Pissorange

RahelAutorin: Rahel
Setting: Metzgerei
Clues: Kondensstreifen, Internetmillionär, Schotterbett, Infusion, Natriumdampflampe

Mit tief ins Gesicht gezogener Wollmütze stapfte sie durch den Schnee, der ihr knapp bis zur Mitte der Wade reichte. So früh am Morgen schienen die Strassenlaternen noch und alles leuchtete in nebligem Pissorange. Als Piper die Ladenöffnungszeiten online nachgesehen hatte, war ihr ein Stein vom Herzen gefallen, die konnte den peinlichen Einkauf erledigen, bevor irgendjemand aufwachen würde. Am Ende der Strasse lag sie, die kleine Metzgerei, deren Schaufenster im grellen Gegensatz zu der davorstehenden Laterne mit Natriumdampflampe bläulich blinkten. Sie ächzte, hielt an und rieb sich mit ihren behandschuhten Fingern die Nasenwurzel. „So tief bist du also schon gesunken“, jammerte die Stimme in ihren Gedanken, konnte sie schlussendlich aber doch nicht zum Umkehren bewegen. Entschlossen, dieses gottverdammte Geschäft so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, rückte Piper den Träger ihrer Hermés zurecht und bemerkte dabei, dass die Achsel ihres Mantels nach Schweiss von der vorletzten Saison stank. „Passt ja“, murmelte die blonde Schönheit augenrollend.
Ein altmodisches Glöckchen klingelte, die Tür quietschte leise und mit einem Mal fand sie sich auf einem Flecken mintgrünen Linoleums wieder, der die Geräusche ihrer Absätze beinahe komplett verschluckte.
„Guten Morgen.“ Piper brauchte einige Sekunden, bis sie den Gruss des jungen dunkelhäutigen Herrn hinter der Theke erwidern konnte. Gerade lange genug, dass dieser seinen Kopf fragend zur Seite legen, aber sich noch nicht nach ihrem Wohlbefinden erkundigen konnte.
„Hallo, ich möchte gerne die…“ Verdammter Mist, wieso zur Hölle musste sich ausgerechnet jetzt ihr Hustenreiz melden? Piper langte mit ihrer Rechten in die leere Manteltasche und fluchte, als ein schleimiger Brocken in der linken Hand landete. Das Taschentuch mit den gestickten Initialen war in ihrer neuen Jacke, in der, die sie vor drei Tagen beim Schneider abgeholt hatte.
„Moment, ich hole Ihnen ein Glas Wasser!“, klang es halb hilfsbereit, halb besorgt um die Hygienevorschriften hinter der Theke hervor und Piper freute sich, den Typen wegeilen zu sehen. So konnte sie unbeobachtet den Schnodder an das graubraune Seidenfutter schmieren.
Eigentlich sah die Metzgerei gar nicht so schäbig aus, wie sie es sich vorgestellt hatte. Klar, alles vom Deckenventilator bis zur Trinkgeldkasse war uralt, aber blitzblank und hübsch arrangiert. Wenn sie es sich recht überlegte, erinnerte die Einrichtung ein klein wenig an einen dieser Trendläden, die jetzt überall aus dem Boden gestampft wurden und überteuertes Biogemüse an die selbstverliebte Oberschicht verkauften. Piper hätte es hier super gefallen müssen. Tat es aber nicht.
„Hier, bitte.“ Mit einem mitleidigen Lächeln reichte der Junge ihr ein Ikea-Glas und winkte ihre vorgespielte Dankbarkeit mit ebenso vorgespielter Höflichkeit ab.
„Nun, was darf es denn sein?“ Wieso dieses Arschloch sie das überhaupt fragte, war Piper nicht ganz klar, immerhin waren ihm die Symptome bestimmt aufgefallen. Vielleicht wollte er es ihr einfach nicht gönnen, die Angelegenheit mit einem Rest an Würde hinter sich zu bringen.
„Ich hätte gerne die Spezialität des Hauses.“ Sie musste sich richtiggehend dazu zwingen, diese widerlichen Worte auszuspucken und hätte damit am liebsten auch gleich noch etwas Galle hochgewürgt. Das breite Grinsen des Wixers in der weissen Schürze machte es auch nicht besser, aber was wollte sie sich schon darüber beschweren, sie war selbst schuld an dieser vermaledeiten Misere.
„Selbstverständlich. Bitte folgen Sie mir.“ Piper tat wie ihr befohlen wurde und liess die Sohlen ihrer Pedro Garcia Stiefel über den abgetretenen Boden schleifen. Sie vergeudete keinen Augenblick damit, darüber nachzudenken, dass sie sich in eine womöglich gefährliche Situation brachte. Ihre Mutter und die Schwestern aus der Studentinnen-Verbindung wären schwer enttäuscht, hatten sie doch Jahre damit verbracht, ihr die Angst vorm Schwarzen Mann einzubläuen. Piper war das alles jetzt egal, sie war bloss glücklich, aus dem öffentlichen Verkaufsraum zu entkommen, obwohl sich ohnehin keine ihrer Freundinnen jemals in diesen Teil der Stadt verirrt hätte.
„Sie sind zum ersten Mal hier, nicht wahr?“, wollte der krause Junge nun wissen und stellte dabei einen morschen Stuhl beiseite, so dass sie etwas mehr Platz in dem winzigen Arbeitsraum hatten. Überall lagen undefinierbare Körperteile irgendwelcher Viecher herum, teils zu einer braun-roten Masse zerhackt, teils mit zersägten Knochen auf die Weiterverarbeitung wartend. Piper nickte und hob ihr Kinn. Wenigstens das konnte er ihr nicht nehmen, überkam sie die plötzliche Einsicht, die Tatsache, dass dies noch lange nicht das Ende, sondern erst der Beginn ihres Abstiegs war.
„Keine Angst, wir haben oft Kunden wie Sie. Ich werde Ihnen alles erklären.“ Vermutlich meinte er das sogar gut, aber Piper wäre ihm am liebsten sofort an die Kehle gesprungen. Was bildete sich dieser verfluchte Abschaum ein, sie mit seinen anderen Kunden zu vergleichen? Sie wollte ihn anschreien, ihm ein für alle Mal klarmachen, dass sie kein Bisschen so war wie die Huren und Versager, die hier ein und ausgingen – Ihr Ex-Mann war Internetmillionär, eine grosse Nummer im Business und sie eine hoch geachtete Frau in der Gesellschaft! Doch sie tat es nicht und bedankte sich stattdessen.
„Gut, dann müsste ich rasch wissen, welches Medikament Sie bisher genommen haben“, begann er und sein entspanntes Lächeln wich einer ernsteren Miene, „und natürlich die Dosierung.“ So schnell als hätte sie es im Vorfeld einstudiert, leierte Piper die lange Liste von Opioiden runter, die ihr Arzt ihr bis vor wenigen Wochen noch verschrieben hatte. Der junge Mann sah sie eine Weile mit geweiteten Augen an, öffnete den Mund um etwas zu sagen, drehte sich dann aber um und begann, in einer Schublade zu wühlen. „Na super“, dröhnte eine sarkastische Stimme in ihrem Schädel, „Sogar der beschissene Dealer hält dich für abartig! Wieso legst du dich nicht einfach aufs Schotterbett und wartest auf den nächsten Zug?“
„Okay, setzen wir uns doch kurz.“ Als er ihr den Stuhl anbot war sein freundliches Lächeln wieder zurückgekehrt. Piper zögerte kurz, erinnerte sich dann aber, dass sie den Trenchcoat ohnehin keine weitere Saison würde tragen können und setzte sich dann auf das, was aussah wie eingetrocknetes Tierblut.
„Haben Sie das schon mal gemacht?“, erkundigte sich der Typ, während er das handtellergrosse, viereckige Päckchen an der Seite aufschnitt. Ein pissoranges Pulver bröselte auf die gescheuerte Tischplatte und Piper blinzelte irritiert.
„Sollte das nicht weiss sein?“
„Weisses kommt aus Thailand“, informierte er sie kurz. „Das hier stammt aus dem arabischen Raum und wir geben kleine Mengen an Fentanyl bei, so wirkt es beruhigender.“ Mit wenigen geübten Handgriffen hatte er das Pulver auf der Metalloberfläche ausgebreitet, so dass es nun wie schmutzige Kondensstreifen im grauen Himmel aussah. „Möchten Sie das Produkt gleich testen?“
Piper schüttelte abwesend den Kopf. „Fentanyl?“ Sie hatte zwar gerüchtehalber gehört, dass Heroin mit Backpulver gestreckt wurde, aber noch nie, dass synthetische Analgetika verwendet wurden.
„Ja, unsere Medikamenten-Kunden schätzen das sehr.“ Inzwischen hatte er einen frischen Strohhalm aus einer Holzschachtel genommen und hielt ihn ihr nun entgegen. „Wollen Sie?“
Erneut schüttelte Piper den Kopf. „Fentanyl kann man auch als Infusion verabreichen, richtig?“
„Ja, aber das würde ich Ihnen nun wirklich nicht empfehlen. Versuchen Sie es doch erst mal so…“
„Wie viel?“, unterbrach die Blonde ihr Gegenüber, dessen Gesichtsausdruck nun ehrliche Besorgnis zeigte.
„Miss, ich glaube Sie verstehen da etwas falsch!“ Er stand auf und lehnte sich an die Tischkante. Hörte sie da richtig, fragte sich Piper und biss sich wütend auf ihre rot geschminkte Unterlippe, wollte dieses Arschloch ihre jetzt tatsächlich auf diese Tour kommen?
„Junger Mann“, flüsterte sie um ihre Contenance kämpfend, „bei allem Respekt, es geht Sie einen feuchten Scheissdreck an, auf welche Art und Weise ich meine Schmerzen zu bekämpfen pflege!“ Jetzt blickte er sie vollkommen fassungslos an, liess sogar seinen Mund offen stehen, als wäre er eine lächerliche Cartoon-Figur. „Wollen Sie nun mein beschissenes Geld haben oder soll ich ihnen die Polizei auf den Hals hetzen?!“
Er atmete langsam aus und setzte sich wieder, ehe er sich eindringlich anstarrte und sagte: „Sie möchten das Heroin tatsächlich kaufen?“
„Nach was zum Teufel sieht es denn aus? Ja, verfluchte Scheisse, ich will den ganzen Haufen!“ Ihre Stimme überschlug sich und ein weiterer Hustenanfall überkam sie. Genauso wie vorhin brachte der dunkelhäutige Mann ihr ein Glas mit Wasser und wartete geduldig ab, bis sie ruhig atmen konnte. Er schloss die Augen, seufzte und öffnete sie dann wieder, ehe er ihr Handgelenk umfasste. „Wie kann er es wagen?“, fragte sich Piper, doch bevor sie sich über diese unmögliche väterliche Geste hätte beschweren können, hörte sie ein Klacken und er meinte nüchtern: „Sie sind wegen Absicht zum Erwerb von Rauschmitteln festgenommen.“

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