Wissen ist Macht – Um jeden Preis

SarahAutorin: Sarah
Setting: Cafeteria
Clues: Industrie, Gabe, Blumenkleid, Viereck, Sitzung

Dies ist der 3. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“,. Links zu den anderen Teilen findet ihr hier.

Ich rührte lustlos in meinem Grüntee, in den ich entgegen jeder Form des guten Geschmacks zwei Zuckerstücke geworfen hatte, doch irgendwie muss man ja wach bleiben und ich mochte den leichten Zuckerrausch. Ja, ich hatte ziemlich zugenommen im Lauf des letzten Jahres, dachte ich, während mein Blick auf den kleinen Wohlstandsbauch fiel, der sich unter meiner blauen Uniformjacke wölbte. Der ewige Stress, unzählige Sitzungen und Schlafmangel forderten ihren Tribut. Das milchige Licht des Wintermorgens fiel durch den nebligen Himmel in den Hinterhof, neben dem die Cafeteria des Regierungsgebäudes lag.
Ich arbeitete nun schon mehr als ein Jahr für das System und ich war gut. Zu gut, wenn man nach meiner Meinung fragen würde, denn ich verabscheute das System und alles wofür es stand und so wachte ich jeden Morgen resigniert, wenngleich wütend, auf. Wie viele Datenbanken hatte meine Behörde schon umgeschrieben, wie viele Bücher zensiert? Und vor allem: Wie viele Ideologieverbrecher hatten wir schon hinter Gitter oder in eine Umerziehungsanstalt gebracht? Ich hatte längst aufgehört zu zählen, wollte es gar nicht so genau wissen.
„Guten Tag?“, riss mich eine unsichere Frauenstimme aus meinen Grübeleien und ich wandte mich um. Da stand sie tatsächlich und ich war erstaunt, wie klein und zierlich sie war. Sie trug ein grün-schwarzes ärmelloses Blumenkleid und hielt ihren Wintermantel über dem Arm. „Guten Tag“, entgegnete ich mit dem obligaten Lächeln. „Bitte, nehmen Sie Platz.“
Während sie sich setzte, überprüfte ich die Situation ein letztes Mal, unser Tisch schien nicht verwanzt zu sein und war ziemlich weit von der nächsten Überwachungskamera entfernt – so lange wir uns unauffällig verhielten, würde alles glattgehen.
„Lovelace?“, erkundigte sie sich vorsichtig, jedoch nicht fragend, denn sie sprach weiter, ohne mich zu Wort kommen zu lassen: „Ich bin Curie.“
Dass zwei Agenten des Widerstands ein Treffen in aller Öffentlichkeit abhielten war keine Seltenheit. Wenn man einen Grund hatte, sich zu sehen, fiel man dort weniger auf als Nachts in einer dunklen Gasse. Curie leitete eine Firma, die Software herstellte, unter anderem auch Programme, die dem Wissenskorps die Zensur von Dokumenten vereinfachten. So würde es für alle aussehen, als würde sich eine Regierungsbeamte informell mit einer Vertreterin der Industrie treffen, was zwar nicht erlaubt war, doch geduldet wurde. Kein durch und durch korruptes Regime würde ein paar Schmiergeldzahlungen verurteilen, so lange sie nicht allzu sehr auffielen.
Curie stellte ihre Aktenmappe ab und winkte dem Kellner zu, bei dem sie einen Kaffee bestellte. Ich versuchte, mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen, was mir zu Beginn meiner Zeit im Widerstand schwer gefallen war, aber mittlerweile hatte ich ziemlich viel Übung darin. Kaum war der Kellner verschwunden, kam Curie zur Sache: „Wir haben ein Problem. Galileo ist tot.“
Für einen Augenblick hätte ich es beinahe nicht geschafft, meine Mimik unter Kontrolle zu behalten. Galileo war der Anführer des Widerstandes gewesen und ich begann mir auszumalen, was das für uns alle, für unsere Sache bedeutete. „Bist du sicher?“, wollte ich wissen und legte dazu einige Akten auf den Tisch, um weiterhin den Anschein eines Geschäftsmeetings zu wahren.
„Ja, er wurde vor einer Woche von der Polizei erschossen“, erklärte sie. „Wir wissen nicht genau, was passiert ist, doch wir müssen weitermachen.“
Ich schluckte und begann mir alle erdenklichen Szenarien auszumalen, bevor ich in Selbstzweifel verfiel, die ich sonst meistens geschickt verdrängte. Hatte ihn jemand verraten? Vielleicht sogar jemand, der auch wusste wer ich war? Ich konnte gut die Nächste sein. Und auch, wenn ich wirklich an die Sache des Widerstands glaubte, so waren es Momente wie diese, in denen ich voll erfasste, wie gefährlich mein Leben wirklich war. Idealismus hin oder her, es gehörte auch eine Portion Naivität dazu, sich auf so etwas einzulassen, Naivität, die man eigentlich von einer gebildeteren Person wie mir nicht zutrauen würde. Es war die Angst davor, was mit mir geschehen mochte, die mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Aber auch, wenn ich überzeugt war, das Richtige zu tun, so zuckte mir doch wieder einmal die Frage durch den Kopf, die mich schon in unzähligen schlaflosen Nächten gequält hatte: Auf was hast du dich nur eingelassen?
Anstelle dessen, meine Zweifel mit Curie zu teilen, fragte ich mit beherrschtem Gesichtsausdruck: „Und wer ist der neue Anführer?“
Curie zögerte kurz, bevor sie erklärte: „Ich, Newton ist meine rechte Hand.“
Überrascht, dass die zierliche Frau im Blumenkleid tatsächlich das Zeug dazu haben sollte, uns in dem Kampf gegen ein totalitäres Regime anzuführen, nickte ich. Sie sprach unberührt weiter, als wäre es eine reine Selbstverständlichkeit: „Wir haben aber ein anderes Problem: Galileo war unser einziger Sprengstoffexperte mit wissenschaftlichem Hintergrund und ohne ihn können wir nicht wie geplant in einem Monat den Serverraum vom Wissenskorps angreifen.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sie mich eingehend musterte. „Lovelace, du bist die einzige, die wir in dieser Stadt haben und die genug von der Statik von Gebäuden versteht. Alles, was wir von dir brauchen sind ein paar Berechnungen.“
„Scheisse“, zischte ich, den ich hatte begriffen, worauf sie hinauswollte. Ich beruhigte mich, nicht nervös mit meinen Fingern auf den Tisch zu trommeln, denn was Curie von mir verlangte, war ganz und gar nicht mein Ding. Widerstrebend murmelte ich: „Ich weiss nicht. Newton hat gemeint, ich würde mit den eigentlichen Operationen nichts zu tun haben, ich müsste nur das Wissenskorps infiltrieren und dort möglichst hoch aufsteigen.“
Curie seufzte. „Wir alle bezahlen unseren Preis. Du müsstest nicht vor Ort sein, aber wir brauchen Hilfe, um die Sprengladungen richtig zusammenzubauen und eine Erklärung, wo wir sie platzieren sollen. Ohne dich können wir es zwar tun, aber wir würden viel mehr riskieren, es könnten Wachen verletzt werden.“ Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Du hast als Einzige die Gabe, uns dabei zu helfen. Ich weiss, es ist nicht das, wofür du dich gemeldet hast…“
Ich hörte Curies Erläuterungen nicht mehr zu, meine Gedanken drifteten zu einem der wenigen Meetings des Widerstands und einer Ansprache von Galileo. Er war ein wahrer Kämpfer gewesen, einer der dieses Regime mit jeder Faser gehasst hatte. Manchmal musste man für den Widerstand Opfer bringen, hatte er erklärt, manchmal sei es nicht genug, nur zu lächeln. Doch egal wie hoch der Preis war, er sei es wert, wieder frei sprechen zu dürfen, eine Meinung haben zu dürfen, ohne gleich für ein Ideologieverbrechen belangt zu werden.
Ideologieverbrechen. Mit fiel sofort meine kleine Schwester Charlene ein, die etwas gesagt hatte, dass sie nicht einmal hätte denken dürfen. Seit sie von der Insel zurück war, war sie nicht mehr dieselbe. Ihr Humor war verschwunden, genauso ihr Sarkasmus und ihre klaren politischen Ansichten. Sie lächelte und funktionierte, ganz ohne aufmüpfig zu sein und sie sprach nicht von ihrer Zeit in der Umerziehungsanstalt.
„Okay“, unterbrach ich Curies Redefluss mit einer verbissenen Entschlossenheit, die ich mir selbst nicht zugetraut hatte. „Ich tue es.“
Erstaunt sah sie mich an, bevor sie erleichtert „Danke“ sagte. Wir alle hatten unsere Gründe dafür, zu tun, was wir taten und wir sprachen selten darüber, anscheinend hatte sie verstanden, dass das bei mir auch so sein musste. „Gut, ich habe alle nötigen Dokumente in diesem Holochip“, meinte sie nur und schüttelte meine Hand. Ich konnte das kleine, gläserne Viereck kalt auf meiner Handfläche spüren, als sie es mir zustecke und schloss rasch meine Finger darum, als sie ihren Arm zurückzog. „Wir brauchen die Berechnungen bis Samstag.“
„Okay“, sagte ich, steckte den Datenträger unauffällig weg und fügte dann leise hinzu: „Da kommt wer.“
Bevor Curie etwas entgegnen konnte, trat ein junger Adjutant des Wissenskorps an unseren Tisch, salutierte pflichtbewusst und wandte sich mir zu. „Ma’am, ihr Termin mit den Chefermittlern für Ideologieverbrechen ist in fünf Minuten im Konferenzraum.“
„Danke, Sie können wegtreten“, entgegnete ich und erhob mich, bevor ich mich zu Curie umwandte. „Hat mich gefreut, mit Ihnen Geschäfte zu machen.“

Ich lag hellwach in meinem Bett und wälzte mich von der einen Seite auf die andere. Ich hatte bereits alle Berechnungen gemacht, welche die Widerständer von mir brauchen würden und würde Curie morgen den Holochip mit den Ergebnissen übergeben, doch ich wusste, dass es dieses Mal etwas anderes war. Ich infiltrierte nicht nur das Wissenskorps und tat für die Regierung Dinge, die ich für abscheulich, ja unverzeihlich hielt, jetzt half ich auch dabei, einen Anschlag auf dieselbe Behörde zu planen. Wenn ich einen Fehler gemacht hatte, wenn etwas schiefging, würden andere verletzt werden oder sterben, seien es nun einfache Wachposten, die nur ihren Job taten oder Kameraden aus dem Widerstand. Wieder drifteten meine Gedanken zu Galileo, der alles für den Kampf gegen das Regime gegeben hatte, der kompromisslos für seine Überzeugungen eingestanden war. Ich war mir sicher, dass er bereitwillig für die Freiheit sein Leben gelassen hatte, statt in einem Verhör etwas zu verraten.
Doch ich war nicht so, egal, wie sehr ich so sein wollte. Ich hatte Zweifel, fürchtete mich, verabscheute viele meiner Taten. Auch wenn ich begriff, dass ich etwas tun musste, dass meine Kameraden mich brauchten, so war ich nicht glücklich damit. Mein Enthusiasmus für die Sache, den ich zu Beginn mitgebracht hatte, war verflogen und auch, wenn ich weiterhin entschlossen war, so fürchtete ich mich doch immer wieder davor, was als Nächstes geschehen würde. Wie lange noch, bis maskierte Leute meine Tür eintraten, einen schwarzen Sack über meinen Kopf stülpten und mich in ein Loch warfen?
Du bist stark, du schaffst das, wollte ich mir sagen und ich glaubte, dass ich es schaffen würde, aber das war nicht der Punkt, das war nicht genug. Wenn man genug Angst hat, macht man Fehler und der kleinste Fehler würde vielen das Leben kosten. Es ging nicht nur um die Sache, sondern darum, für die Sache zu leben, zu sterben, an einen Erfolg zu glauben. Und ich wollte glauben – um jeden Preis.

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