Hier ist nichts drin!

Rahel

Autorin: Rahel
Titel: Hier ist nichts drin!

„Ich arbeitete seit 1985 für die Firma des Angeklagten“, beantworte ich die Frage und schaue mich im vollen Saal um. Sogar die Presse ist da, es war also gut, dass ich gestern noch beim Friseur war.
„Vielen Dank. Sie müssen übrigens nicht so dicht ins Mikrofon sprechen.“ Der Staatsanwalt sieht nicht so aus, wie ich mir einen Staatsanwalt vorgestellt habe; er ist viel kleiner und so schrecklich schrumpelig um die Augen. Aber immerhin stimmt das mit der resoluten Manier, damit kann ich leben.
„Oh, Entschuldigung“, stottere ich, dann lehne ich mich zögerlich auf dem gepolsterten Holzstuhl zurück. „Das wusste ich nicht.“
„Keine Sorge, das passiert oft“, beginnt der Staatsanwalt und gaukelt mir eine freundschaftliche Gesinnung vor; es klappt, ich kann ihn besser leiden als vorher. „Also, Sie arbeiteten gut dreissig Jahre für den Angeklagten?“
„Ja, ich wurde direkt nach der Lehre eingestellt“, gebe ich unbescholten Auskunft.
„Haben Sie im Hauptsitz der Firma gearbeitet?“ Er starrt mich bohrend an, zumindest soweit ich das ausmachen kann, denn ausser Falten kann ich kaum etwas in seinem Gesicht erkennen.
„Ja, ich habe nie in einer Zweigstelle gearbeitet.“ Wenn ich mich recht erinnere, habe ich nicht einmal eine der anderen Niederlassung von innen gesehen. Bloss beim Vorbeifahren, wenn ich meine Tochter besuchen gehe, da sehe ich manchmal die Schlossheim-Filiale; aber nur wenn ich mich achte.
„War Ihnen bekannt, dass der Angeklagte das Kellergewölbe ausgebaut hat?“ Oha, jetzt wird es langsam ungemütlich, der Staatsanwalt wird schon ganz aufgeregt und tigert mit bolzengeradem Rücken über das Parkett. Ich hingegen widerstehe der Versuchung, wie ein ertappter Lausbube auf meinem Stuhl hin- und herzurutschen, stattdessen erwidere ich prompt: „Selbstverständlich, die Bauarbeiten waren nicht zu überhören.“
„Und wurden Sie darüber in Kenntnis gesetzt, zu welchem Zweck das Untergeschoss ausgebaut wurde?“ Etwas mulmig ist mir schon zumute, wenn ich daran denke, meinem Chef in den Rücken zu fallen, wusste ich doch, wozu er fähig war; was muss, das muss wohl.
„Uns wurde gesagt, dass das Fundament verstärkt werden soll“, erkläre ich wahrheitsgetreu, wenn auch nicht ausführlich.
„War das alles, was man Ihnen gesagt hat?“, hakt er nach und hebt eine Augenbraue, sodass die runzlige Haut noch bizarrer aussieht.
„Nein, später gab es Gerüchte über eine Tiefgarage“, die anderen, für meinen Chef weniger vorteilhaften Munkeleien verschweige ich; wie will man mir auch beweisen, dass ich beim firmeninternen Gerede immer auf dem neuesten Stand war?
„Sonst nichts?“ Aha, da kommt der Herr Staatsanwalt langsam in Fahrt, zu schade, dass ich ihn enttäuschen muss: „Sonst nichts, nein.“
„Sind Sie sicher?“ Hat er gerade gegrinst? Das kann ich mir doch nicht einbilden, sein Mundwinkel hat eindeutig gezuckt.
„Ja, ich habe keine weiteren Informationen erhalten.“ Das Unbehagen wird immer schlimmer und ich schiele so unauffällig ich kann auf die grosse Uhr am anderen Ende des Gerichtsaals; wann ich wohl endlich aus dem Zeugenstand entlassen werde? Dass mein Chef, der mit erhobenem Haupt auf der Anklagebank sitzt, mich freundlich anlächelt, macht das Ganze auch nicht besser.
„Gut. Nun erzählen Sie uns doch, was Sie über die Tür wissen.“

Vor einigen Stunden hatte der ständige Baulärm aufgehört, einfach so, mitten am Tag war es plötzlich still geworden. Zuerst habe ich mich gewundert, aber das war im Prinzip nicht das einzig Sonderbare an der Baustelle, die unter unseren Büros lag. In der ganzen Zeit, während der wir beständig mit tosendem Bohren, Hämmern sowie Kratzen am Fundament und den Metallrohren zu kämpfen hatten, habe ich nicht ein einziges Mal einen Bauarbeiter gesehen. So auch nicht am letzten Tag, nein, nicht ein Arbeiter war in Sicht, der nach getaner Arbeit mit seinen Werkzeugen aus der Firma spazierte. Nun gut, wenigstens konnte ich jetzt meine Mittagspause wieder geniessen, überlegte ich so halb motiviert, packte meinen Aktenordner weg und schlenderte dann in die anonyme Atmosphäre des Flurs hinaus. Bis zur Etagentür kam ich nicht, denn ich bemerkte sofort, dass irgendetwas anders war; aber was war es? Ein Rundumblick verriet mir nicht viel, alles sah aus wie eh und je. Ich wollte das seltsame Gefühl schon auf die Tatsache schieben, dass ich heute noch nichts gegessen habe, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Da war eine Tür zu viel!

„Welche Tür?“, versuche ich das Unvermeidliche hinzuziehen, bemerke aber sofort am wippenden Gang des Staatsanwalts, dass ich keine Chance hatte.
„Sie wissen genau, wovon ich spreche!“ Natürlich weiss ich das, jedem, der im Hauptsitz arbeitet, musste absolut klar sein, worauf er hinauswill; wieso zum Teufel also muss ich hier sitzen statt irgendeines anderen Trottels? Naja, vermutlich weil ich einer der wenigen bin, die noch übrig sind.
„Nun, alleine auf meinem Stockwerk hat es über fünfzig Türen“, ziehe ich die Befragung weiter unnötig in die Länge, ehe ich erneut zu meinem Chef linse. Dieser sitzt gelassen, scheinbar unberührt von dem ganzen Tamtam um seine Tür da und faltet ein Papierstück in immer kleiner werdende Dreiecke; so etwas Abgebrühtes habe ich noch nie gesehen.
„Wollen Sie uns zum Narren halten?“ Ein Raunen geht durch den Saal und die Brust des Staatsanwalts schwillt sichtlich an vor lauter Schadenfreude. „Natürlich spreche ich von der Tür mit der Aufschrift ‚Hier ist nichts drin!‘“ Darauf folgt eisiges, erwartungsvolles Schweigen; ich kann die stechenden Blicke aller Anwesenden auf mir fühlen.
„Ach so, diese Tür.“ Es hat keinen Sinn, ich kann unmöglich weiter Zeit schinden; aber wenigstens gelingt es mir, meine Stimme überrascht klingen zu lassen.

„Hier ist nichts drin!“, las ich die leuchtend roten Ziffern, die auf einem kleinen Schild prangten, „Hier ist nichts drin!“ Darüber verwirrt, wie die Tür hier auftauchen konnte, ohne dass ich es mitbekommen hatte, zuckte ich mit den Schultern, ging dann aber schlussendlich in meine Mittagspause. Doch obwohl mein Thunfischsandwich aussergewöhnlich gut schmeckte, konnte ich die geheimnisvolle Tür einfach nicht aus meinen Gedanken verdrängen. Als dann die Neugier schliesslich ins schier Unerträgliche gestiegen war, packte ich den Rest des Brötchens weg und stapfte zurück auf meine Etage. Eine Weile blieb ich unschlüssig vor der ominösen Tür stehen, fragte mich, ob ich es wirklich wagen sollte, die Klinke zu probieren; vielleicht war sie sowieso geschlossen. „Hier ist nichts drin!“, las ich abermals, beschloss dann halbwegs selbstsicher, dass diese Worte kein Verbotshinweis waren und drückte die Klinke nach unten.

„Haben Sie die Tür jemals geöffnet?“, wollte der Staatsanwalt, der mir nun gar nicht mehr schmächtig vorkam, wissen. „Sind Sie je in den Raum dahinter getreten?“ Das ist eine Fangfrage, ganz klar; er will mich testen, herausfinden, ob ich die Tür wirklich kenne.
„Nein, ich bin nie in den Raum gegangen“, beantworte ich die Hälfte seiner Frage, die ohnehin selbsterklärend ist.
„Ich glaube Ihnen“, beginnt er und schmunzelt so, dass seine Augen komplett in seinen Runzeln verschwinden, „wissen Sie auch wieso?“
„Weil ich eine ehrliche Ausstrahlung habe?“ Ich hoffe auf Gelächter, wenigstens ein belustigtes Raunen, das die Stimmung etwas auflockert; kein Mucks, weder vom Anwalt, noch von den zahlreichen Privatpersonen im Saal, die das Verfahren mit grossem Interesse verfolgen.
„Jetzt hören Sie schon auf“, donnert der Staatsanwalt ungehalten, „hier Zeit zu schinden!“ Wieder blicke ich zu meinem Chef. Er sieht nicht hin, scheint komplett von seinem gefalteten Papier vereinnahmt zu sein; gleichgültig, entspannt wirkt er, so als wäre er sich meinem Schweigen absolut sicher. Das macht mich wütend, so wütend sogar, dass ich in diesem Moment beschliesse, das einzig Richtige zu tun, selbst wenn es mich meine Existenz kosten würde; und das auf mehr als bloss eine Weise.
„Sie glauben mir, Herr Staatsanwalt“, beginne ich mit fester Stimme, „weil ich nicht hier sässe, wäre ich in den Raum gegangen.“
„Können Sie diese Theorie für die anderen Anwesenden erläutern?“ Der kleine, faltige Mann kann seinen Triumph schon riechen, seine Siegessicherheit muss vom anderen Ende des Saals zu erspähen sein.

Der Geruch von frischer Farbe, feuchtem Beton und irgendetwas anderem, das ich nicht benennen konnte, stieg mir in die Nase. Der Raum war stockfinster, aber nicht die Art von finster, die man erwartet, wenn die Jalousien geschlossen waren, sondern diejenige, die ich bisher bloss einmal erlebst hatte; damals, als ich mich als Kind bei einem Ausflug im Wald verlaufen hatte. Kein Tageslicht, keine Sterne, kein Mond, nichts spendete Helligkeit.
„Hey, was ist denn das?“, hörte ich einen meiner Mitarbeiter hinter mir flüstern. Ich hatte ihn nicht kommen gehört und sprang vor Schreck zur Seite.
„Ich weiss nicht“, erwiderte ich, während mein Kollege sich an mir vorbeischob und seinen Kopf durch den Türrahmen schob. „Das war plötzlich eine neue Tür…“
„Sehr seltsam, äusserst seltsam sogar“, sprach er meine eigenen Gedanken aus und langte sogleich mit seiner Rechten in den Raum. Wenige Augenblicke später meinte er leise: „Kein Lichtschalter. Ich geh‘ rein.“ Dann, ohne zu zögern oder einen Kommentar von mir abzuwarten, trat er in die pechschwarze Dunkelheit.

„Ja, kann ich.“ Mir wird schlecht, so richtig kotzübel; würden die Geschworenen meine Geschichte glauben, oder mich für verrückt halten und wie würde mein Chef auf diesen Verrat reagieren? „Jeder, der in den Raum gegangen war, kam nie wieder heraus.“
„Wie meinen Sie das?“, triezt mich der Staatsanwalt mit einem fiesen Grinsen auf den schmalen Lippen. Er kennt die Antwort auf seine Frage, trotzdem zwing er mich, das Unaussprechliche auszusprechen.
„Sie verschwanden, sie sind alle verschwunden. Einfach so.“ Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

* * *

Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung freuen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, doch ihr könnt schon jetzt rätseln, was Rahel nächsten Dienstag mit den folgenden Vorgaben schreiben wird:
Setting: Autobahntunnel
Clues: Kastration, Doppelverglasung, Raketenwerfer, Katzenstreutüte, Eibe

2 Gedanken zu „Hier ist nichts drin!

  1. Liebe Rahel, sehr spannend geschrieben und eigentlich will ich mehr über die geheimnisvolle Tür und den Raum dahinter wissen. Ich denke, dass geht nicht nur mir so! Glg ~Dark Raven

    • Halli Hallo Dark Raven

      Tja, hinter der Tür versteckt sich … Ups, da hätte ich es doch beinahe verraten. Tut mir leid, mir sind die Hände gebunden, ich will schliesslich nicht wegen Firmenspionage hinter Gitter kommen ;)

      Mit lieben Grüssen und grandiotastischen Wünschen
      Deine Clue Writer
      Rahel

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