Das Kind mit der Plüschaxt

RahelAutorin: Rahel
Setting: Hamburger Hafen
Clues: Barde, Soziopath, Plüschaxt, Zombieliebe, Tentakelknoten

„Rebecca, bitte!“, flehte Cordelia ihre Vierjährige an, während sie sanft am Ärmel des hellgelben Regenmantels zerrte. Das Kind hatte sich in den letzten Wochen so sehr verändert, das sie es kaum wiedererkannte – aus dem einst so braven Mädchen war ein Biest geworden, das an Sturheit bloss von einem Maultier überboten werden konnte.
„Rebecca!“, versuchte sie es erneut. Ohne Erfolg, das Mädchen bewegte sich keinen Millimeter von ihrem Platz auf der Reling weg und streckte ihr sogar die Zunge heraus. Laut seufzend liess sie ihre Finger über den beschichteten Stoff des Mantels herabgleiten und blieb eine kurze Weile mit hängendem Kopf vor ihrer Tochter stehen, ehe sie sich neben sie setzte. Cordelia war nicht naiv, ihr war klar gewesen, dass ihr liebes Kind irgendwann damit beginnen würde, sich gegen ihre mütterliche Fürsorge zu sträuben. Dennoch hatte sie nicht damit gerechnet, wie sehr ihr das alles zusetzen würde und das schlimmste daran war, dass diese kleinen Streitereien erst der Anfang waren. Mit dem Gefühl wachsender Überforderung dachte Cordelia an die kommenden Jahre, in denen sie erst mit einem frechen Kind und dann mit einem Teenager würde zusammenleben müssen.
„Du wächst mit deinen Aufgaben“, flüsterte sich Cordelia die aufmunternden Worte zu, die ihre Mutter ihr mitgegeben hatte, „du wirst das Problem lösen, wenn es vor dir steht.“ Site atmete tief durch, kniff kurz die Augen zusammen und öffnete sie dann mit einem Grinsen auf den Lippen wieder.
„Kennst du die Geschichte vom störrischen Oktopus?“, fragte sie Rebecca mit einem spielerischen Stupser in den Oberarm. Die Kleine schien erst skeptisch, vermutete wohl, dass dies bloss wieder eine Taktik ihrer Mutter war, sie zum Reden zu bringen, aber wie üblich, konnte sie die Neugier nicht unterdrücken. Zaghaft schüttelte sie den Kopf, sodass ihre blonden Locken hin- und herwippten.
„Nun“, begann Cordelia in einem verschwörerischen Tonfall, „es gab einmal einen Oktopus, der sich von niemandem etwas sagen liess und immer nur das tat, was er gerade wollte.“ Natürlich hatte die junge Mutter absolut keine Ahnung, wohin diese Geschichte führen würde, das hatte sie nie. In der Regel begannen ihre Erzählungen immer ganz unschuldig und wenn alles glatt ging, endeten sie mit einer passenden Pointe für die jeweilige Situation, manchmal aber verzettelte sie sich so sehr, dass die Geschichten in absurde Bahnen gelenkt wurden. Bis zum heutigen Tag schämte Cordelia sich dafür, ihrer damals dreijährigen Tochter etwas von Zombieliebe und Menschenfressern vorgegaukelt zu haben, nur damit diese sie ihre Kuscheldecke waschen liess.
„Der störrische Oktopus hatte einen gemütlichen Platz auf der Koralle und er wollte da einfach nicht weg. Nicht, um mit seinen Freunden zu spielen und auch nicht, um mit seiner Mutter spazieren zu gehen. Weisst du warum der störrische Oktopus nicht von seinem Platz weg wollte?“ Hoffnungsvoll nickte sie ihrem Kind zu und wartete geduldig auf eine Antwort. Der Sekundenzeiger auf Cordelias Uhr drehte zwei volle Runden, ehe sie das Warten aufgab und fortfuhr: „Ich glaube, der Oktopus hatte vor etwas Angst, deswegen hat er auch einen seiner Arme genommen und sich mit einem dicken, fetten Tentakelknoten an der Koralle festgemacht. Nur weiss ich nicht, wovon der kleine Oktopus solche Angst hatte. Weisst du es?“
„Ich weiss nicht“, liess Rebecca kleinlaut verlauten und vergrub ihr Kinn in dem grossen Schal, den sie heute früh aus der hintersten Ecke ihres Schrankes gekramt hatte.
„Bist du sicher?“ Cordelia wusste, dass sie einen Nerv getroffen hatte und wollte nun nicht lockerlassen. Vielleicht klammerte sie sich an eine Illusion, aber etwas sagte ihr, dass Rebeccas Wandel vom aufgeschlossenen, fröhlichen Mädchen zum grimmigen Maulesel nicht bloss an ihrem Alter lag. Sie konnte nicht dingfestmachen, was es war, aber irgendetwas, da war sie sich auf einmal sicher, war los und sie musste unbedingt herausfinden, was es war.
„Rebecca, Schätzchen, du weisst, dass du mir alles sagen kannst?“ Ihre Stimme war leise, doch die Kleine hatte sie ganz bestimmt gehört, denn nun schielte sie über den Rand des Schals direkt in die Augen ihrer Mutter und verzog ihren Mund zu einer Schnute.
„Der Oktopus…“, begann das blonde Kind und noch ehe Cordelia etwas sagen konnte, hüpfte sie von der Reling, drehte sich um und zeigte mit ihrem kleinen Finger ins Wasser. „Er will nur nicht in die Stadt gehen, dorthin, wo viele Männer sind. Er will dort bleiben, wo es sicher ist.“
„Okay“, erwiderte Cordelia perplex. „Wie kommt der Oktopus denn auf die Idee, dass Männer gefährlich sind?“ Sie musste ein Seufzen unterdrücken, wollte ihrer Tochter nicht das Gefühl geben, sie würde ihre Ängste nicht ernstnehmen. Aber egal wie sehr sie sich anstrengte, Cordelia wollte einfach kein Grund dafür einfallen, hatte sie ihr Kind doch stets behütet und gegen alles Schlimme beschützt.
„Mami, du weisst gar nichts!“, tönte es lautstark neben der Mutter. Langsam löste sich Cordelia von der Relingstange und warf einen besorgten Blick über den ungewöhnlich menschenleeren Hamburger Hafen. Sie wusste nicht so recht, ob sie nach Hilfe suchte oder ob sie bloss sichergehen wollte, dass niemand ihre Erziehungsschwierigkeiten mitbekam. Als alleinerziehende Mutter hatte sie es ohnehin schon schwer genug, da brauchte sie nicht auch noch irgendwelche Fremde, die sie verurteilten, weil sie ihr Kind nicht von der Reling wegbekam.
„Meinst du, der kleine Oktopus könnte mir erklären, was so gefährlich ist?“ Cordelia blendete ihre Umgebung aus und lehnte sich neben ihrer Tochter an das Geländer. Nur sehr langsam kroch ein schrecklicher Gedanke in ihren Kopf, breitete sich aus und liess ihr Herz einige Takte schneller schlagen. Was, wenn Rebecca tatsächlich etwas Furchtbares wiederfahren wäre, wenn all ihre Vorkehrungen nicht gefruchtet hätten und im Kindergarten irgendein Soziopath arbeitete, von dem sie nichts wusste? Behutsam legte sie ihre Hand auf Rebeccas schmale Schulter und hoffte, diese Geste würde die Kleine zum Reden bringen und sie von der unerträglichen Anspannung befreien. Was auch immer geschehen war, sagte sich Cordelia, sie würde eine Lösung dafür finden und Rebecca dabei helfen, es zu verarbeiten.
„Nina sagt immer, fremde Männer schlitzen Kinder auf und machen ganz schlimme Dinge, deswegen will der Oktopus nicht zu Fremden gehen.“ Cordelia fiel ein Stein vom Herzen, doch bevor sie sich entspannen konnte, wollte sie es genauer wissen.
„Hat jemand dem Oktopus etwas Schlimmes angetan?“ Rebecca schüttelte vehement den Kopf und sah sie mit grossen Augen an.
„Nein, Mami, aber Nina sagt, dass Männer kommen und ihn mitnehmen und etwas Ekliges tun wollen.“ Rebecca war sichtlich aufgewühlt, auf ihrem Gesicht war eine Mischung aus blanker Panik und rechthaberischer Überzeugung zu erkennen, so wie damals, als sie Cordelia von den bösen Fischen im Hafen erzählt hatte. Erst war die Mutter erleichtert, doch dann, nach einer Weile, kochte Wut in ihr hoch. Da hatte sie gedacht, sie hätte ihr Kind im besten Kindergarten der Stadt untergebracht und in Wahrheit lehrte man ihm dort nichts weiter als unhinterfragte Angst. Natürlich hatte auch sie schon mit Rebecca darüber gesprochen, hatte ihr ganz genau erklärt, weswegen sie nicht mit Fremden mitgehen durfte, aber diese ständige Panikmache ging ihr entschieden zu weit. Irgendwann kommen wir an den Punkt, überlegte sie entnervt, an dem wir so paranoid sind, dass wir Kleinkinder bewaffnen und allen eine Plüschaxt in die Finger drücken, damit sie sich auf den par Metern vom Auto in den Kindergarten gegen freilaufende Pädophile wehren können.
„Schätzchen“, holte Cordelia mit einem zaghaften Lächeln aus, „ich finde es schön, dass der Oktopus vorsichtig ist und nicht mit Fremden weggeht, das ist ganz wichtig. Aber er soll auch wissen, dass es ganz viele liebe Männer gibt, so wie Opa.“
„Opa, der Barde“, meinte Rebecca breit grinsend und drehte sich zu ihrer Mutter. „Opa ist nicht böse!“
Cordelia ging vor dem Mädchen in die Knie und drückte es fest, ehe sie ihr über die roten Wangen strich und mit Nachdruck sagte: „Nein, Opa ist nicht böse. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die böse sind, trotzdem müssen wir immer vorsichtig sein. Aber…“, sie pausierte um ihre Tochter abermals zu umarmen, ehe sie sie ernst ansah und hinzufügte: „Der Oktopus braucht keine Angst zu haben, wenn seine Mami bei ihm ist.“

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Ein Gedanke zu „Das Kind mit der Plüschaxt

  1. Liebe Rahel,

    Hach, so eine nichtkitschige Kitschgeschichte – Dankeschön!
    Beide Daumen in die Zimmerdecke rammend und lieb grüssend,

    Benjamin

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