Sweet Home Oklahoma

SarahAutorin: Sarah
Setting: Oklahoma
Clues: Kunstleder, Zigarettenschachtel, Dämmerung, Giftigkeit, Haaresbreite

Jake sass am Ufer des kleinen Flüsschens und starrte gedankenverloren auf den Horizont, hinter dem eben die Sonne untergegangen war und sich der wolkenlose Himmel nun von Gelb ins Dunkelblaue zu färben begann. Er nestelte ungeschickt an seiner Jacke herum und kramte schliesslich mehr automatisch denn bewusst eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, während sein Blick weiter stoisch auf die leicht hügelige Landschaft fixiert war und seine Gedanken ganz anderswo zu sein schienen. Gemächlich streckte er sich und zündete dann fahrig eine Kippe an. Sehr bald würde die Dämmerung hereinbrechen und innert kurzer Zeit wäre die Gegend in Dunkelheit versunken, nur noch erhellt von den wenigen Laternen und den Lichtern, die aus den Fenstern der Wohnwagen im nahe hinter ihm liegenden Trailerpark fielen. Langsam wandte Jake sich um, als er Schritte hinter sich hören konnte, die rasch näher kamen. Er konnte seinen besten Freund Turk erkennen, ein schlanker, beinahe schlaksiger Mann in der Mitte seiner Dreissiger, der seine billige, abgewetzte Jacke aus Kunstleder mit einer Selbstsicherheit trug, welche an Stolz grenzte. „Abend, Cowboy“, rief er Jake entgegen, bevor er gänzlich herangetreten war. Seit sie in Oklahoma angelangt waren, hatte Turk ihn immer Cowboy genannt, wenn er auch keine Ahnung hatte wieso genau – er trug nicht einmal einen breitkrempigen Hut oder ein Lasso. Schweigend nickte er, als sich Turk umständlich neben ihm auf den Boden setzte. Sein bester Freund war nicht unbedingt ein Mensch der Stille und so dauerte es auch dieses Mal nur einige Augenblicke, bevor Turk zögerlich fortfuhr: „Sag mal…“ Er schien  kurz nachzudenken, während Jake ihm ermunternd zunickte. „Fragst du dich nicht manchmal, was wir hier tun?“
„Wie meinst du das?“, erkundigte sich Jake und schnippte seine Kippe auf den im Laufe der Zeit gewachsenen Müllhaufen am Rand des Flüsschens, zu dem rostigen Einkaufswagen, den alten Autoreifen und den durchhängenden Wäscheständern.
„Schau dich doch mal um“, murrte Turk und machte eine ausladende Geste, welche die abgenutzt wirkenden Wohnwagen hinter ihnen umfasste. „Das hier – das kann doch nicht alles sein.“
Jake lachte heiser. „Du bist ein Träumer, warst schon immer einer. Was willst du denn mehr?“
„Willst du mir etwas sagen, dass du mit dem hier zufrieden bist?“, murrte Turk. Jake zuckte fatalistisch mit den Schultern und schwieg kurz, bevor er vage auf die hereinbrechende Dämmerung deutete und schliesslich meinte: „Ist doch eine schöne Landschaft.“
„Um Urlaub zu machen, ja. Aber um da zu wohnen…?“, schmollte Turk gedehnt. „Es ist ja nicht so, als wären wir freiwillig hier.“
Jake nahm sich einen Stock und stocherte damit in dem Efeu herum, von dessen Giftigkeit er vor nicht allzu langer Zeit auf ziemlich schmerzhafte Weise erfahren hatte. „Jeder macht Fehler und manchmal muss man sie ausbaden“, sagte er lakonisch. „Soweit ich weiss könnten wir in zehn Jahre entweder in der Gosse oder an der Wall Street sitzen.“
„Manchmal geht mir dein Pseudo-Optimismus wirklich auf den Geist“, beschwerte sich Turk. „Wir hatten beide ein Leben, weisst du?“
„Und jetzt haben wir ein anderes“, entgegnete Jake schulterzuckend. „So ist es nun mal, machen wir das Beste daraus.“
„Verfluchte Wirtschaftskrise“, brummte Turk, erhob sich und trat gegen einen Stein. „Ein ganzes Land, nein die ganze verfluchte Welt, geht vor die Hunde!“
„Wir werden schon wieder auf die Beine kommen“, versuchte Jake ihn zu beschwichtigen und spielte weiterhin mit seinem Stock. Bevor Turk etwas entgegnen konnte, zuckte etwas aus dem Gebüsch neben Jake und verfehlte seine Hand nur um Haaresbreite. Dann wand es sich ganz schnell von ihm weg und verschwand in der Dunkelheit. Jake kreischte entsetzt auf und fluchte dann: „Heilige Scheisse!“
„War das eine Schlange?“, wollte Turk wissen und begann dann unkontrolliert loszukichern. Nur mühsam brachte er hervor: „Und wie willst du darin was Positives sehen?“
„Das ist nicht lustig, das Biest hätte mich killen können!“, fuhr Jake ihn an. „Du weisst, was ich von Schlangen halte!“
„Nicht viel?“, fragte Turk noch immer amüsiert, bevor er endlich versuchte, das Lachen zu unterdrücken. „Komm Mann, holen wir uns ein Bier.“
Jake verzog genervt das Gesicht, während er sich erhob und entgegnete einsilbig und offensichtlich noch immer etwas eingeschnappt: „Okay.“
Als die beiden Freunde auf die Lichter des Trailerparks, ihres ungewollten Heims, zuschritten, verschwand die weitläufige Landschaft des ländlichen Oklahomas in der Dunkelheit. Und während sich Turk wie fast jeden Abend in den Schlaf trinken würde, würde der abergläubische Jake in seiner Begegnung mit der Schlange (die er insgeheim Fred nennen würde) ein Zeichen sehen. Ein Zeichen, sich in dieser Nacht definitiv zu entscheiden, ob er seinem Leben mit dem alten Colt vom Kaliber .45 ein Ende setzen oder sich aufraffen und weiterkämpfen wollte. Sichtlich unberührt von der Wirtschaftskrise, ihren Auswirkungen auf die Menschheit und jedem Aberglauben glitt die Klapperschlange lautlos in den nächsten Busch, auf der Suche nach ihrem Abendessen.

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