einem gemütlichen Dorf im hohen Norden niedergelassen hatte, da er dort eine kleine Zimmerei übernehmen konnte. Damals waren seine Träume noch klein gewesen; er war ein guter, aufrichtiger Mann gewesen und er war überglücklich, dass er seinen Betrieb mehr oder minder unbeschadet durch die Zeit der Inflation hatte manövrieren können. Seine damalige Freundin, Gertrude – der heimliche Grund warum er sich für die Betriebsübernahme entschieden hatte – krönte ihn im Scherz an einem Sonntagnachmittag, nachdem er die Jahresbilanz freudig abgeschlossen hatte, mit dem Kapitänstitel – ein Spitzname, den er noch heute trug.
Doch seit diesen harmonischen, einfachen Tagen hatte sich vieles geändert und seit Benedicts Kariere abgehoben hatte, wollte er sich nicht mehr mit kleinen Träumereien zufrieden geben müssen. Und so kam es, dass er sich, kaum lag seine erste Million auf der Bank, immer mehr in die Geschäftemacherei verliebte hatte und schlussendlich – mit Hilfe einer schwedischen Idee, Laminat als Fussbodenbelag zu benutzen – zum selbstgerechten Milliardär wurde. Kurz darauf verliess er seine Freundin, die ihn in seinem Werdegang stets unterstützt hatte, denn genauso wie er auf ein Rassepferd bestand, wollte er auch eine vorzeigbare Ehefrau an seiner Seite wissen; selbst wenn dies bedeutete, dass er unerhörte Summen für Handtaschen, Schuhe und sonstigen Weiberkram ausgeben musste.

Benedict erschrak etwas, als sein Reittier begann, aufgeregt im losen Waldboden zu scharren und er griff instinktiv nach den feucht-klebrigen Zügeln. „Nun hör schon auf, du Esel!“, schnauzte er seine Kapitalinvestition ungeduldig an und kurz darauf schnippte er seine halb aufgerauchte Zigarette spielerisch zielend gegen eine der Baumsilhouetten, die durch die Dunstschwaden schimmerten. Etwas ungelenk zog er sich einen steifen Wachsmantel, auf dessen Revers das Logo eines Fuchsjagdvereins aufgestickt war, über und trieb dann den nussbraunen Irish Hunter mit einem unsanften Tritt in die Flanken an. Bald schon würde der Mond seine höchste Position am Nachthimmel finden und das Licht würde ausreichen, um die Jagd endlich erfolgreich beenden zu können.
Als Reiter fühlte sich Benedict in seinen Machtphantasien bestätigt, konnte er doch ein kräftiges Biest kontrollieren und deshalb er hätte den Sattel am liebsten nie verlassen. Ein wunderbares Gefühl, dass ihn im alltäglichen Berufsleben allmählich zu entgleiten drohte, denn die Stimmen wurden nicht leiser, die seinen mentalen Zerfall predigten. Er wäre nicht mehr in der Lage den Konzern zu leiten, würde wohl als Urgestein bald in der Senilität ersaufen, wie ein Wurf junger Katzen im Jutesack, und sei ohnehin nur noch eine reine Werbefigur, die mit der Hektik der Moderne nicht zurechtkomme. Benedict aber war sich sicher, dass diese Jünglinge keine Ahnung vom Geschäft hatten; schliesslich war es ihm und seiner Risikofreudigkeit, seiner Genialität zu verdanken, dass sein einst mickriger Dorfbetrieb zu einer Geldmaschine herangewachsen war. Diese Undankbarkeit brachte ihn dermassen zur Weissglut, dass er Vorgestern den gesamten Unternehmensvorstand aus dem Konferenzraum gejagt hatte, nachdem diese ihn wegen einiger lächerlicher roten Zahlen dazu bringen wollten, die Entscheidungsgewalt über die Asien-Geschäfte abzugeben. Als Kapitän konnte er Meuterei nicht dulden.

Er schwankte etwas, als sein dummes Pferd über etwas stolperte, das er im dunklen Graublau des Nebels nicht erkennen konnte und musste seine Hornbrille wieder geraderücken, bevor er die weichgezeichnete Umgebung wieder einigermassen erkennen konnte. Es fiel ihm schwer sich zu erinnern, wie lange er nun schon durch den Wald trabte, erst recht wie lange es her war, dass er seine Beute zum letzten Mal gesichtet hatte, nachdem er sie bei der Hütte ausgesetzt hatte; aber er blieb dennoch zuversichtlich, so wie er es immer tat. Bald schon würde er nicht nur sich selbst, sondern auch allen anderen endgültig beweisen, dass sein Blick stets in die Zukunft gerichtet war und dass er sich auch auf seine alten Tage hin nicht mit kleinen Träumereien zufrieden geben würde – für ihn war Grossartiges vorbestimmt. Doch auch wenn Benedict es nie zugegeben hätte, so zweifelte er hin und wieder in stillen Momenten an seinen Entscheidungen und wann immer das geschah, ärgerte er sich über sich selbst und seit Kurzem schwoll dieser Ärger zu rasender Wut. Er war ein Selfmade-Milliardär, eine Koryphäe, der Kapitän seines Lebens und er wollte es nicht dulden, dass dieses Hochgefühl von wehmütigen, nostalgischen Schwärmereien geschmälert wurde. Also blieb ihm nichts anderes übrig, und das wusste er genau, als sich seiner grössten Angst zu stellen und die Frage zu beantworten, die wie ein Damoklesschwert über ihm hing: „Hätte ich meine Eitelkeit vergessen und bei Gertrude bleiben sollen?“ Gertrude, die immer so liebenswürdig war, die ihn jeden Morgen mit ihrem Lächeln bezauberte und deren geduldiges und kluges Wesen sie stärker und ausdauernder machte, als jedes Pferd das er sich hätte kaufen können.

Er hörte wie in der Ferne ein Motor aufheulte und kurz darauf brachen Lichtsäulen durch das Dickicht, die sich langsam in Bewegung setzten und den Wald unwirklich verzerrten. Benedict parierte seinen Wallach durch, starrte einige Sekunden in die ungewohnte Helligkeit und beinahe wäre sein schwaches Herz stehengeblieben, als er die plumpe Gestalt entdeckte, die Hacken schlagend auf die Scheinwerfer zu rannte. Da war sie, seine Beute! Endlich hatte er sie gefunden. Im Nachhinein würde sich Benedict nicht mehr sicher sein, ob er in den folgenden Sekunden gezögert hatte oder nicht; alles schien viel zu schnell zu gehen und gleichzeitig sog seine Wahrnehmung jedes Detail dieses Augenblicks ein, bevor alles wieder verschwamm, als wäre es im Nebel des Waldes versunken.
Geübt ergriff er die Armbrust, die an einem reich verzierten Lederriemen hinter seinem Rücken hing und schwang sie fliessend vor seine Brust. Der Pfeil glitt mit einem leisen Zischen aus der Rinne und traf Benedicts lang ersehnte Beute zielgenau zwischen die Schulterblätter. Er hörte ein hohles Pochen, als Gertrudes Körper auf dem mit Tannennadeln und Laub übersäten Waldboden auftraf und war sich nicht sicher, ob es nicht doch sein Herz war, das im Moment der Exekution in sich zusammenfiel.

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