Geheimer Sieg

RahelAutorin: Rahel
Setting: Lokal
Clues: Unbeweglichkeit, Schule, Lob, Überraschungsmoment, Geschäftsmann

Gottliebs Talente waren geheim, zumindest waren sie das bis vor kurzem gewesen, aber mehr dazu später. Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie es auf der Schule gewesen war, als das Einzige, was wirklich zählte, der äussere Schein war, die Art und Weise, wie man sich der Welt ausserhalb des eigenen Gehirns präsentierte? Damals hatten wir alle irgendwie den Verdacht, oder vielmehr die Hoffnung gehabt, dass sich das irgendwann ändern würde. Aber natürlich tat es das nie und nur wenn man Glück hatte würde sich wenigstens das eigene Gehirn ein wenig verändern. Obwohl die beachtliche Anzahl der er- und ausgewachsenen Idioten darauf schliessen liess, dass es sich dabei in der Tat lediglich um einen Glücksfall handelte.
Gottliebs graue Materie war dann im Alter von Achtzehn tatsächlich auf eine geniale Idee gestossen, die es ihm erlaubte, die Jagd nach dem perfekten Schein für sich auszunutzen. Da er schon immer etwas kleiner, dicker, krummnasiger und vielleicht auch einfach nur gewöhnlicher als die anderen gewesen war, war ihm recht schnell klar geworden, dass er das mit der hübschen Aussenwirkung in den Wind würde schreiben können. Andere hätten den Versuch, glorreiche Erwartungen zu erfüllen, wohl nie aufgegeben und wären dabei verrückt geworden und wieder andere hätten sich dem System einfach gefügt und hätten für sich einen Weg gefunden, wie sie trotz ihrer unvorteilhaften Stellung irgendwie zufrieden sein könnten. Gottlieb hatte zwar eine Weile mit dem zweiten Gedanken gespielt und hatte sich sogar schon beinahe damit abgefunden, dass er als zweite Wahl in irgendeiner Nische der Gesellschaft unterkommen würde, doch schlussendlich wollte er sich, trotzig wie er nun mal war, der Gewöhnlichkeit nicht unterordnen. Also hatte er das einzige getan, was er hätte tun können, er hatte aus der Not eine Tugend kreiert.

Die meisten Büroangestellten waren um diese Zeit nicht mehr da, nur in der Chefetage brannte noch Licht, doch das brauchte ihn nicht zu interessieren. In der Regel, das hatte Gottlieb in den letzten Jahren gelernt, verirrten sich die hohen Tiere ohnehin nicht in den Archivraum und selbst wenn, hätten sie ihn vermutlich einfach übersehen. Eine Trittleiter hinter sich herschleifend, schlenderte er durch die Regalgänge und machte sich eine mentale Notiz dazu, dass er sich bei Gelegenheit so eine Leiter für Zuhause kaufen sollte.
Im hinteren Teil des weitläufigen Aktenraums fand er, wonach er gesucht hatte: Ein kleiner Stapel von Personaldokumenten, für die sich seit Ewigkeiten niemand mehr interessiert hatte. Er blies den Staub vom Papier, blätterte einige Seiten um und sah sich die falsch lächelnden Gesichter auf den uralten Bewerbungsunterlagen an. Einige von diesen Leuten hatte er sogar mal kennen gelernt, hatte mit ihnen gesprochen oder mit ihnen zusammengearbeitet, aber sicher würde sich keiner an ihn erinnern, das taten sie nie. Egal wie sehr er davon überzeugt gewesen war, dass er gegen diese Gleichgültigkeit abgestumpft war, manchmal gab es Momente, in denen die alte Wut doch wieder in ihm hochkochte. Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich eine fettige Strähne aus dem Gesicht, klemmte den Stapel unter seinen Arm und marschierte damit entschlossen in Richtung Ausgang.

Wer den gängigen Standard für Aussergewöhnlichkeit nicht erfüllt, hatte Gottlieb sich eines schönen Abends gedacht, wird zuweilen unterschätzt und so ärgerlich einem das zuerst vorkommen mag, so praktisch ist es auch. Gut, Gottlieb konnte nicht behaupten, er wäre mit reiner Willenskraft zu dieser Erkenntnis gekommen, er hatte dabei etwas Hilfe von einem seiner Erzfeinde, aber daran mochte er jetzt gar nicht mehr denken. Auf jeden Fall gab es einen enormen Vorteil, wenn man von anderen Menschen übersehen wurde, namentlich das Überraschungsmoment. Es war ein wenig so wie Magie: Man schaut auf die eine Hand, die effektvoll durch die Luft wirbelt und sieht dabei nicht, dass die andere am Schnürchen zieht und damit den Teller fliegen lässt. So war Gottlieb über die Jahre hinweg unbemerkt zu einem Meister der geheimen Talente geworden. Das alles, das muss man mit Nachdruck unterstreichen, war natürlich ohne harte Arbeit nicht zu erreichen gewesen, aber irgendwie musste man ja die Zeit totschlagen. Und genau das hatte er getan, er hatte sich die Zeit mit Dingen vertrieben, die seine Fähigkeiten über das Mittelmass hatten hinausschiessen lassen, ohne, dass es jemals irgendwer mitbekommen hätte. Das hatte natürlich auch bedeutet, dass es zwecklos gewesen wäre, auf Zuspruch oder Lob zu warten und manchmal hatte ihm das die Sache etwas schwieriger gemacht. Immerhin sehnt sich der Mensch nach Zustimmung, doch am Ende war es ihm dann doch gelungen und es kam ihm so vor, als wäre sein Triumph noch grösser, weil er ihn im Alleingang herbeigeführt hatte.

„Möchten Sie noch einen Kaffee?“, flötete die Bedienung seinem Gegenüber beinahe anzüglich zu, währendem sie ihn und seine leere Tasse ignorierte. Hannes verneinte höflich, liess es sich aber nicht nehmen, ihm einen vielsagenden Blick zuzuwerfen, der ihn wohl auf den üppigen Busen der jungen Dame hätte aufmerksam machen sollen.
„Hannes“, begann Gottlieb dann, ohne sich seine Ungeduld anmerken zu lassen. „Zurück zum Bericht, hast du dir schon überlegt, wann wir damit an die Öffentlichkeit gehen wollen?“
Der Angesprochene sah noch immer nicht zu ihm, sondern beschäftigte sich lieber damit, an seiner Krawatte zu zupfen. „Hm, nein, bis jetzt noch nicht.“ Hannes war, und das dachte sich Gottlieb mit dem grösstmöglichen Respekt, den er aufbringen konnte, ein kompletter Vollidiot. Aber gerade dank seiner Unfähigkeit war er ein guter Strohmann, jemand, der sich einfach lenken liess und trotzdem genügend Präsenz besass, um von anderen gehört zu werden.
„Ich denke am besten wäre es, wenn wir einige Stunden vor Schluss der Handelszeit am Ende der Woche publizieren, kannst du dich damit arrangieren?“ Eigentlich war das keine Frage gewesen, bestenfalls ein freundlicher Hinweis, denn im Grunde interessierte es ihn nicht, was Hannes dazu zu sagen hatte.
„Ok, wenn du meinst“, gab der adrett gekleidete Geschäftsmann zur Antwort. Gottlieb nickte zufrieden, legte einen Zehner auf den Tisch und verschwand danach aus dem unübersichtlich gestalteten Lokal.

Während des Studiums hatte er sich mehr denn je darum bemüht, möglichst sympathisch in der Erinnerung seiner Kommilitonen haften zu bleiben, jedoch ohne Erfolg. Es hatte alles nichts geholfen, weder seine Bereitschaft, bei den Klausuren zu helfen, noch die freundlichen Einladungen zum Mittagessen. Eine Weile hatte er sich zwar täuschen lassen, hatte geglaubt, dass es ein gutes Zeichen wäre, dass seine Angebote stets angenommen worden waren, doch die Illusion war rasch verblasst und der Gewissheit gewichen, dass man ihn nur ausnutzte, weil es gerade praktisch war.
Im letzten Studiensommer hatte er es dann nicht einfach nicht mehr leugnen können und sich der Realität gestellt. Fritz, den er seit der Kindheit für seinen Rivalen gehalten hatte, da sie beide stets ähnliche Ambitionen gehabt hatten, hatte ihn beim falschen Namen genannt. Einfach so hatte er, der mit ihm aufgewachsen und den er für seinen erbitterten Gegner im Kampf um die besten Plätze betrachtet hatte, Gottlieb einfach vergessen. Es war ein Schock gewesen, selbst für Gottlieb, der es sich gewohnt war, nicht beachtet zu werden. Doch schlussendlich hatte es nicht sehr lange gedauert, bis er gewusst hatte, was zu tun gewesen war. Diejenigen, die ihn übersahen, die ihn einfach so vergassen, als hätte sein Leben keinen Wert, sollten für immer in Erinnerung bleiben.

„Und du bist sicher“, begann Hannes nervös, „dass wir schon so weit sind?“ Gottlieb seufzte und packte den jüngeren an dessen Schultern, bevor er ihm fest in die Augen blickte und sagte: „Ja, wir sind so weit. Alles wird so ablaufen, wie ich es dir erklärt habe und nun hör auf, dir in die Hosen zu scheissen und mach dich an die Arbeit.“ Er hatte Momente gegeben, in denen er diesen Trottel beneidet hatte, immerhin hatte Hannes alles, was Gottlieb sich gewünscht hatte. Er war gross, stark und hatte einen Charme, mit dem er alle in seiner Umgebung verzaubern konnte. Doch als er ihm zusah, wie er nichtsahnend auf das Podest kletterte, als wäre er ein dummes Lamm, erinnerte er sich von neuem daran, dass er auf keinen Fall mit ihm hätte tauschen wollen, haftete Hannes‘ Verstand doch eine Unbeweglichkeit an, die für Gottlieb inakzeptabel gewesen wäre.
„Werte Damen und Herren Vorsitzende“, hörte er Hannes’ Stimme über die Lautsprechanlage und kurz bevor dieser die Bombe platzen liess, kurz bevor er das Leben dieser oberflächlichen Menschen zerstörte, verliess Gottlieb selbstzufrieden den Konferenzraum. Er brauchte weder Bestätigung noch Lob dafür, dass er diese Schweine öffentlich zu Fall gebracht hatte, ihm reichte es, zu wissen, dass er als heimlicher Sieger hervorgegangen war.

* * *

Rahels Vorgaben für die Story vom nächsten Dienstag sind:
Setting: Wohnzimmer
Clues: Hochschulreife, Schädel, Gewissen, Traube, Geistesblitz

3 Gedanken zu „Geheimer Sieg

  1. Heya Lexa,
    erst einmal ein errötetes „Dankeschön“ für die lieben Worte zum Stil.

    Aber jetzt gleich zum offenen Ende, das so offen ist, dass man es als nicht-existent bezeichnen könnte.
    Für mich persönlich war Gottliebs grosser Coup in erster Linie seine Fähigkeit/Sturheit die Nachteile, mit denen er durch seine soziale Stellung (ob nun unfreiwillig oder gewollt) leben muss, zu seinem Vorteil auszunutzen. Der Gedanke negative, oder wie in dem Fall, nicht vorhandene, Reaktionen auf die eigene Person als Chance zu verstehen, hat mich schon immer fasziniert – Nur würde ich keinen Rachefeldzug anzetteln, dafür bin ich zu friedlich… oder gleichgültig ;)

    Ich kann aber absolut nachvollziehen, dass dir hier eine wenigstens einigermassen klare Auflösung gefehlt hat. Während dem Schreiben hatte ich zwar ungefähr eine Ahnung*, was denn der gute Gottlieb im Schilde geführt hatte, aber ein konkretes, fertig verfasstes Ende hatte ich nicht im Sinn.
    Ich werde mir die Kritik bei meinem nächsten offenen Ende sicher zu Herzen nehmen und euch etwas mehr Anhaltspunkte zum „weiterpsinnen“ geben. Vielen Dank also auch für den Hinweis zur Verbesserung!

    Ich hoffe, dass dich meine Antwort nun nicht auch unzufrieden zurücklässt. Ansonsten weisst du ja wo du dich beschweren kannst ;)

    Mit lieben Grüssen und den besten Wünschen
    Deine Clue Writer
    Rahel

    * Die Grundidee war, dass Gottlieb Hannes in einer Pressekonferenz Informationen verkünden lässt, die den starken Verdacht auf Insiderhandel nahelegen. Damit würde eine ganze Abteilung über Nacht ins Visier von Ermittler geraten, die, dank Gottlieb, belastendes Material finden würden.

    • Danke, wenn du auch kein „richtiges“ Ende im Kopf hattest und es uns nicht nur nicht verraten hast, dann ist ja gut :D

      Offene Enden sind toll bei einer Kurzgeschichte, gehören sogar dazu, finde ich irgendwie. Aber es sollte Anhaltspunkte zum Weiterspinnen geben, wie du ja schon geschrieben hast.

      Dann freue ich mich auf das nächste offene Ende, dass die Fantasie anregt ;)

  2. Du lässt mich unzufrieden zurück…was war denn nun der geniale Coup? Was hat er ausgeheckt?

    Toll geschrieben, aber ein zu offenes Ende für meinen Geschmack.

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