Pommes-Man und Burger-Boy

Es war eine düstere, regnerische Nacht, wie sie die Bewohner von Godamn City zur Genüge erlebten. Ab und an zuckte ein Blitz durch die Wolken, erhellte Seitengassen und wurde von einem Donnergrollen verfolgt, das Fundamente erzittern ließ.
Betty trat pitschnass in das heruntergekommene Diner an der Fifth Street, wo sie als erstes ihren Pony auswrang, was vom Manager, dem alten Mister Wong, mit einem indignierten Blick zur Kenntnis genommen wurde. Den vom Sturm zerfetzten Regenschirm stellte sie neben der Eingangstür hin, ehe sie zur Theke marschierte. Die Sohlen ihrer Chucks quietschten auf den schmuddeligen Fliesen, das Geräusch vermischte sich mit dem Gemurmel der wenigen Kunden sowie einer altmodischen Melodie im Radio.
„Guten Abend“, grüßte sie der Inhaber, als sie an der Theke anlangte und auf einem der Hocker Platz nahm. Betty kannte ihn mittlerweile ziemlich gut, ihre spätabendliche Suche nach Essen endete jedes Mal in seinem Restaurant, weil die Comicbuchzeichnerin in der Regel nicht rechtzeitig an die gähnende Leere in ihrem Kühlschrank dachte. Mit einem unterdrückten Gähnen erwiderte sie den Gruß, als Mr. Wong wissen wollte: „Das Übliche?“
„Genau, Veggie-Burger, große Pommes und eine riesige Cola. Ich brauche den Zucker!“
„Kommt sofort, die Dame.“ Der Manager brüllte die Bestellung in einer Lautstärke, die dem Hulk würdig gewesen wäre, in Richtung der Küche, aus welcher eine (nicht minder laute) Bestätigung ertönte. Danach wandte er sich Betty zu. „Na, wie geht’s? Sind Sie fleißig am Superhelden zeichnen?“
„Gut, danke. Und ja, bald kommt der neue Band von ‚Electro-Man‘ in den Handel, ich bin schon ganz nervös.“
„Mir ist es ein Rätsel, wie Sie die Rechte an der Comic-Reihe haben, immerhin kennt niemand die wahre Identität dieses maskierten Helden.“ Mister Wong schmunzelte. „Außer womöglich Sie?“
Betty zögerte weder zu lang noch zu kurz, sie war geübt darin, ihre Beziehung mit dem Rächer von Godamn City niemals preiszugeben, also kicherte sie. „Nein, sicher nicht – er hat mich mal vor Gaunern gerettet, da habe ich ihn gefragt, ob ich seine Abenteuer zeichnen darf.“
„Ach so.“ Hatte ihr Mister Wong eben zugezwinkert? Sie musste eindeutig vorsichtiger sein, sonst würde sie am Ende noch ein Superschurke entführen, ermahnte sie sich. Der Diner-Besitzer deutete unauffällig auf einen Ecktisch: „Electro-Man ist schon von einem ganz anderen Kaliber als die beiden Clowns da drüben.“
„Welche …?“ Betty linste zu den verkleideten Männern, einer etwas älter, der andere in den letzten Zügen seiner Jugend, beide sahen aus wie Maskottchen einer Restaurantkette. Obwohl sie sich um Fassung bemühte, entwischte Betty ein Glucksen. „Was für Joker sind denn das?“
„Die sind letzthin häufiger da“, seufzte Mr. Wong. „Behaupten, sie seien Pommes-Man und Burger-Boy.“
Betty hatte es geschafft, ihr Amüsement zu verbergen. „Geben wir ihnen doch eine Chance, sich zu beweisen. Godamn City hat erst ein Dutzend Superhelden, da gibt es noch Platz für ein paar mehr.“
„Schon, nur …“ Mr. Wong unterbrach sich, als ihm der Koch Bettys Menü nach vorne reichte. Er stellte das Tablett vor sie und fuhr, nachdem sie sich bedankt hatte, fort: „Wie sollen sie zu Helden geworden sein? Wurden sie von einem radioaktiven Burger gebissen oder was?“
Die Comiczeichnerin verschluckte sich an ihrer Cola und konnte einen Lachanfall gerade noch so verhindern, die Vorstellung war einfach zu drollig! „Keine Ahnung“, keuchte sie, beschämt über ihr unziemliches Verhalten. Ihr gefiel es in Mr. Wongs Diner, denn in dem Laden geschahen die absurdesten Dinge und aus einem ihr unbekannten Grund tauchten stets neue Superhelden-Anwärter auf.
Ein lauter Donnerschlag dröhnte durch den Raum, sodass sämtliche Gespräche für einen Moment stoppten. Davon ungerührt schaufelte Betty eine Handvoll Pommes in den Mund, dankbar, ihren Zeichenblock zu Hause gelassen zu haben, da dieser nicht bloß nass, sondern mindestens ebenso fettig geworden wäre.

Gerade, als Betty das Papier, in dem ihr Burger eingewickelt war, zur Seite legte und ihre Finger an einer Serviette abwischte, hörte sie die Türglocke klingeln. Neugierig, wer zu dieser späten Stunde durch den Sturm wanderte, sah sie sich um und fror entsetzt ein. Drei in Schwarz gekleidete, maskierte Gestalten hatten das Diner gestürmt, ihre automatischen Waffen im Anschlag.
„Keine Bewegung!“, blaffte der Hagere und feuerte unnötigerweise eine Salve in die bereits zuvor schäbigen Deckenpaneele. „Sonst setzt’s was hinter die Löffel!“
„Das sagt man nicht so, glaube ich“, brummte ihm der Dicke viel zu laut zu. „Du musst das schon richtig formulieren, um bedrohlich zu wirken.“
Nun schaltete sich auch der Kleine in die Kabbelei ein: „Na dann – sonst ziehen wir euch das Fell über die Ohren!“
„Hör auf, mich bei jedem Überfall vor den Geiseln zu kritisieren, ja? Das ist schlecht für das Image aller Schurken, besuch mal einen Marketingkurs, Mann“, maulte der Hagere den Dicken an. „Für Feedback haben wir ein Debriefing, nachdem wir entkommen sind.“
Angespannt beobachtete Betty die Auseinandersetzung von ihrem Hocker aus  – sie wusste, dass alle Helden der Stadt auf der HeroCon in Scar City waren, mit Hilfe konnte sie diesmal nicht rechnen. Was sollte sie tun?
„Is‘ gut, sorry Mann“, entschuldigte sich der Dicke halbherzig, bevor er sich wieder zu den Restaurantbesuchern drehte. „Na los, ihr kennt den Drill: Uhren, Handys, Brieftaschen und Kreditkarten in den Geldsack!“
Er nickte dem Kleinen zu, der verwirrt entgegnete: „Was? Ich dachte, du hast den Geldsack mitgenommen?“
„Nein, ich … Du hast gesagt, du nimmst ihn!“
Unbeobachtet nahm Betty die Gabel vom Tablett und hielt sie hinter ihrem Rücken bereit, um gewappnet zu sein. Ihr Timing war perfekt, denn dem Kleinen platzte der Kragen und er wetterte: „Wie verdammt schwer kann es sein, einen Jutebeutel mit einem Dollarzeichen drauf einzupacken? Echt, ihr seid der inkompetenteste Haufen, der mir je untergekommen ist!“
„Entschuldigt, die Herren“, hallte eine tiefe Stimme durch das Diner und die drei Schurken fuhren erschrocken herum, ihren Zwist vergessend.
„Oh nein, das ist nicht gut, die werden ihn umbringen“, wisperte Betty beunruhigt, als der untersetzte Kerl im Pommes-Kostüm, begleitet von dem Burger-Jungen, in die Mitte des Restaurants stapfte. „Verzeihung, wir möchten euch keineswegs beim Streiten stören, trotzdem: Mögt ihr diese Unterhaltung vielleicht draußen fortsetzen? Manche versuchen in Frieden zu essen.“
„Was sind das für Witzbolde?“, spottete der Hagere nach einer Weile des fassungslosen Glotzens. „Hat der Laden jetzt ein Maskottchen oder was?“
„Ich bin Pommes-Man, der Rächer von Godamn City“, verkündete der Kostümierte stolz. „Ad interim. Und das hier ist mein Sidekick, Burger-Boy.“
„Machen wir Hackfleisch aus ihnen!“ Der Hagere hob seine Waffe. Betty betrachtete gebannt die Szene, die sich vor ihr in Zeitlupe abzuspielen schien. Sie bevorzugte solche Geschehnisse auf ihrem Zeichenbrett, im realen Leben waren sie zu beängstigend.
Die Gangster hatten ihre Finger bereits am Abzug, kamen aber nicht dazu, ihre Waffen abzufeuern. Mit einer Geschwindigkeit, die bei seiner Leibesfülle niemand erwartet hätte, brachte Pommes-Man eine Tüte Fritten unter seinem Cape zum Vorschein und schleuderte sie auf die Angreifer. Die kalten, weichen sowie äußerst fettigen Kartoffelstäbchen klatschten den Gaunern auf die Masken, Öl troff von ihnen auf den ohnehin glatten Boden. Als erster rutschte der Fette aus, danach der Kleine. Burger-Boy hastete zu ihnen, riss unter seinem Umhang etwas hervor, das passenderweise wie ein Burger aussah und pfefferte es ihnen ins Gesicht. Die beiden Gauner fielen sofort bewusstlos um und Betty fragte sich, nunmehr fasziniert, wo der Junge Betäubungs-Burger herbekommen hatte. Der Hagere stand derweil Pommes-Man gegenüber. „Mich kriegst du niemals, Fettsack!“, höhnte er und drückte ab. Die Kugel zischte durch die Luft und traf Pommes-Man in den Bauch, mehrere Gäste kreischten panisch auf, da Superhelden normalerweise nicht erschossen wurden. Pommes-Man zog unbeeindruckt von dem Treffer eine weitere Tüte Pommes, warf sie und traf den Hageren in die Augen. Schreiend ließ dieser seine Waffe fallen, begann im Kreis zu rennen und prallte schließlich mit dem Schienbein gegen eine Jukebox, sodass er auf den Fliesen landete. Burger-Boy war sogleich zur Stelle, um auch den letzten Gegner auszuschalten.
„Mein Kostüm ist kugelsicher“, erklärte Pommes-Man schlicht, bezahlte Mister Wong für sein Menü und schritt, mit Burger-Boy im Schlepptau, auf den Ausgang zu. Auf einzelne Rufe aus der Kundschaft, die erfahren wollten, wer er war, antwortete er, sich in der Tür umwendend mit flatterndem Cape und von Blitzen des Sturms erleuchtet: „Ich bin Pommes-Man, Stellvertreter aller Superhelden. Wo auch immer ein Unhold glaubt, eine Stadt sei heldenfrei, bin ich zur Stelle. Wo auch immer ich Gangster abservieren kann, bin ich zur Stelle. Und wo auch immer jemand vergisst, seine Pommes aufzuessen, bin ich zur Stelle.“ Damit wandte er sich ab und verschwand, gefolgt von seinem Sidekick, in der Nacht.
„Ich glaube, wir sollten die Polizei benachrichtigen, um diese schrägen Vögel abzuholen“, knurrte Mister Wong nach einer Pause und schlurfte zum Telefon. Betty starrte gebannt auf die ohnmächtigen Möchtegern-Räuber und überlegte, ob sie basierend auf ihrem Abenteuer eine neue Comic-Reihe konzipieren sollte.

Autorin: Sarah
Titelvorgabe: Pommes-Man und Burger-Boy
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