Sommersonnenschlieren

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Orange Zirren segeln über das hellblaue Meer des Abendhimmels, verraten das Versteck der Sonne. Das Gewitter trabt ihnen hinterher, donnert und grollt, will die warme Melancholie des Sommers vertreiben. Sie sitzt im Garten und träumt inmitten von Purpurblüten von einer Vergangenheit, derer sie sich nicht sicher ist. Der Wind zieht an und sie sehnt sich nach dem klaren Sternenzelt, ihrem einzigen Gefährten durch lange Winternächte. Ein Vogel singt sanft, ein zweiter stimmt ein und bald schon erklingt das Orchester, die Symphonie, die sie wohl zum letzten Mal hört. Ihr Gedächtnis vergeht mit jedem Tag und sie weiß es, freut sich auf den Morgen, der ohne vorherigen existiert.
Das Alter ist so eine Sache, denkt sie unter tiefen Falten, es will bemerkt werden, bevor es mit allem anderen in der Vergessenheit versinkt. Noch reißen scharfe Silhouetten Berge in das Firmament und erinnern an spitze Steine, die Gelenke zermalmen. Eine graue Strähne verlässt ihren Platz und kitzelt an der Wange, dort wo keine Empfindung mehr reizen kann. Sie ächzt und stöhnt, steht tapfer auf und lässt sich von Willenskraft zum Brunnen tragen. Regen naht und der Garten wird trinken, ohne dass sie schleppen muss und dennoch scheppert der Kessel am Rand. Das Quietschen der rostigen Seilwinde ist Ritual geworden, gehört in den Tag wie das Aufstehen und Zubettgehen, ohne es droht das Wasser aus ihren Gedanken zu entweichen. Bangen steigt auf und verdrängt den Frieden; was, wenn alles geht und nur der Krieg zurückbleibt? Es ist lange her, doch wo das Familienalbum fremde Gesichter und Autogramme zeigt, verweilt das Antlitz des Schreckens klar und getränkt in Farbe. Korea ist gespalten, zerbrochen und ihr Geist will es ihm gleichtun.
„Hal-Mo-Nee“, dringt die Mäusestimme an ihre verhängten Ohren. Die Großmutter reagiert nicht und dreht weiter an der Kurbel, um Blumen zu gießen, die es nicht dürstet. „Hal-Mo-Nee?“

Der Himmel schillert in Neon, vibriert in Erwartung auf das nahende Gewitter. Scharfe Sträucher kratzen seine Kinderhaut und vor seinen Augen explodieren Blütenfarben zum heiteren Gesang der wirbelnden Vögel. Der Garten ist ein Abenteuer, ein Spielplatz für Entdecker und Kämpfer gleichermaßen. Das wilde Dickicht wird zum Zuhause seiner unendlichen Fantasie und mit Freude erwartet er die großen Perlen, die den Boden erwecken werden. Allerdings fürchtet er die Pauken, welche die Nacht zum Gefecht zwischen Angst und Vertrauen erklären, sein kleines Herz zur Hast zwingen. Er versteht, dass das Unbehagen in seiner Zukunft dahinschmelzen wird, will es nur noch nicht vollends erfassen.
Die Jugend ist so eine Sache, nur weiß er das nicht, sie lässt sich nicht von innen beobachten, zeigt sich bloß dem, der sie verloren hat. Insekten bahnen sich ihren Weg über winzige Landschaften, die kein Mensch je in ihrer wahren Pracht betreten kann. Zweige zwicken und brennen an nackten Knien, hinterlassen Narben gegen die Zeit. Sein Atem stockt und er will innehalten und weitergehen zugleich, zu viele Dinge wollen ihn fesseln. Seine frischen Augen saugen alles ein, entschieden wird erst später, was zurückbleibt und was geht. Wie lange wird der Garten wohl in seiner ganzen Pracht leuchten, wie lange wird der Geruch seiner Großmutter an ihm haften? Er setzt sich hin und wischt die Beine sauber, sucht die Welt nach neuer Inspiration ab. Durch das Gestrüpp erkennt die verwittert-leblose Gestalt der einsamen Schneiderpuppe, deren Dasein sich vor Jahren von Nutzen zum stillstehenden Momentum gewandelt hatte. Für ihn jedoch war sie kein Andenken an weit zurückliegende Tage. Sie war die Prinzessin, die ihren Blumenranken-Käfig im Pavillon nie würde verlassen können. Vielleicht würde er sie retten, wahrscheinlich irgendwann vergessen.
Bald würde der Regen fallen und die wohlige Sommerhitze aus nassen Kleidern verschwinden. Es war Zeit zum Feuer zu gehen, nach der Wärme in Großmutters Stimme zu greifen.

Die tieforangen Schlieren verblassen hinter kreisenden Vögeln, zurück bleiben blasse Streifen, die dem Gewitter noch immer trotzen. Dann wurden sie vom mächtigen Grau verschluckt, weggewaschen und das Wasser prasselte gewaltvoll über das Vordach, trieb den flackernden Sommerdunst zu Boden. In stummer Eintracht saßen sie beieinander, fühlten Nähe, dort wo ihre Pergamenthände die Jugend berührten. Sie waren gleich; wo ihre gelebten Jahre zu einem Punkt im Jetzt zusammenschrumpften, waren ihm seine noch fremd. Der Himmel grollte tief, ließ ihn erzittern und verzauberte ihre spröden Lippen mit einem Lächeln. Vielleicht, dachte sie, wollte sie das Heute doch nicht loslassen.
„Hab keine Angst, die Engel tanzen“, flüsterte sie heiser und blickte auf die Regenfäden, um die Bomben nicht hinter den geschlossenen Lidern zu sehen. Ihr inniger Wunsch war nur der eine. Dieser Augenblick soll statt des Krieges verweilen, sie ins Nichts begleiten.
„Ich hasse tanzen“, verriet der Kindermund und entlockte der alten Dame Erstaunen. Leben durchzuckte sie, zusammen mit einer Idee und sie erhob sich, ließ die kleine Hand auf der Bank liegen, nur um dann wieder danach zu greifen.
„Komm“, sagte sie und ihre Haare wehten vital, als gäbe es das Alter nicht. Das Alter, das die beiden trennte und vereinte zugleich. Der Schrecken kann warten, wäre später noch da. Im Tanz mit ihrem Enkel drehte sie den rastlosen Bildern immer und immer wieder den Rücken zu, schuf das Paradies in ihrem einstürzenden Geist. Er ließ sich von den zarten Wogen ziehen und leiten, wusste in der Tiefe, dass dieser Moment ein heiliger war, bevor er es auch nur hätte ahnen können.
„Ich hab dich lieb, Hal-Mo-Nee“, piepste er unter dem Dach des Pavillons und schenkte ihr Frieden aus Sommersonnenschlieren.

Autorin: Rahel
Setting: Garten
Clues: Brunnen, Kämpfer, Korea, Autogramm, Schneiderpuppe
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2 Gedanken zu „Sommersonnenschlieren“

  1. Hallo wertes Hafer- Hirse oder Maisprodukt, das Energie für den Tag gibt,
    vielen lieben Dank für deine aufmunternden und schmeichelhaften Worte. Da hast du einer übernächtigten Clue Writing Autorin ein freudiges Grinsen geschenkt, das den Kaffee noch ein wenig schmackhafter macht.

    Mit hochroten und grandiotastischen Grüssen
    Rahel

  2. Wow – selten so bildgewaltige Sprache für das Aufziehen eines Gewitters gelesen :O
    Toll, wie der Aufbau der Atmosphäre funktioniert – so nebenbei, immer präsent, die eigentliche Erzählung einrahmend. Bin echt schwer beeindruckt! :-D

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