Rot

SarahAutorin: Sarah
Setting: Auf dem roten Platz, etwas links neben dem rechten Durchgang des Auferstehungstors
Clues: Crack-Kokain, Punk Rock, Netzneutralität, Einkommenssicherheit, Zeitung

John duckte sich instinktiv, als nur wenige Meter neben ihm eine Bierflasche auf dem Boden zerschellte. Seine Finger verkrampften sich um das Mikrofon und er machte einen Schritt weiter auf die Mauer zu, bald würde er seinen Kameramann dagegen drücken. Gehetzt warf er einen Blick auf die Menschenmasse hinter ihm, die den ganzen Roten Platz versperrte und bis zu der für die Presseleute aufgestellte Abschrankung reichte. Gerufene Parolen mischten sich mit Schmerzensschreien und Polizeisirenen und der Geruch in der Luft erinnerte den Reporter an seine Erlebnisse in Afghanistan. Der Kameramann gab ihm ein Signal und John räusperte sich. Er konnte es nur auf gut Glück versuchen, sie sassen sowieso hier fest und mehr blieb ihm kaum übrig. Er hob seine Stimme und hoffte, dass sie im Studio in Washington etwas verstehen würden. „Ich stehe hier auf dem roten Platz, etwas links neben dem rechten Durchgang des Auferstehungstors und wie ihr hinter mir sehen könnt, ist die Lage ausgeartet. Seit heute Abend herrscht in Russland Bürgerkrieg, der Kreml hat offiziell das Kriegsrecht ausgerufen. Im Moment…“
Wieder musste John sich ducken, als ein Pflasterstein nur wenige Meter neben ihm gegen die rote Mauer prallte und er konnte ganz in der Nähe jemanden „Ebanatyi pidaras!“ schreien hören. „Im Moment ist bei den Demonstranten das Gerücht in Umlauf, dass die Armee Panzer einsetzen will, um die Lage kontrollieren zu können…“
Alexei, der Kameramann, schüttelte den Kopf und senkte die Kamera – offenbar hatten sie die Verbindung zum Studio verloren. Für einen Augenblick fiel John ein, wie viel sicherer es jetzt wäre, hätte er für eine Zeitung geschrieben, dann wären sie nie hierhergekommen, um gute Bilder zu machen. Wer hätte denn schon ahnen können, dass innert weniger als einer halben Stunde alle Strassen verstopft sein würden, dass eine friedliche Grossdemonstration zu dem hier ausartete? Trotzdem verfluchte er sich für seine ungewohnte Leichtsinnigkeit, nicht zusammen mit den anderen Presseleuten geflüchtet zu sein. Natürlich konnte er sich weiterhin sagen, dass er diese Situation nicht hätte voraussehen können, aber er kannte die Regeln und wusste, dass kein vernünftiger Journalist hiergeblieben war, nachdem die Polizei sich zurückgezogen hatte. Innert weniger Minuten war ihr Rückweg von unzähligen Demonstranten versperrt worden und John hätte sich am liebsten für seine Naivität selbst geohrfeigt. Doch eines nach dem anderen.
„Kriegen wir wieder eine Verbindung?“, schrie John über den Lärm hinweg und hastete zu Alexei, der die Einstellungen an seiner Kamera prüfte. Den Sendewagen hatten sie auf der anderen Seite der Mauer zurücklassen müssen. Wie um sich selbst das Offensichtliche wieder in Erinnerung zu rufen, sagte John: „Wir kommen sowieso nicht mehr von hier weg.“
„Keine Verbindung“, entgegnete Alexei und sah von seiner Kamera auf. „Das wird nichts mehr, wir haben wohl den Sendewagen verloren.“
„Wenn das so weitergeht, ist das unser geringstes Problem“, gab John zurück und fuhr zusammen, als er Maschinengewehrfeuer vernahm. „Shit! Die Sache wird übel.“ Er hätte beinahe über seine eigene Aussage gelacht, denn das hätte er vor zwei Jahren behaupten können, damals als er noch über die nicht mehr existente Einkommenssicherheit in Russland berichtet hatte, jetzt war, gelinde gesagt, ein Flächenbrand ausgebrochen. Alexei sah sich um, schien aber momentan keine direkte Bedrohung zu sehen. „Und von wo möchtest du sonst berichten? Etwa aus China oder Polen?“
John schüttelte entschieden den Kopf. „Zum Teufel, nein! Hier haben wir wenigstens noch eine Chance, rechtzeitig evakuiert zu werden.“
Trotzdem vermisste er die Zeiten, als er noch Berichte aus der Gegend gesehen hatte, bei denen es um Crack-Kokain oder aufsässige Punk Rock Bands gegangen war. Doch das war vor seiner Arbeit als Reporter gewesen, damals, als sich die Machtverhältnisse in der Weltpolitik zu verändern begonnen hatten. Rückblickend war er sich sicher, zu wissen, was schiefgelaufen war und wie man dieses Desaster hätte verhindern können. Hinterher war man immer klüger.
„Was jetzt?“, wollte Alexei wissen, der die Strassenschlacht nicht aus den Augen liess. Sie waren die einzigen Reporter, die noch auf dem Roten Platz waren und weit und breit war kein Polizist in Sicht. Der Zaun, der sie vom wütenden Mob trennte, würde früher oder später zusammenbrechen und ihnen lief die Zeit davon. John wusste nicht was er antworten sollte, das nächste halbwegs sichere Hotel würden sie höchstens zu Fuss und ohne ihre Ausrüstung erreichen können, wenn überhaupt. „Keine Ahnung, hast du eine Idee?“
Alexei lachte. Der Verrückte lachte tatsächlich! „Von dem verfluchten Kontinent verschwinden, natürlich. Aber sonst: Nein.“
Einen derben Fluch unterdrückend, machte John einen Schritt zur Mauer. „Das hilft uns nicht weiter! Lass dir was einfallen, hier werden wir über kurz oder lang zu Tode getrampelt oder erschossen.“
„Ruhig Blut, ich dachte, du wärst schon im Krieg gewesen.“ Alexei wirkte tatsächlich relativ selbstsicher, wie viel hatte er heute wieder intus? John wollte ihn bei den Schultern packen, anschreien und ihm eine reinhauen, doch das wäre unproduktiv. „Ruhig bleiben“, murmelte er stattdessen und antwortete dann, noch immer gereizt: „Ja, aber da waren nicht so verdammt viele Leute. Und da gab es Deckung.“
„Lass mich raten: Da warst du hinter den Panzern und nicht mitten im Chaos, weil du damals Anweisungen gefolgt bist?“
Wütend ballte John die Fäuste. Normalerweise mochte er Alexeis trockene Kommentare und sie waren ein gutes Team, aber diesmal standen sie sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand und es gab kein Entkommen. „Natürlich, ich stelle mich sicher nicht vor die Gewehre, wenn ich nicht muss!“
Alexei zuckte mit den Schultern und kramte seinen Flachmann aus der Jackentasche. „Ah, darum hast du darauf gedrängt, dass wir heute zur Demonstration auf dem Roten Platz fahren und bist immer der Letzte, der sich evakuieren lässt. Du weisst schon, wie dumm das war?“
„Scheisse“, schrie John panisch auf und ging an die Wand gedrückt in die Hocke, als er das Prasseln hören konnte, das er nach seiner Arbeit als Kriegsreporter nur allzu gut kannte. Der Zaun gab nach, stürzte scheppernd um und innert Augenblicken war er von unzähligen panischen Menschen umgeben, die rangelten, kämpften und von dem Platz zu kommen versuchten. Neben John splitterte etwas an den roten Ziegeln und er konnte einen brennenden Schmerz an seinem rechten Oberarm fühlen, dann, so schnell wie es angefangen hatte, war es wieder vorüber. Schwer atmend hob er den Kopf und als erstes konnte er sehen, wie seine Hände zitterten. Er tastete vorsichtig nach der Wunde an seinem Arm und atmete auf. Das Geschoss hatte ihn nur gestreift – bestenfalls wäre das eine kleine Narbe, wenn sie denn noch sicher von hier wegkommen würden. „Alexei? Alles okay?“
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis John verstand: Um ihn herum lagen mehrere leblose Körper auf dem Boden, die meisten mussten Demonstranten gewesen sein. Der Kameramann lag mittendrin auf dem Bauch und regte sich nicht, der Rücken seiner braunen Lederjacke war an mehreren Stellen rot verfärbt. John ging neben ihm in die Knie, tastete wie unter Trance nach seiner Halsschlagader und versuchte vergeblich den Puls zu erfühlen. Er erstarrte, wollte einfach nicht glauben, dass sein Kamerad tot war.
„Jetzt nicht“, befahl sich John verbissen. Es war nicht klug sich Vorwürfe zu machen, das konnte er später auch noch, jetzt musste er versuchen, zu überleben. Wieder hob er den Kopf und sah sich nach einem Ausweg um. Trotz des Massakers war er noch immer von unzähligen panisch umherrennenden Menschen umgeben und er konnte nicht einmal den Schützen ausmachen. Er hatte keine andere Option, als weiter hierzubleiben und darauf zu hoffen, die von vielen Feuern in einem rötlichen Schein erhellte Nacht zu überleben.

Verbissen und die Schmerzen in seinem Arm möglichst ignorierend kramte John das Handy aus seiner Tasche, vielleicht würde er so noch zum Studio durchkommen. Seitdem das Kriegsrecht ausgerufen worden war, hatte er kein Telefonat mehr nach Amerika machen können, doch wenn er ganz viel Glück hatte, hätte der Kreml die Netzneutralität noch nicht einschränken können und er konnte es schaffen, einen Videoanruf zum Studio durchzubringen. „Bitte, bitte“, flüsterte John, als er die App öffnete und zu seiner Überraschung sah, dass sie mit dem Server verband. Zittrig tippte er auf den entsprechenden Button. Es dauerte lange, bis der Anruf durchkam und das Bild war so verpixelt, dass er sich fragte, ob die Leute vom Newsdesk überhaupt sehen konnten, was er ihnen zeigen wollte. Wieder gelang es ihm nicht, in dem Radau ein Wort zu verstehen und so rief er einfach in die Richtung des Telefons, was er sagen wollte und schwenkte einige Male über die Menschenmasse und zeigte sogar die dichte Wolkendecke, auf der sich dauerndes Aufblitzen von Geschützen spiegelte, die jetzt aus der Ferne donnerten.
„Ich weiss nicht, ob ich mich noch einmal melden kann“, schloss er und wollte gerade einige persönliche Worte an seine Familie hinzufügen, als das Bild endgültig einfror und Statik Platz machte. Er hatte keinen Empfang mehr, das Handynetz war zusammengebrochen oder ausgeschaltet worden. „Shit!“, schrie er wütend auf und hätte das Smartphone beinahe auf den Boden gepfeffert, besann sich dann aber eines Besseren und öffnete die Kamera-App. Er musste irgendwas tun, wenn er schon nicht von hier wegkam, etwas erzählen, der Welt zeigen, was hier geschah. Vielleicht würde er heute Nacht sterben, vielleicht sein Handy zerstört werden, doch niemand würde verhindern können, dass die Geschichte von dieser Revolution um die Welt reiste. Alles, was ihm noch blieb, war seinen Beitrag dazu zu leisten und auf das Beste zu hoffen.

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