Schattenseiten und Schmetterlinge

SarahAutorin: Sarah
Setting: Vergnügungspark
Clues: Kunstholz, Überbewertung, Mitgefühl, Vorstehhund, Käfig
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Frankie schrie laut auf, als ich ihn unsanft gegen die leere Holzkiste stiess und da die Handschellen seine Hände auf den Rücken fesselten, hatte er keine Chance, seinen Stoss abzufangen. As er auf den hölzernen Deckel fiel, gab es ein polterndes Geräusch, das ziemlich hohl klang; keine Ahnung, ob überhaupt etwas in der Kiste drin war. Ich wusste genau, was Frankie nun dachte: „Wird mich dieser dreckige Cop nun umbringen oder nicht?“
Ja, ich war ein schmutziger Cop, nicht immer ganz auf der richtigen Seite unserer Gesetze und sicher nicht immer korrekt im Umgang mit Kriminellen, genau wie jetzt mit dem kleinen Spitzel, den ich in die Mangel nahm. Nun, Frankie war bloss ein unbedeutender Dealer, der auf den schmutzigen Strassen der Metropole sein weisses Pulver feilbot und bisher bloss nicht in einem kleinen, engen Käfig gelandet war, weil er mir und meinen Leuten Informationen lieferte. Im Moment schien er ziemlich zu zittern; gleich hätte ich ihn an dem Punkt, an dem ich ihn haben wollte. Ich packte ihn hart an der Schulter, riss ihn herum und setzte ihn unsanft auf die Kiste. „Okay, Frankie. Ich will genauso wie du, dass du lebend aus diesem zerfallenden Vergnügungspark herauskommst, doch dazu musst du mir schon mehr bieten. Ich will wissen, wann die nächste Lieferung kommt.“
Über ihm zeichneten sich die Silhouetten der rostigen Streben einer Achterbahn gegen den Nachthimmel ab, von denen modriges Wasser nach unten tropfte. Wie ein gehetztes Tier blickte er sich um und quengelte mit sich überschlagender Stimme: „Aber die werden mich umbringen, das weisst du doch!“
Ruhig zog ich meine Glock 19, entsicherte sie demonstrativ langsam und setzte ihm sie an die Stirn. „Du hast wirklich dringendere Probleme, als dir über deine Zukunft Sorgen zu machen, Freundchen. Letzte Chance.“
„Gut, gut, gut!“, schrie er panisch. Offenbar hatte er endlich den Ernst seiner Lage begriffen. „Ich weiss nichts Genaues zur Route, bloss dass die Lieferung vom Süden der Stadt kommt, am Dienstag in der Morgendämmerung, in einem schwarzen Van. Bitte tu mir nichts, hab etwas Mitgefühl, ich versuche doch nur, meine Familie zu ernähren!“
„Na also, war doch gar nicht so schwer, oder?“ Ruhig sicherte ich die Waffe und steckte sie wieder weg. „Und jetzt mach, dass du wegkommst.“
Frankie hastete los, ich konnte die Kieselsteine unter seinen Schuhen knirschen hören. Als Informant wäre er wohl nun endgültig verbrannt, nutzlos geworden. Sobald wir den Konvoi hochnahmen, wäre er aufgeflogen und würde die Stadt verlassen müssen, wenn er nicht von der Mafia erledigt werden wollte. Ich pfiff leise, gerade laut genug, sodass Nick mich hören konnte, der in der Dunkelheit Wache geschoben hatte; insgeheim nannte ich ihn meinen Vorstehhund, doch niemand sollte Nick etwas Derartiges je sagen, denn der Typ würde einem dafür mit einer grosskalibrigen Knarre die Schädeldecke wegpusten.
Während Nick in seiner, immer zu eng wirkenden, Uniform gemächlich heranschritt, fragte er: „Wie ist‘s gelaufen, Detective?“
Ich seufzte. „Nicht allzu gut, nicht allzu schlecht – sonderlich viel wusste Frankie nicht, ein klassischer Fall von Überbewertung.“
„Und trotzdem lebt er noch“, bemerkte Nick nachdenklich. „Du wirst auf deine alten Tage wohl weich.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, der wird sowieso aus der Stadt verschwinden.“
Bevor Nick etwas entgegnen konnte, knackte sein Funkgerät. „Einheit Adam 3-7-4, wir haben einen Code 10-30, Raubüberfall am…“
„Geh schon, ich melde mich“, rief ich ihm zu, während er bereits zu seinem Streifenwagen hastete, wo wahrscheinlich noch immer sein Partner auf ihn wartete.
Als er verschwunden war, blickte ich mich nachdenklich in dem zerfallenden Vergnügungspark um. Dies war meine Stadt, bereits seit meiner Kindheit. Dies war mein Zuhause, das grosse Biest, das dich in seinen Bann zog und nie mehr losliess. Schmutzige Strassen und viele Backsteinhäuser, die sich in der Dunkelheit versteckten, da hier draussen kaum jemand die durchgebrannten Lampen ersetzte. Nachdenklich fuhr meine Hand über die gesplitterte Kunstholz-Theke einer früheren Hot-Dog-Bude und ich konnte die glatte Oberfläche fühlen, die von eingeritzten Namen irgendwelcher Teenager verunstaltet worden war. Und dies waren die Leute, denen ich dienen und die ich schützen sollte – bestenfalls eine hirnlose Schafherde, führerlos, ziellos. Um einen Distrikt aufzuräumen, dessen Strassen nur vor lauter Dealern und Gangstern wimmelten, brauchte man andere Mittel. Die Verfassung war wirkungslos und die Gerichte zu träge. Deshalb hatte ich die Seiten gewechselt, und auch wenn ich dabei viel besser verdiente, so hatte ich doch meine Ideale, eine bessere Stadt, in der sich nicht nur die Latte-schlürfenden Yuppies sondern auch die Bewohner der Ghettos frei bewegen konnten. Manche Dinge liessen sich eben bloss mit der Bleihammer-Methode reparieren, wenn überhaupt. Wenn du diesen Job nur lange genug machst, erkennst du früher oder später die Überbewertung von Gesetzen, die bloss den Mächtigen in die Hände spielten. Nun, wenn ich den Boss einer Gang verhaftete und wusste, dass er für die Morde, die er begangen hatte, nicht verurteilt werden konnte, dann nahm ich ihn meist in den verlassenen Vergnügungspark mit, was für keinen der mittlerweile von uns gegangenen ein Vergnügen gewesen war. Bei dem Gedanken musste ich schwach lächeln, während ich langsam vom Gelände schlenderte, vorbei an dem zerrissenen Maschendrahtzaun, den Holzplatten und dem Kiesboden, aus dem Grashalme sprossen. Hoffentlich kam niemand auf die Idee, das Gelände hier bald umzugraben, dachte ich, bevor ich mich endgültig meinem Wagen zuwandte.
Ich konnte mir bereits ausmalen, wie wir zu sechst in der Morgendämmerung auf der Brücke stehen würden, in schwarz gekleidet, maskiert und mit vollautomatischen Waffen und Flinten ausgerüstet, um den Van endgültig zu stoppen und einen neuen Bandenkrieg auszulösen. Sollen sich die Gangster ruhig gegenseitig auslöschen, dann hatten wir weniger zu tun, wir mussten bloss ein paar Monate lang viele Patronenhülsen einpacken und Leichen von der Strasse räumen. Ich hatte das Gefühl, dass ein Lächeln um meine Lippen spielte, als ich den Zündschlüssel in dem etwas in die Jahre gekommenen zivilen Streifenwagen drehte und ihn schliesslich langsam auf die Strasse hinauslenkte. Manchmal reichte schon der Flügelschlag eines Schmetterlings…

* * *

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2 Gedanken zu „Schattenseiten und Schmetterlinge

  1. Hallo lieber Clue Reader,
    Erstmal besten Dank fürs Feedback! Ja, das hast du gut beobachtet, das liegt mir tatsächlich ziemlich gut. Ich weiss zwar nicht genau wieso, aber irgendwie hat sich das über die Zeit ein wenig etabliert…
    Liebe Grüsse,
    Sarah

  2. Hallo liebe Sarah
    Ich kann mich täuschen, aber ich glaube diese Art von Geschichte liegt dir besonders gut. Ein abgehalfterter, etwas zwielichtiger Hauptprotagonist in einer in die Jahre gekommenen Umgebung und dazu ein Dialog, der in der Situation viel zu locker wirkt. Wirklich sehr unterhaltsam!

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