Von Pflanzen und Zombies

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der sechsten Clue Writing Challenge.

Ich mag sie, diese ruhigen Momente, in denen ich die Herbstsonne im Wald genieße, friedvoll, sorglos. Fast sorglos, denn mich mit etwas anderem als dem aktuellen Problem zu befassen, wäre nicht allein dumm, sondern ebenso leichtsinnig, daher nehme ich den Bleistift zur Hand und widme mich wieder meinen Plänen. Meine Konzentration ist flüchtig, zu angenehm ist es hier draußen, eine willkommene Abwechslung vom Trott des Alltags. Also zwinge ich mich dazu, in meine Aufgabe abzutauchen, Fehler darf ich mir nämlich keine leisten, schließlich hätten diese gravierende Folgen. Entschlossen ignoriere ich die Idylle und setze meine Arbeit fort.

Ein Rascheln lässt mich aufschrecken. Eilig lege ich Block und Stift beiseite und sehe mich um – niemand ist zu erkennen. Dennoch taste ich nach der Axt, mit der ich normalerweise mein Brennholz schlage, stehe auf und erkunde möglichst leise in einem Kreis den Perimeter. Einigermaßen lautlos durch hüfthohes Gras zu marschieren ist gar nicht so einfach, gehört aber zu den Fähigkeiten, die man sich notgedrungen schnell aneignen muss.
Da – eine Bewegung in einem Gebüsch! Ehe ich reagieren kann, springt ein Eichhörnchen heraus, schießt auf den nächsten Baum zu und hastet den Stamm hoch.
Glucksend schlendere ich zu meinem Baumstrunk zurück, da hat es ein Eichhörnchen tatsächlich geschafft, mich in Paranoia zu versetzen. Naja, unter den Umständen ließe sich die Paranoia vielleicht gesunde Skepsis nennen. Besonnen hebe Bleistift und Block auf und mache eifrig weiter, damit ich vor Einbruch der Dunkelheit fertigwerde und zeitig nach Hause komme.

Zufrieden packe ich Block und Bleistift in meinen Rucksack, erhebe mich und strecke mich ausgiebig. Ein Blick auf die Armbanduhr verrät mir: Demnächst geht die Sonne unter und es ist Zeit fürs Abendessen. Gutgelaunt schultere ich mein Gepäck, hänge die Axt daran, greife mir meinen Bogen und mache mich auf den Rückweg, tiefer in den Wald. In den dichten Baumkronen baumeln bereits die ersten gelblichen Blätter im Wind, bald würden die Nächte kalt und scheinbar endlos, was uns zum Glück nicht zu kümmern braucht, denn wir haben den ganzen Sommer Brennholz gesammelt und Knollengemüse angebaut. Egal, wie harsch er wird, der Winter kann kommen.
Im Nirgendwo zu wohnen bringt viele Annehmlichkeiten mit sich, sinniere ich. Dank all den Bäumen ist mag gut geschützt, entdeckt wird man eigentlich nie. Zudem ist die Gegend reich an Wild, Wassermangel gibt es nicht und in den letzten drei Jahren sind keine ungebetenen Gäste bis zur Hütte vorgedrungen. Bis auf Samuel, der mein Mitbewohner und bester Freund wurde. Soll noch jemand behaupten, erst zu fragen, anstelle davon gleich zu schießen sei eine schlechte Idee. Im Wald selbst ist es hingegen nicht mehr so sicher wie vor kurzem, da hatte ich dieses Jahr schon drei unerwünschte Begegnungen, deswegen auch die Notwendigkeit für neue Pläne.

Der Wind frischt auf, verweht einzelne welke Blätter. Das Barometer soll Recht behalten, schlechtes Wetter kommt. Ich bin froh, dass unsere Hütte solid genug ist und jeden Herbststurm überstehen kann, genügend Lesematerial sowie Gesellschaftsspiele haben wir ja sowieso. Mein schwungvoller Gang verlangsamt sich ein bisschen, als es bergauf geht. In der alten Welt war ich untrainiert und relativ füllig, das hatte sich rasch geändert, als flinkes Wegrennen zentral für mein Überleben wurde. Ich bin keine Ausnahmesportlerin geworden, doch zumindest fit genug, um mit der neuen Situation klarzukommen. Allerdings bevorzuge ich es heute wie früher, Probleme nicht frontal zu konfrontieren, stattdessen gehe ich sie mit Köpfchen und guter Vorbereitung an. Wieso sollte man seine Haut riskieren, wenn sich eine wesentlich elegantere Lösung präsentiert?

Axtschläge hallen zwischen durch den Wald, die Baumstämme lichten sich und da taucht unsere Blockhütte auf. Samuel steht über einen Stunk gebeugt und zerlegt Brennholz in kleine Scheite, Schlag für Schlag, sein Bart wippt dazu hin und her wie ein heiteres Frettchen auf einem Ast. „Hey“, rufe ich um ihn vorzuwarnen, damit ich nicht mit einer Klinge an der Kehle im Gras zu liegen komme – seine Reflexe sind ungeschlagen.
Er sieht auf, wendet sich um und winkt mir zu. „Hey zurück“, entgegnet er fröhlich und wartet, bis ich herangekommen bin. „Na, hast du die Pläne fertig?“
„Ja, alles bestens, heute ist ein guter Tag“, erkläre ich. „Mit Hilfe der alten Landkarten war es ziemlich einfach, etwas Passendes zu entwerfen. Wir müssen bloß einige Bäume fällen.“
„Es hat eben Vorteile, eine Geographin im Team zu haben“, murmelt er, schlägt seine Axt in den Strunk und fügt an: „Wollen wir für heute Schluss machen? Die Suppe steht schon auf dem Herd.“
„Das klingt gut“, stimme ich zu und folge ihm ins Innere der Hütte.

„Na also“, seufzt Samuel gleichmütig, als er die Pokerkarten hinlegt und den Gewinn zu sich zieht. Der Tradition zuliebe liegen etliche Münzen auf unserem Spieltisch, obschon die Währung absolut wertlos ist. Poker und Schach sind zwei weitere Gründe, weshalb es sich stets lohnt, Kameraden zu haben – nicht so triftige Argumente wie das blanke Überleben, trotzdem, eine Welt ohne Unterhaltung kann ganz schön langweilig werden.
Samuel wechselt das Thema und deutet auf die Pläne, die neben mir liegen. „Also, du bist dir sicher?“
„Ja. Wir müssen nur noch diese kleine Lücke in unserer Verteidigung schließen, dann sollten keine Zombies mehr hier hochkommen. Solange diese untoten Idioten nicht plötzlich begreifen, wie sie über umgelegte Baumstämme klettern können …“, kichere ich und beiße mir ein Stück gebratene Schwarzwurzel ab, bevor ich mit vollem Mund weiterspreche: „Außerdem habe ich die Topologie studiert, die besten Stellen gefunden und alles notiert.“
„Wer hätte gedacht, dass man mit Pflanzen Zombies besiegen kann?“, lacht Samuel und nimmt einen Schluck von seinem Tee.

Autorin: Sarah
Bildvorgabe:
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