Weißes Rauschen

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Die etwas heruntergekommene Küche in dem alten Häuschen, in welchem Mark wohnte, war kaum beleuchtet, als er in der Nacht hineintrat, um sich etwas aus dem Kühlschrank zu kramen. Einzig ein schmaler Streifen aus orangem Licht der Straßenlaterne fiel durch das schmutzige Fenster in den Raum, gerade genug um die Konturen der Anrichte und der Theke sichtbar zu machen, doch nicht annähernd genug, um die altmodische grüne Farbe erkennen zu lassen, in welcher alle Schränke gestrichen waren. Barfuß ging Mark über die wegen der schlechten Heizung kühlen Kunststofffliesen, deren Musterung entfernt an Stein erinnerte – nichts in diesem Raum, außer Essbares, schien aus einer Zeit zu stammen, die nach den siebziger Jahren lag. Er streckte sich und öffnete den Kühlschrank, der klang, als ob er jeden Augenblick an Altersschwäche sterben könnte. Seufzend warf er einen Blick ins Innere, doch mehr als eine halbleere Tube Mayonnaise und eine leicht angeschimmelte Avocado war nicht mehr da. Er griff nach der Frucht und trat dann zu dem Fenster mit der dünnen Verglasung, das den Blick auf den verwilderten Vorgarten preisgab. Überall lag der Schnee, der in dicken Flocken zu Boden fiel und dabei eine wunderbare Stille mit sich brachte, während er im Laternenlicht aussah, wie tausend kleine Blitze, die viel zu langsam gegen den Boden zuckten. Mark machte das Fenster auf und warf die Avocado in das nächste Gebüsch, aus welchem noch der Stil einer Gartenhacke hervorragte, die er wohl im letzten Sommer da stehen gelassen hatte. Zufrieden machte er das Fenster wieder zu, ein Problem war damit erledigt und bestenfalls würden sich noch ein paar frierende Dachse an der vergammelten Frucht erfreuen. Und selbst wenn nicht, der Schnee würde sein Corpus Delicti innert kürzester Zeit verdecken und im nächsten Frühling wäre das Ding nichts weiter als etwas Kompost in dem grössten Busch im Garten. Er fragte sich, ob das Gebüsch bloß so schnell wuchs, weil er immer seine alten Früchte hineinwarf, doch dann wurde er wieder von seinem Hunger abgelenkt. Er ging zurück zu den Schränken und durchsuchte sie, bis er schließlich eine Tüte Chips fand, die irgendwo weit hinten lag. Für einen Augenblick hielt er inne und fragte sich, wie lange sie wohl schon dort gelegen haben mochte, dann trat er entschlossen zum Lichtschalter, um das Verfallsdatum lesen zu können. Als er den alten Schalter mit einem lauten Klacken umlegte, zuckte ein ungewohnt grelles Aufblitzen durch den Raum, begleitet von einem starken Knall, dann herrschte wieder Dunkelheit, während ein einsamer oranger Funke aus dem alten Lampenschirm zu Boden schwebte und rasch erlosch. Mark hatte vor lauter Schreck die Chipstüte fallengelassen und starrte auf die Silhouette des der in die Jahre gekommenen Lampe, die weiter gleichgültig vor ihm an der alten Holzdecke hing, ganz so als wollte sie ihn mit der geplatzten Glühbirne verhöhnen.

„Ein böses Omen“, murmelte er, während er sich auf die abgewetzte Holzbank setzte und in den ersten Kartoffelchip biss. Obwohl er immer gedacht hatte, dass es so etwas wie Vorzeichen nicht gab, war er sich die letzten Monate darüber nicht mehr so sicher. Zusammen mit seinen rasch zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten, die mit seiner Erkrankung einhergingen, war er auch etwas abergläubisch und paranoid geworden. Er hatte es kaum bemerkt, kaum bemerken wollen, doch irgendwann war der Punkt gekommen, an dem er es nicht mehr hatte leugnen können. Trotzdem hatte er nichts dagegen unternommen und sich stattdessen selbst bemitleidet, war tiefer und immer tiefer gestürzt, bis er schließlich da angelangt war, wo er nun bereits seit einiger Zeit war; am absoluten Tiefpunkt, wie er glaubte. Längst saß er nicht mehr auf einem Drehstuhl in einem Büro, sondern war bloß noch zuhause, wo er von dem wenigen Geld lebte, das er vom Sozialamt erhielt und den lieben langen Tag nichts tat, außer fern zu sehen, am Computer Solitaire zu spielen und in den verwilderten Vorgarten hinauszustarren. Das Haus verließ er kaum mehr, außer er musste unbedingt etwas zu essen besorgen oder auf irgendeiner Behörde vorsprechen. Seufzend schob er sich die letzten Chips in den Mund und stand wieder auf. Mechanisch griff er nach der Tüte, ging hinüber zum Mülleimer, warf sie weg und wusch sich schließlich die Hände. Für ihn hatten solche alltäglichen Bewegungsabläufe längst etwas Rituelles an sich, vielleicht auch etwas beruhigendes, denn irgendwann tröstete man sich mit allem, was man kriegen konnte. Während er den Wasserhahn mit dem alten Metallventil zudrehte, warf er einen weiteren Blick aus dem Fenster in das Schneetreiben, das bereits so dicht war, dass er kaum noch die Weihnachtsbeleuchtung vom Nachbarhaus erkennen konnte. Die Bewegungen der weißen Flocken wirkten hypnotisch auf ihn, und auch, wenn wohl jeder Autofahrer am Morgen über das Hundewetter fluchen würde, war es einfach nur schön. Jede Schneeflocke war einzigartig und würde schon ein Teil der dicken Schneedecke geworden sein, bevor irgendjemand ihre Originalität zu schätzen wissen konnte, sie betrachtet hätte oder auch bloß darüber nachgedacht hätte, dass sie ein Unikat war. Und bevor man sich’s versah, würde das Salz und wärmere Temperaturen den Rest erledigen und die Schönheit wäre für immer verloren. Mark starrte weiterhin abwesend auf den Schnee, der gleichmäßig und vielfältig zugleich wirkte, ganz wie weißes Rauschen, das angeblich den Gottescode, die absolute Information über das gesamte Universum, enthalten solle. Zumindest wenn man der Website glaubte, die das behauptete, denn immerhin hatten ihre Verfasser einige ziemlich interessante Dinge über Rosswell, den elften September und Kondensstreifen zu erzählen gewusst, also mussten sie wohl recht haben.
Nach einigen Sekunden schrak er zusammen und begriff plötzlich, auf was er gerade gestoßen war: Wenn er das weiße Rauschen decodieren könnte, würde er alles wissen. Dann würde er verstehen, weshalb die Außerirdischen immer wieder kamen, um ihn, und nur ihn, zu untersuchen, warum sie planten, mit ihren fliegenden Untertassen die Erde einzunehmen. Alles war er tun musste, war, den grössten Code in der Geschichte zu knacken, dann wäre die Menschheit bereit für alles, was kommen mochte!
Euphorisch wandte er sich um und setzte dazu an, von der Küche in sein Arbeitszimmer zu rennen, um zu dem Held zu werden, welcher die Menschheit vor der großen Invasion bewahren würde – denn wenn er dies schaffte, dann mussten sie ihm einfach glauben. Mark hielt nochmals kurz inne und warf einen Blick in die Küche, denn auch wenn er nun motiviert war, der Hunger hatte ihn noch immer fest im Griff.

Autorin: Sarah
Setting: Küche
Clues: Gartenhacke, Hundewetter, Altersschwäche, Drehstuhl, Verhaltensauffälligkeit
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3 Gedanken zu „Weißes Rauschen“

  1. Hallo liebe Sarah
    Ich musste wirklich grinsen, als ich deine Story gelesen habe. Zum ersten Mal hatte ich eine ähnliche Geschichte im Kopf, als ich die Clues dazu gelesen hatte, obwohl ich sicher irgendwie versucht hätte, ein Drehstuhlrennen einzubauen (womit die gedämpfte Stimmung sofort ruiniert gewesen wäre).

    1. Hallo werter Clue Reader

      Haha! Das erinnert mich daran, dass ich unbedingt mal ein Drehstuhlrennen in einer Story haben will, nur damit ich eine Ausrede dafür habe, während dem Schreiben wie ein Irrer auf dem Stuhl rumzuflitzen.

      Liebe Grüsse und die besten Wünsche
      Rahel

    2. Hallo werter enthusiastischer Clue Reader,
      Nun antworte auch noch ich, doch besser spät als nie. Ein Drehstuhlrennen wäre ja auch eine ganz gute Idee gewesen, ich müsste bloss noch rausfinden, wie ich das mit Schizophrenie zusammenbringen könnte, aber da würde mir sicher was einfallen… Ist aber wirklich faszinierend zu erfahren, was andere aus den selben Clues machen würden^^

      Liebe Grüsse,
      Sarah

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