Perfekt

RahelAutorin: Rahel
Setting: Opernhaus-Untergeschoss
Clues: Nizza, Heuchler, 3D-Brille, Kugellager, Kommissar
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält Szenen, die auf einige Leser beunruhigend wirken könnten.

Verwelkte Bücher, getränkt im staubigen Duft des Kellers, stehen in Reih und Glied hinter einem rostigen Garderobenständer und warten darauf, von neugierigen Händen entdeckt zu werden, doch sie bemerkt sie nicht und stibitzt ein silbernes Paillettenkleid. „Das wird dir sicher passen“, ruft sie durch den vollgestellten Raum und hält inne, als sie sich selbst im Spiegel erblickt. Ein stummes Schluchzen schmerzt in ihrer Kehle und für eine flüchtige Weile lastet der Druck unerträglich auf ihr, bis sie sich von der Fratze abwendet, den mottenzerfressenen Vorhang aufschiebt und mit einem breiten Lächeln zu der Schauspielerin schlendert, die sich abwesend im Requisitenraum umsieht. „Hier“, sagt sie und bewundert die schmale Gestalt, die wie eine filigrane Blume auf ihren gazellenhaften Beinen vor ihr steht und mit einer zarten Bewegung das Kostüm entgegennimmt. „Ich danke dir“, flüstert die Lilie mit ihrer zerbrechlich rauchigen Stimme und verschwindet schwebend auf der steinernen Treppe.

Das hysterische Weinen der Kuratorin, die sich gebrochen ans Geländer klammerte, klang dumpf und wurde von der schieren Menge der Stoffmassen erstickt, währendem er sich durch das unheilvolle Chaos im Kostümraum kämpfte. „Herrgott, wie kann man so arbeiten?“, nörgelte er, als er versehentlich einige Perücken von einem Regal stiess und auf eine Maske trat, die aussah wie eine 3D-Brille. Entnervt von der süsslich-stickigen Luft, die das ganze Opernhaus-Untergeschoss durchzog, fuhr er fort: „Kann mir mal jemand sagen, wie ich in dem ganzen Plunder den Tatort finden soll?“ Verloren blickte er sich um, erkannte jedoch nichts. Erst als ein junger Polizist zwischen zwei Kleiderständern auftauchte, an ihm vorbeirauschte und sich dann auf dem Flur geräuschvoll übergab, erspähte er die versteckte Tür.

Rose sitzt regungslos und mit weit geöffneten, milchig-roten Augen auf der Werkbank und sehnt sich danach, endlich vollständig zu sein. „Hab noch etwas Geduld“, fleht sie ihre Angebetete zaghaft an und streicht ihr dann sanft die feurigen Locken hinters Ohr. „Bald wirst du fliegen können.“ Das rote Dämmerlicht liess das geheime Zimmer wie eine Dunkelkammer aussehen und warf weiche Schatten auf ihr Gesicht, währendem sie den Jutesack auf die Seite stellt und das Besteck bereitstellt. Rose beobachtet sie blind und ohne Scheu oder Zurückweisung – ein tiefes Gefühl der Geborgenheit durchflutet sie und sie vergisst die Narben.

„Ach du Scheisse!“ Der Kommissar hoffte, dass seine Flüche das blanke Entsetzen maskieren konnten, das er nicht abzuschütteln vermochte, als er sich ein Taschentuch vor Nase und Mund presste und mit einem mutigen Schritt durch den Türrahmen ging. Fassungslos starrte er auf die schwach beleuchtete Szenerie und wünschte sich, dass seine leise Freude über die unbeschreibliche Gräueltat verschwinden möge. Auf der verkratzten Tischplatte lag ein schwarzes Seidentuch, in das etwas eingewickelt worden war und darunter hatte sich ein kreisrunder Fleck in das Holz gefressen. „Herr Kommissar, wir sind froh, dass sie da sind.“ Die Forensikerin wirkte erstaunlich gefasst, beinahe gelassen und deutete ihm mitzukommen. „Das müssen Sie sich ansehen.“

Nachdem sie etwas Potpourri hinzugemischt hat, hält sie das Stroh sorgfältig an das Drahtbein und bindet es mit Garn fest. Im Hintergrund säuselt die dicke Dame und erinnert sie an die Zeit, die sie beinahe vergessen hätte, so dass sie kurz aufhorcht und es ihrem Geist erlaubt, erneut in Einsamkeit zu sterben, bevor er, getrieben von unerschöpflichem Ehrgeiz die Eine zu schaffen, wiederaufersteht. „Du wirst makellos werden“, erklärt sie gedämpft und fährt liebestrunken über den schlanken, neu geformten Schenkel ihrer Partnerin. „Und du wirst mich nie verlassen, so wie all die anderen Heuchler.“ Die Arie geht zu Ende und die Nadel springt zum nächsten Lied.

Sie sah aus wie eine Schaufensterpuppe, wie die Plastikdamen, für deren Gewänder seine Frau auf der Avenue Jean Medecin in Nizza geschwärmt hatte. „Sie ist bildhübsch, nicht wahr?“, stellte die kurzhaarige Frau fest und zog eine Spiegelreflexkamera aus ihrem Laborkittel, währendem der Kommissar die grotesk anmutenden Gesichter der Puppen nach einem Zeichen von Menschlichkeit absuchte. Zögerlich streckte er seine Hand aus und berührte die gegerbte Haut und als seine Fingerkuppen über ihre leblose Wange glitten, hatte er den Eindruck, sie würde ihn durch ihre erloschenen Augen betrachten. „Wie viele sind es?“, fragte er aus seiner Schockstarre erwacht und rieb seine ausgetrockneten Hände gegeneinander, in der Hoffnung, er würde den Tod so abschütteln können. „Das wissen wir noch nicht genau“, erklärte die ihm unbekannte Forensikerin sichtlich erregt, ohne ihr morbides Entzücken über das menschliche Puzzle zu vertuschen.

Gedankenverloren ist sie damit beschäftigt die butterweiche Lederhaut über das Beingerüst zu dehnen, es glattzustreichen und nach ihrem Bild der Vollkommenheit zu formen. „Liebste Rose, heute wirst du deine Flügel bekommen.“ Das Tänzerbein wird sie komplettieren, ihr die Fähigkeit verleihen im ewigen Himmelreich Gottes zu schweben und sie von ihrem geschundenen Körper erlösen, dessen Anblick sie nicht mehr ertragen kann. In vollständiger Glückseligkeit liegt sie in Roses Armen, liebkost und küsst sie auf die welken Lippen, deren süsser Duft nach getrockneten Blumen sie in Ekstase versetzte. Ihnen würde nur dieser eine Tag bleiben, bevor sie sich verabschieden müssten, ein einziger Tag, an dessen Ende ihr freier Fall stehen würde.

„Was zum Teufel machen Sie da?“, fragte der Kommissar aufgebracht, ein in Schutzkleidung gehüllter Assistent die zusammengesetzte Leiche der unbekannten Frauen aufhob und über seine muskulöse Schulter warf. „Sorry Boss, das Kugellager des Transportwagens ist hin.“
„Dann flicken sie das verdammte Ding! Ich will nicht, dass sie meine Beweismittel beschädigen“, schimpfte er aufgebracht und fügte mit einem angewidertem Gesichtsausdruck an: „Wer weiss wie gut das Ding vernäht wurde.“ Hinter ihm erschien die seltsame Forensikerin, hielt ihm ein staubiges Buch unter die Nase und sagte erfreut: „Ich glaube wir haben das Motiv.“ Es war eine Erstausgabe von E.T.A. Hoffmanns Sandmann, die nur scheinbar vergessen unter einem Garderobenständer geschlummert hatte.

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