Reden ist Silber

SarahAutorin: Sarah
Setting: Nähzimmer
Clues: Grundbesitz, Autohupe, Arschloch, Gitter, Köder

„Sei schon still, du blödes Arschloch“, murrte Kevin ungehalten. Ich schwieg – wie immer. „Echt, Mensch, eines Tages…“ Er führte den Satz nicht zu Ende und schnaufte laut und hörbar entnervt, als wir über die knarrenden Dielen in das edel eingerichtete Nähzimmer traten. Einfach alles wirkte barock, von den ausladenden Sesseln bis hin zu dem Stuck an der Decke. Callum schien den unterdrückten Ausbruch seines Kollegen entweder nicht gehört zu haben oder gar nicht erst ernst zu nehmen, denn er wuselte ziellos und fröhlich durch das riesige Zimmer. „Schau mal, das ist eine echte alte Nähmaschine“, rief er freudig aus. „So eine hätte ich gerne auf dem Wohnzimmerregal.“
„Wir haben schon einen gigantischen Reisekoffer drauf“, antwortete Kevin, dessen Geduldsfaden noch immer sehr dünn zu sein schien, grantig.
„Ach komm schon, sei nicht so ein Stimmungskiller“, rief Callum gutgelaunt. „Beschwer dich nicht, Kumpel, geniess das Leben!“
„Trottel“, nörgelte Kevin und starrte demonstrativ auf eine grosse Tafel, auf der die Geschichte des Herrenhauses ausschweifend erklärt wurde. Ich schwieg – wie immer. Die spätnachmittägliche Wintersonne vermochte für einen kurzen Augenblick die dicke Nebeldecke zu durchdringen und langegezogene Schatten der Gitter vor den Fenstern fielen unheilverheissend auf den Boden. Callum liess sich davon nicht beeindrucken und versuchte, von einem der verzogenen Lichtvierecke ins nächste zu schreiten, immerfort, bis das Sonnenlicht genauso rasch wieder verblasste, wie es gekommen war. Callum hielt inne und wirkte enttäuscht, bevor er sich zusammennahm, sein unzerstörbares Lächeln zurückkehrte und er sich wieder an Kevin wandte: „Hast du gewusst, dass das ganze Land, das du hier siehst, mit zum Grundbesitz dieser Familie gehörte? Es muss schon schön gewesen sein zum Adel zu gehören…“
Kevin verdrehte die Augen und liess sich auf einen Sessel plumpsen, bei dem nicht so ganz ersichtlich war, ob er für Besucher freigegeben sein sollte oder nicht doch eher ein Exponat war. „Kannst du auch mal die Klappe halten?“, fragte er rhetorisch und liess dabei die Knöchel seiner Finger gereizt knacken, einmal, zweimal… „Ich möchte doch nur in Ruhe in einem Museum sein und die Ausstellung geniessen können, verdammt!“ …dreimal.
„Also ich geniesse die Ausstellung ja“, entgegnete Callum, dessen Marihuana-Duftwolke bis zu mir reichte. Ich schwieg weiterhin und Callum sprach noch immer unablässig, wie ein Wasserfall, und grinste dabei verschmitzt: „Komm ein bisschen aus dir raus und hab auch mal Freude an etwas, du verklemmter Gutbürger.“
Jetzt konnte ich sehr genau sehen, was auf Kevins Gesicht passierte, wie der genervte Ausdruck immer stärker wurde und schliesslich seine ganze Miene dominierte. Er setzte dazu an etwas zu erwidern, hielt dann aber inne und sprach erst nach einer kurzen Pause, jedoch nicht minder gereizt: „Du musst mir gerade was sagen, Bruderherz! Du kaufst dir dein Pot von meinem Geld, lebst in meinem Haus und erwartest jetzt auch noch, dass du die Regeln machen darfst?“
„Chill, Mann!“, rief Callum erschrocken darüber, dass sein Bruder nach all den Jahren tatsächlich sagte, was er eigentlich dachte. „Ich will doch nur Spass haben und wärst du mal locker, würdest du das auch geniessen können.“
„Ich würde es geniessen können, wenn du mich in Ruhe lassen würdest, du egoistisches Arschloch“, fuhr Kevin ihn an. Seine sprichwörtliche Engelsgeduld schien diesmal wirklich am Ende zu sein. „Entweder du entschuldigst dich und haltest von nun an deine verfluchte Klappe oder du fliegst noch heute Abend aus meinem Haus!“
Etwas in mir verkrampfte sich und ich begriff, dass nun die Zeit der Entscheidung gekommen war. Callum stand nur da und starrte seinen Bruder mit theatralisch weit aufgerissenen Augen an. Es hätte ihm auch nicht geschadet, dabei seinen Mund zu schliessen, denn seine gelben Zähne waren sogar von weitem sichtbar. In der entstandenen Stille war von vor dem Haus das Geräusch einer Autohupe zu hören, das nur gedämpft durch die hohen Bogenfenster drang, so als hätte der Nebel es verschluckt. „Du würdest doch nicht deinen eigenen Bruder verraten, oder?“, sagte Callum flehend, schon beinahe winselnd. „Du bist doch ein guter Mensch, Kev.“
„Aber nur noch zu denen, die mich respektieren“, erwiderte Kevin kalt. „Du hast mir nicht einmal auch nur danke gesagt.“ Es war klar, dass es nicht nur um die Szene in dem Museum ging, sondern um die letzten fünf Jahre, in denen der kleine Bruder in seinem Haus als Schmarotzer gelebt hatte. Vielleicht auch noch um die Zeit davor, die Jugend der beiden Männer; das hätte ich nicht mit Bestimmtheit sagen können. Und dann, mit einem Mal, hatte ich das Gefühl alles mit einer unglaublichen Klarheit sehen zu können, wie in Zeitlupe. Kevin wandte sich ab und Callum versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Ich wusste, dass Kevin nun keinen Rückzieher mehr machen würde und auch sein kleiner, nichtsnutziger Bruder schien dies nun endgültig zu begreifen. Man konnte regelrecht beobachten, wie etwas in ihm zerbrach, während er zuerst dem aufgebracht davonstampfenden Kevin hinterherblickte und dann in die einbrechende Dunkelheit hinausmarschierte. Ich schwieg noch immer. Entweder Callum würde es jetzt, da er auf sich selbst gestellt war, zu etwas bringen, oder aber endgültig vor die Hunde gehen. Ich wusste es nicht und schwieg – wie immer.
Irgendwie fand ich es schade, dass ich ihn nun nicht mehr allzu oft sehen würde, die Unterhaltungen zwischen ihm und seinem Bruder waren mehr als amüsant gewesen. Und als der Gutmensch, der Kevin immer schon gewesen war, hatte er natürlich sofort meinen Köder, der eine Mischung aus Schuldgefühlen und Ansporn zur Wohltätigkeit war, geschluckt und seinen Nichtsnutz von Bruder bei sich aufgenommen. Ich wusste selbst nicht so genau, warum ich das eigentlich wollte, denn ich konnte Callum nicht ausstehen, hatte ihr noch nie leiden können. Aber ich fand meinen Mann langweilig, wenn er immer nur gutgelaunt, ausgeglichen und ruhig war. Unsere Beziehung brauchte diese Spannung, nein, ich brauchte sie. Ich fand es schon seit jeher faszinierend zuzusehen, wenn Menschen unzufrieden waren, wenn sie aneinandergerieten. Und so begriff ich, dass ich nicht Callum nachtrauerte, der längst aus dem mittlerweile leer wirkenden Nähzimmer verschwunden war, sondern der Unruhe, der aufgeladenen Stimmung, die er mit sich gebracht hatte. Und insgeheim befürchtete ich, dass mich Kevin schon in zwei Wochen wieder langweilen würde.

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