Niessen und andere übernatürliche Dinge

SarahAutorin: Sarah
Setting: Balkon
Clues: Schwamm, Galgen, Luftpolsterfolie, Bleistift, Supernatural

„Eigentlich haben wir keine Ahnung, was morgen kommen wird“, murmelte David und lehnte sich an das rostige Geländer. Er fand, dass die Aussicht vom Balkon dank der hereinbrechenden Dämmerung noch schöner war als sonst: Die entfernte Bergkette zeichnete sich gegen den langsam schwarz werdenden Himmel ab und das mit vielen Bäumen bepflanzte Wohn- und Industriequartier wirkte verlassen. Auf dem Flachdach eines Hauses konnte er eine Lichterkette erkennen und das Fiepen von Fledermäusen war aus der Gasse unter ihm zu hören.
Was hast du gesagt?“, erklang Kassandras Stimme aus dem Wohnzimmer und David konnte sich ein dummes Grinsen nicht verkneifen. Natürlich, seine Mitbewohnerin würde kein Wort von dem was er sagte verstehen, bis sie ihre Folge Supernatural zu Ende geschaut hätte. Gerade als er wieder sein Glas Eistee zur Hand nehmen wollte, tauchte sie in der Balkontür auf und wiederholte: „Was hast du gesagt?“
David stellte sein Getränk hin und wandte sich um. Gegen die grelle, alle Motten anlockende Innenbeleuchtung konnte er ihr langes gelocktes Haar wie einen skurrilen Vorhang sehen und es fiel ihm schwer, ihr Gesicht zu auszumachen. „Ich habe gemeint, dass wir eigentlich keine Ahnung haben, was am nächsten Tag sein wird“, erklärte er und deutete dann auf den Krug: „Eistee?“
„Klar.“ Kassandra trat auf den Balkon, zog einen weissen Plastikstuhl heran und liess sich darauf plumpsen, sodass der Kunststoff trotz ihrer zierlichen Gestalt ein gequältes Knarren von sich gab. „Bist du mal wieder am Philosophieren?“
„Vermutlich, ja“, sinnierte er laut, als er den Tee einschenkte und ihn ihr reichte. „Ich finde es nur manchmal faszinierend, über das Leben nachzudenken. Du weisst schon, jemand von uns könnte morgen vom Bus überfahren werden, fertig, Schluss, aus. Wir sehen es einfach nicht kommen.“
Kassandra lachte und zuckte mit den Schultern. „So ist das Leben. Du hättest Meteorologe werden sollen, die glauben doch immer zu wissen, was morgen sein wird.“
„Im Moment sagen die immer nur: Morgen ist es auch wieder sonnig und heiss“, grummelte er. „Und irgendwann kommt dann ein grosses Gewitter mit Überschwemmungen. Nein, das ist nicht zum Aushalten, so viele schlechte Neuigkeiten mag ich den Leuten nicht überbringen.“
Seine Mitbewohnerin, die nur ein Tank Top trug, machte ein gleichgültiges Geräusch, nahm einen grossen Schluck und hob dann einen gelben Bleistift auf, der auf dem Tisch gelegen hatte. „Was ist denn das?“
„Ein Fanartikel von meinen Lieblingsbloggern“, meinte er, was sie zu einem Lachanfall verleitete. Sie schüttelte ihren lockigen Kopf und rief aus: „Was, jetzt liest du auch noch Blogs? Ich habe immer gemeint, du verbringst den Grossteil deiner Freizeit damit, Luftpolsterfolie zum Platzen zu bringen!“
„Komm schon, so schlimm bin ich auch wieder nicht“, murrte er und wollte weitersprechen, als ihn etwas in der Nase kitzelte und er krampfhaft versuchte, den Niessreiz zu unterdrücken.
„Nein, nein, nein!“, schrie sie leicht panisch, liess den Bleistift fallen, sprang auf und umklammerte mit beiden Händen das Balkongeländer. „Du kannst jetzt nicht niessen, du weisst, was dann passiert!“
Der Niesser war so laut, dass sie beinahe ihren Halt verloren hätte und noch als David „Sorry“ sagte, öffnete sich ein Riss zwischen mehreren Dimensionen und verschlang den Balkon in weissem Licht.
„Scheisse!“, rief Kassandra, als sie zusammen mit dem Anbau durch das weisse Nichts stürzten und sie sich die beste Mühe gab, nicht von dem dünnen Betonboden zu fallen, auf dem sie stand. Sie kauerte sich herunter und krallte sich an das Geländer und der Wind pfiff ihr um die Ohren, während David sich auf den Boden geworfen hatte. Die Rückwand und das Haus waren nicht mehr zu sehen, nur einige Metallträger, die aus dem abgerissenen Boden herausragten. „Ups“, formten seine Lippen, doch sie konnte ihn kaum verstehen. „Wieso muss ich nur mit einem zusammenwohnen, der jedes Mal, wenn er niesst, einen Riss in eine andere Dimension öffnet?“ Im nächsten Moment war das Spektakel vorüber und der Balkon stürzte aus dem Riss und krachte auf etwas Hölzernes, das splitterte. Kassandra duckte sich weg und nahm ihre Hände vom Geländer, mittlerweile kannte sie die Routine, schliesslich war das nicht das erste Mal, dass ihr Mitbewohner sie ungewollt in eine Parallelwelt mitgenommen hatte. „Verdammt, wo sind wir?“, hustete sie und hob verwirrt den Kopf. Der Staub ihrer unsanften Landung legte sich und sie begann sofort zu zittern, als sie die Schneeflocken sehen und auf ihrer Haut fühlen konnte. David erhob sich ebenfalls und gab sich Mühe, nicht mit seinen nackten Füssen auf die Scherben des Teekruges zu stehen, während er über einen der umgekippten Plastikstühle kraxelte. Er konnte sehen, dass sie auf dem Marktplatz eines mittelalterlich anmutenden Dorfes gelandet waren. Eisiger Wind peitschte ihnen vereinzelte Schneeflocken entgegen und aus den Kaminen stieg Rauch auf. „Da hast du dein Supernatural, gratis und franko“, gluckste er.
„Oh-oh“, machte Kassandra, ohne auf den Witz ihres Mitbewohners einzugehen, denn nun bemerkte sie die grimmige Menschenmenge, die sich um sie herum versammelte. Die in braune Lumpen gekleideten Leute wirkten nicht sehr freundlich und es dauerte nicht lange, bis sie begriff, wieso. Ihr Balkon war auf ein Podium gekracht und hatte den Boden zertrümmert. Über ihnen ragte ein nun schiefer Mast auf, von dem eine Schlinge herunterbaumelte und kaum einen Meter neben ihnen stand eine Frau in dunklen Klamotten ihren Dreissigern. „Oh, verdammt“, zischte David und gestikulierte zum Galgen hoch. „Wir sind in eine Hinrichtung geplatzt.“
„Und wo ist der Scharfrichter?“, fragte sie und beobachtete weiterhin die Menschenmenge, die sich bisher nicht traute, bis zum Podium heranzukommen. Er warf einen Blick übers Geländer und meinte dann langsam: „Ich glaube im unteren Stockwerk. Und ziemlich platt.“
„Igitt, wir sind auf einen Henker gefallen!“, quietschte sie und erschauderte, wenn sie auch nicht hätte sagen können, ob es an der Eiseskälte oder der Vorstellung des zu Brei verarbeiteten Scharfrichters lag. Rasch wandte sich David an die Frau in Schwarz. Er hatte nie herausgefunden wieso, doch offenbar sprachen die Leute in jeder Dimension seine Sprache, ja sogar seinen Dialekt. Auch wenn das für ihn keinen Sinn ergab, so fand er es doch sehr praktisch auf seinen, nicht ganz freiwilligen, Reisen. „Und wer bist du?“
„Sieht man das nicht?“, konterte die Unbekannte und deutete auf ihr schwarzes Outfit. „Ich bin eine Hexe.“
„Eine Hexe, na super“, seufzte Kassandra und schnitt im selben Moment eine Grimasse, weil sie auf eine Scherbe getreten war. „Shit!“
„Ich glaube, wir sollten nicht länger hierbleiben“, meinte David, denn nun hatten sich die ersten Dorfbewohner in Bewegung gesetzt und ihre Sensen und Prügel zur Hand genommen. Offenbar wussten sie es nicht zu schätzen, wenn man ihre Hexenprozesse unterbrach. Hastig rief David der Hexe zu: „Wir verschwinden von hier, willst du mit?“
„Natürlich, nehmen wir doch auch noch gleich eine Hexe mit nach Hause“, beschwerte sich Kassandra so leise, dass nur sie es hören konnte, als sie das Säckchen mit dem Niespulver aus der Tasche ihrer Shorts kramte, das sie für den Notfall immer bei sich trug, wenn sie in Davids Nähe war.
„Aber sicher“, entgegnete die Hexe und schwang sich mit einem magischen Salto auf den Balkon. „Mein Dank sei euch auf immer gewiss, edle Reisende.“
„Achtung, sie kommen!“, warnte er und seine Kameradin versuchte hektisch mit klammen Fingern ihr Säckchen zu öffnen. Die Hexe nahm die Sache erstaunlich gelassen: „Was habt ihr da für eine Flugmaschine?“
„Keine Zeit“, presste Kassandra hervor und blies ihrem Mitbewohner etwas vom Niespulver ins Gesicht, während die Dorfleute auf die Überreste des Podiums zu klettern begannen. Er niesste sofort und der Riss öffnete sich gerade noch rechtzeitig, um sie alle zurück zu transportieren. Kassandra umklammerte wieder das Geländer und konnte zu ihrer Überraschung sehen, wie die Hexe auf dem Beton stand wie auf einem Surfbrett und „Yipeee!“ schrie.
Mit einem unangenehmen Ruck materialisierte sich der Balkon wieder an seiner angestammten Stelle an der Fassade des Fünfziger-Jahre-Blocks, ganz so als wäre nie etwas geschehen. Nur der zerbrochene Eisteekrug, die umgekippten Stühle und die nun schmelzende Schneeschicht erinnerten an ihre skurrile Reise.
Die Hexe fuhr sich mit den Findern durch ihr zerzaustes Haar. „Mit welch grossen Magiern habe ich die Ehre?“
Trotz der Erschöpfung begann der Mann sofort zu lachen. „Wir sind keine Magier, ich bin David und muss manchmal niesen. Das ist Kassandra, ich habe sie vor zwei Jahren in einer Welt gefunden, in der alles mit Dampf angetrieben wurde. Und wer bist du?“
„Mein Name ist Frida“, antwortete die Hexe und sah sich in der für sie fremden Welt neugierig um. Ihr Blick fiel auf den Fernseher im Wohnzimmer, auf dem eine Autowerbung lief. „Eine magische Bilderbox?“
„Nein, wir haben Kabel“, meinte David automatisch, bis er verstand und entgegnete: „Ja, sowas in der Art.“
„Und was machen wir jetzt mit Frida?“, wollte Kassandra skeptisch wissen. „Wir haben gerade eine verurteile Hexe entführt, wir können sie ja jetzt nicht einfach vor die Tür stellen.“
„Wir haben noch ein leeres Zimmer“, schlug David vor. „Wir können ja morgen zu IKEA fahren und ihr ein paar Möbel besorgen.“ Er wandte sich an Frida: „Mach dir keine Sorgen, du musst erst Miete bezahlen, wenn du einen Job hast.“
„Was ist das, Miete?“, fragte Frida verwirrt und David begriff, dass das eine lange Nacht werden würde. „Keine Angst, wir erklären dir den Kapitalismus später, ich brauche jetzt erst mal einen Drink. Und dann zeige ich dir auch noch, wie man einen Computer bedient.“ Er unterbrach sich und erklärte: „Eine magische Bilderbox, die man mit einer Maus steuert.“
Frida musterte ihn skeptisch, wohl weil sie sich ausmalte, wie man ein Tier mit einer magischen Box verbinden konnte und ob sie dafür einen Zauberspruch kannte, doch sie blieb still.
„Moment, haben wir nicht etwas vergessen?“, fragte Kassandra und krauste nachdenklich die Nase. „Irgendwie habe ich das Gefühl…“ Ein ekliges Platschen auf dem Rasen unter ihnen war zu hören und sie lehnte sich übers Geländer, um nach unten zu sehen. In der Abenddämmerung konnte sie die Umrisse des zerschmetterten Köpers des Scharfrichters erkennen, der die Gänseblümchen plattgedrückt hatte. „Ah genau, das…“, murmelte sie indigniert und liess sich auf ihren Stuhl fallen. David verdrehte demotiviert die Augen und erhob sich. „Okay, holen wir Eimer und Schwamm, ist ja nicht das erste Mal, dass wir eine Sauerei wegkratzen müssen.“

* * *

Für Setting und Clues zu dieser Story bedanken wir uns bei Petra Arentzen. Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung freuen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, doch ihr könnt schon jetzt rätseln, was Sarah übernächsten Freitag mit den folgenden Vorgaben schreiben wird:
Setting: Orthopädie
Clues: Mikrobe, Pelzträger, Fitness, Realisation, Schleimspur

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