Ein kaputtes Uhrwerk

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„Unsere Gesellschaft ist wie ein defektes Uhrwerk“, monierte Georgie, während er sich lässig auf der Polsterbank steckte und seine Lederjacke ein komisches Geräusch machte, als sie über den Sitzbezug scharrte. In der Milchbar dudelte die für die damalige Zeit übliche Musik und der Duft von Waffeln lag in der Luft.
„Jetzt mach mal halblang“, murrte Alexei und nahm einen großen, schlürfenden Schluck von seinem Milchshake. „Wenn du Hufe trappeln hörst, dann denkst du auch zuerst an Pferde und nicht an Zebras.“
„Jetzt nervst du schon wieder mit deinen Viechern, Doc“, murmelte Stanley vor sich hin, […] Weiterlesen

Ein Klassentreffen voller Stolz, Vorurteil und Rache

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Der Bentley kam kurz ins Schleudern und Ida verschüttete ihren Kaffee auf dem anthrazitfarbenen Leder, welches sie anschließend genervt mit einem Taschentuch trocken tupfte. Sie schluckte den kalten Kloß in ihrer Kehle hinunter, als sie das Ortschild passierten, rückte ihre blonde Mähne fahrig zurecht und bemühte sich um eine aufrechte, stolze Sitzposition. Die Dorfstraße hatte im letzten Jahrzehnt unter der rauen Witterung gelitten, denn obwohl man offensichtlich versucht hatte sie mit dürftigen Mitteln zu flicken, wies sie einige tiefe Schlaglöcher und Dellen auf. Ida war achtundzwanzig gewesen, als sie das Dorf zum letzten Mal gesehen hatte und so wie sie den Ort ihrer Kindheit und Jugend kannte, würde sich nicht viel verändert haben. […] Weiterlesen

Waco 2.0 – Ein weiterer Tag im Paradies

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T minus neunzig Minuten:
Waco. Wieso ließ mich dieses eine Wort nicht endlich in Ruhe, sondern wand sich durch meine Gedankengänge, nagte an meiner Selbstsicherheit und versuchte, mir den letzten Funken Ruhe zu rauben? Wieso versuchte es meine Gedanken in ein genauso chaotisches Muster zu verwandeln, wie es die an ein Satellitenfoto von einem Hurrikan erinnernde fraktale Drachenkurve auf den ersten Blick zu sein schien, welche als großes Bild an der gegenüberliegenden Wand des Sitzungszimmers hing? Ich warf einen genaueren Blick aus meinen übermüdeten Augen auf das große Bild und konnte […] Weiterlesen

Ich wünschte, ich wüsste wie es sich anfühlt, frei zu sein

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Das Gras ist feucht und die abgebrannte Stelle, auf der bis letzten Sommer immer unser Grill gestanden hatte, verströmt den Geruch von nasser Pappe. Gestern ist meine Frau gestorben und hinter Messners lieblos zusammengezimmerten Schuppen sehe ich eine rote Mütze auf und ab wippen; ein Kind, das sich durch den Regen nicht vom Schaukeln abhalten lässt. Ich sammle den letzten Gartenzwerg auf und werfe ihn, zusammen mit den Essensresten von heute Mittag, in die große Mülltonne, währendem ich mir das Hirn zermartere um mich zu erinnern, wo zum Teufel mein Schlagbohrer geblieben war. Morgen werde ich keine Zeit haben, der Termin mit dem Bestatter wird […] Weiterlesen

Rotkäppchen und die Kommunistenjäger

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Es roch süßlich nach den unzähligen Blüten der Pflanzen und ab und an war der kehlige Laut eines Raubtiers zu hören, während Han durch den Dschungel rannte. Er sah weder nach rechts, noch nach links sondern bloß geradeaus, auf sein Ziel fixiert und nichts würde ihn davon abhalten können es zu erreichen, nicht das grauenhafte Seitenstechen und nicht das Gefühl, dass seine Beine jeden Augenblick nachgeben würden. Für ihn gab es nur noch das Pochen seines Pulses, das er unglaublich laut in seinen Schläfen hören konnte und die Gegner hinter ihm. Noch etwa einen Kilometer bis zur Grenze, gleich wäre er gerettet – oder tot. Ohne an Geschwindigkeit zu verlieren […] Weiterlesen

Spiel, Spionage und Kernphysik

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Der junge Herr Sutter fühlte sich unbehaglich, während er die letzte Sicherheitsschleuse hinter sich ließ und als er den hellgrauen Teppichboden des Kontrollraums betrat, geriet er kurz ins Straucheln. Peinlich berührt blickte er sich um, griff sich demonstrativ an seine rechte Hüfte, welche er sich bei einer gewagten Snowboardabfahrt am Wochenende verknackst hatte und versuchte das Malheur mit einem schiefen Grinsen auszubessern. Herr Häberli, ein sehr freundlicher Mann, der trotz seines Alters einen jugendlichen Charme versprühte und mit dem sich Sutter im Vorfeld schon einige Male getroffen hatte, trat mit der zum Gruß ausgestreckten […] Weiterlesen

Mein kleiner Stein

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„Hallo mein lieber Stein, was tust du hier unter der grünen, alten Holzbank, deren Farbe längst abzublättern begonnen hatte? Vielleicht fällst du mir auf, weil du etwas grösser bist als deine kleinen Kiesel-Freunde und nicht so aussiehst, als ob du in einem Steinbruch malträtiert worden wärst. Nein, du bist weiß gesprenkelt, rund und schön abgeschliffen, ganz so, wie wenn das Wasser dich über Jahrmillionen hinweg geformt hätten.“
Zwei vorbeigehende Frauen in mittleren Jahren rissen mich mit ihrem Geplapper aus meinem stummen Dialog mit „meinem Stein“ – sollten sie ruhig, ich konnte auch noch […] Weiterlesen

K-9, oder: Die Nadel im Heuhaufen

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Madison war am Mississippi-Delta, in der Nähe der texanischen Grenze aufgewachsen und so war es ihr leicht gefallen, sich an ihren neuen Einsatzort zu gewöhnen – sie hatte sich sogar auf die Versetzung gefreut, da sie dadurch endlich dem unerträglichen Tumult der verschwitzten Großstadt entkommen konnte. Die Basis war zwar noch immer im Aufbau und ließ, was die kleinen Freuden des Alltags anbetraf, noch einiges zu wünschen übrig, aber immerhin war für das Nötigste gesorgt und bis auf einige, kaum nennenswerte, Zwischenfälle war es seit Monaten nicht mehr zu ernsthaftem Feindkontakt gekommen. So hatte Madison genügend Zeit gefunden, sich mit ihrem […] Weiterlesen

Ehrlos & Gesetzlos

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„Archie, du verdammtes Greenhorn“, murmelte John, während er sich fahrig eine Kippe anzündete und sich auf dem Parkplatz der Autobahnraststätte umblickte. „Ruhe in Frieden.“
„Er wollte ja unbedingt dabei sein“, kommentierte Selma trocken und lehnte sich an den Laternenpfahl neben ihm. Es stank nach Abgasen und der Nieselregen aus dem nebligen Himmel vermochte die Stimmung auch nicht zu bessern. John wandte sich ihr zu und entgegnete gereizt: „Schon, aber trotzdem steckt jetzt ne Kugel in seinem Schädel. Wir hätten ihn nicht mitnehmen dürfen.“ […] Weiterlesen

Na toll

„Na toll“, dachte ich mir, „schon wieder eines dieser wasserstoffblonden Teenie Mädchen, die sich nur hier hin verirren, weil Rockmusik gerade im Trend liegt und nicht, weil sie tatsächlich daran interessiert sind.“ Ich war natürlich ganz anders, ich atmete, blutete Musik, weswegen ich mich auch dazu entschieden hatte nach der Schule hier im Musikgeschäft zu arbeiten, anstelle davon den besser bezahlten Studentenjob im Kaffeehaus anzunehmen. Demonstrativ wandte ich mich von der Eingangstüre ab, schlenderte gelangweilt in das Hinterzimmer, in dem ein Großteil der Gitarren ausgestellt war und holte mir ein abgegriffenes Vorführmodell vom Regal. Die Les Paul lag gut in meiner Hand und es schien mir, als würde sich das Lied von alleine spielen; seit mir die Melodie an meinem siebzehnten Geburtstag zum ersten Mal durch den […] Weiterlesen