Am Pranger

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält Szenen, die auf einige Leser beunruhigend wirken könnten. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

Jemand zieht ihn an seinen Fesseln ruckartig vorwärts. Leute jauchzen, andere raunen erzürnt jene Beschimpfungen, die ihn seit Wochen verhöhnen. Hart stößt man ihn zu Boden, die Haut über seinen Knien platzt auf den Pflastersteinen auf. Es ist bloß eine weitere Wunde von vielen. Der Gestank von Schweiß steigt ihm in die Nase, dann wird er gepackt, weggeschleift und sein Kopf nach unten gedrückt. „Seht ihn euch an“, donnert eine Stimme direkt neben ihm. „Eine dreckige, ehrlose Kreatur.“ Die Sonne steht tief, blendet ihn blind, als die Augenbinde verschwindet und die Menge tobt. „Ein niederträchtiges Scheusal ist er!“ Seine Pupillen ziehen sich auf Stecknadelkopfgröße zusammen, da blickt er in die anonyme Menschenmaße. „Verrecken soll das Vieh!“ Jubelschreie, durchbrochen von seinem einsamen Schluchzen dröhnen durch seine Gedanken. Weinen dringt aus ihm, prallt nutzlos an seinen Peinigern ab. Ein Mann legt ihm eine eiserne Schelle um den Hals, mit einem satten Geräusch schnappt sie zu und wird verriegelt. Ein Dorfplatz, er hat ihn nie zuvor gesehen, aber ihm ist sogleich klar, dies ist der Ort, an dem er sterben wird.

Sein Leben war schön gewesen. Er war einem liebevollen Umfeld aufgewachsen, hatte den Wert von Gott und Familie gelernt und diese Tugenden später mit seiner Frau an seine Kinder weitergegeben. Sein Land war notleidend, schon immer, allerdings störte das weder ihn noch die anderen in seiner Siedlung. Wenn es dem einen an etwas fehlte, half man eben aus. Mit der Unterstützung seiner Nachbarn klappte sogar die Herrichtung eines Generators vom Schrottplatz, sodass seine kleine Familie mit Stolz eine Steckdose anbringen konnte, die zweimal pro Woche Strom für das Handy und den portablen Fernseher lieferte. Hin und wieder war es an allem zu knapp, das kam halt vor. Dann gingen sie auf die Jagd, so wie es ihre Urgroßväter getan hatten, und brachten Hasen oder, sofern sie Glück hatten, eine Gazelle nach Hause. Selbst in harten Zeiten verließ ihn weder Mut noch Frohsinn, doch alles änderte sich, als der Bürgerkrieg bis in die hintersten Winkel des Landes vorrückte. Die selbsternannte Armee sandte ihre Soldaten vor, diese fielen im Mondschein über sein winziges Dorf her. Sie plünderten das wenige Hab und Gut der Bewohner, raubten Töchter, erschlugen Mütter und verschleppten sämtliche jungen Männer in ihre Camps.

„Tötet den Unwürdigen“, kreischt eine alte Frau. Sie wird von einem Knaben gestützt und einige Strähnen ihres ergrauten Schopfs lugen unter dem Kopftuch hervor. Es muss eine arme Gegend sein, denkt er. Das Pflasterwerk bröckelt arge, Fassaden blättern ab und dort, wo Mörsergranaten eingeschlagen waren, klaffen rohe Löcher in den Häusern. Niemand hat Mittel, erst recht nicht Muße, die Spuren des Krieges zu verstecken.
„Tötet ihn!“ Blutrünstig fletscht die Alte ihren zahnlosen Mund. Er wendet sich ab, betrachtet ein knorriges Gewächs, welches scheinbar aus Trotz durch versandete Fugen drängt.
Der Mann zu seiner Seite knurrt verärgert, bevor er sich zu ihm beugt, die Pranke an sein Gesicht hebt und es mit zwei Fingern in den Schraubstock nimmt. „Das hast du jetzt davon.“ Es sind mehr gespiene denn gesprochene Worte des Henkers. „Ich werfe dich in die Hölle.“ Inferno, ewige Verdammnis; da ist er schon lange. Er atmet aus, um eine ganze Weile nicht wieder einzuatmen. Vielleicht schenkt ihm der Teufel Erbarmen, will sein von Schmerzen vernebelter Verstand ihn trösten. Vergeblich, er weiß, die Qual findet nie ein Ende.

Sie nannten es Rekrutierung, den Versuch, ihn zur willenlosen Kampfmaschine zu machen. Er, als treuer Gefolgsmann des Herrn, verweigerte sich den abstoßenden Plänen und landete rasch mit Abtrünnigen und Unfähigen im Käfig. Sie seien keine echten Männer, lediglich Maden ohne Sinn, ohne Zweck, alleine dazu da, die Truppen bei Laune zu halten. Und, oh, wie diese ihre Launen an den schmachvollen Kriegsverweigerern ausließen. Schläge waren das geringste Übel, man beneidete den Geschlagenen beinahe, nur den Eisenstab auf die Gelenke oder die Gerte auf den Zipfel zu bekommen, statt im tiefsten Inneren zerrissen, aufs Niedrigste geschändet zu werden. Eines Tages, es war Spätherbst, wurden sie im Ödland ausgesetzt. Viele waren zu schwach, sich bis zur nächsten Siedlung zu schleppen, krepierten elendiglich in der eisigen Dunkelheit oder verdursteten in der Mittagshitze. Es ist eine besondere Wunderlichkeit der Natur, einen Landstrich zu schaffen, in dem Tag sowie Nacht den Tod bedeuteten. Gemeinsam mit einem Jüngling, in dessen Augen jedes Licht erloschen war, gelang es ihm die Stadtgrenze zu erreichen.

Ein heiliger Mann tritt zum Scharfrichter herbei, reißt ihn bei den Ketten auf die Füße und hält ihn unter tosendem Gebrüll der Meute hoch wie eine Trophäe. „Schaut“, beginnt er seine Ansprache. „Welch schweinisches Biest wir heute im Namen des Herrn schlachten.“ Ihm wird schummrig, die Pupillen gehen wieder auf, die Welt verwandelt sich in gleißend weiße Leere. Ihm ist es einerlei, seine Erinnerung füllt die Lücken.

Der Jüngling brach auf den Stufen des Hilfszentrums zusammen. Breiig dickes Blut rann aus seinem Anus, verschmutzte den hellen Sandstein. Er hob ihn auf und trug ihn zur Tür, wo sie bis in die frühen Morgenstunden warteten und schlussendlich von einem ausländischen Arzt gefunden wurden. Sie erhielten eine Mahlzeit, Kleidung, Bandagen und lieb gemeinten Zuspruch, bevor man sie zurück auf die Stufen und damit auf die Straße verwies. Die Ressourcen seien dürftig, die Einrichtung ausschließlich für Frauen und Mädchen gedacht. Die Anwesenheit der beiden Männer, so sie denn welche waren, könnte die Spendengelder gefährden, da niemand Interesse an ihrem Wohlergehen habe. Wenig erstaunt, dennoch verzweifelt, verabschiedete er sich von dem Jungen, der wohl keine weitere Nacht überleben würde und schlich davon.

„Tötet ihn. Tötet ihn.“ Die Melodie seiner Kindheit überdeckt das Keifen der blutgierigen Menschen. Ihm ist, als sänge sein Vater zur Arbeit ein Lied, begleitet von der gedankenverloren summenden Mutter. Der Geruch ihrer Räucherstäbchen, die sie jeweils nach dem Gottesdienst anzündete, nebelt ihn ein, während das lechzende Pack sein Leiden fordert. „Tötet ihn!“ Eine Schneide erklingt, ihr metallener Ton schwingt im Takt des väterlichen Gesangs.

Autorin: Rahel
Setting: Dorfplatz
Clues: Steckdose, Mondschein, Wunderlichkeit, Räucherstäbchen, Gazelle
Diese Kurzgeschichte behandelt das Thema (sexuelle) Kriegsgewalt gegen Männer. Weitere Informationen dazu  findet ihr in einem Artikel bei „Der Freitag“. Leider sind mangels Interesse wenig zuverlässige und neutrale Quellen zu diesem Thema vorhanden. Der Fokus von Hilfsorganisationen, die in Entwicklungsländern (medizinische) Hilfe für Betroffene sexueller (Kriegs-)Gewalt anbieten, wird beinahe ausschließlich auf Frauen und Mädchen gesetzt, Männer und Jungen werden allenfalls beiläufig erwähnt.
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