Gaststory: Ronnies Spielparadies

Gastautor_HorrorAutor: Maximilian Kaiser
Setting: Treppenhaus
Clues: Rezension, Grashalm, Leuchtdiode, Reizüberflutung, Verzögerung

Früher waren die Spielhallen wie Grashalme aus dem Boden geschossen. Eine neben der anderen hatten sie mit ihren bunten Neonlichtern um die Wette gestrahlt. Da war die ganze Jugend von Tormund bis Krallheim gleich einem Insektenschwarm hineingestürmt, um sich der Reizüberflutung auszusetzen. Die meisten Lokale hatten sich zwar nicht lange gehalten und  waren bereits Monate nach ihrer Eröffnung in Konkurs gegangen, doch eine dieser Epileptikerhöllen war anders gewesen. Die bestbesuchte Halle ihrer Zeit hieß ‚Ronnies Spielparadies’. Damals wäre jedes Kind über Leichen gegangen, um einmal in seinem Leben Space Invaders, Pac-Man, Donkey Kong und all die anderen Klassiker auf den blinkenden Automaten ‚beim Ronnie‘, wie man so schön zu sagen pflegte, gespielt zu haben.

Walter Kohl war einst eines dieser Kinder. Er entdeckte diese bunte Welt in ihrer goldenen Ära, den Achtzigern. Die gute alte Zeit, in der man einige Sekunden Verzögerung abwarten musste, bis das Tonband im Walkman auf Touren kam und jeder einen brandneuen Macintosh haben musste.
Er begann neben der Schule kleinere Berichte und Rezensionen für Videospiel-Magazine zu schreiben. Entgegen seinen Erwartungen und mit viel Glück, brachten ihn diese geringfügigen Aufträge – für die er anfangs kein Honorar bekam – zu einer bekannten Zeitung. Er brach seine Schulausbildung ab, wurde ein außerordentlich erfolgreicher Journalist und lebte ein glückliches, erfülltes Leben.
Nun befand er sich als 46-Jähriger vor einem heruntergekommenen Gebäude, dessen jahrzehntealte Fassade einen schmutzigen Grauton angenommen hatte. Er entzifferte das kaum noch lesbare Schild über der Eingangstüre und wurde von einer emotionsgeladenen Rückblende erfasst, als er erkannte, dass er vor ‚Ronnies Spielparadies‘ stand. Ein Blick durch die verdreckten Scheiben verriet ihm, dass die Inneneinrichtung der Halle seit ihrer Schließung unverändert geblieben ist.
Das war ein schwarzer Tag für den jungen Walter, als er damals weinend vor den versperrten Türen hockte. Ronnie wurde kurz darauf nie mehr wieder gesehen, was das Ende des ‚Spielparadieses‘, das ein Brennpunkt der Unterhaltung sowie ein Symbol für Walters Kindheit verkörperte, umso mysteriöser machte.

Wäre Walters Arzttermin nicht verschoben worden, stünde er jetzt nicht hier und würde auch nicht diese längst vergangenen Ereignisse hinterfragen. Der Anblick dieses Gebäudes und die wiedergefundenen Erinnerungen entfachten etwas in ihm. Etwas, das ihn dazu zwang vor Wut, Neugier und Tatendrang die instabile Tür aufzubrechen und sich umzusehen. „Aber nur kurz“, sagte er sich während er bereits zwischen den verstaubten Spielautomaten mit ihren gesprungenen Bildschirmen und kaputten Leuchtdioden umherirrte.
Neben einem monströsen, begehbaren Automaten befand sich eine schwere Tür mit der Aufschrift „Privat“. Sie stand offen und führte in ein von Dunkelheit erfülltes Treppenhaus – der Strom war selbstverständlich seit Ewigkeiten tot. Er entzündete sein Feuerzeug und tastete sich langsam zum Treppengeländer, als ein starker Luftzug die Türe mit einem Knall zustieß. Die Feststellung, dass die Tür klemmte und jeder Versuch sie aufzumachen scheiterte, brachte ihn zu einer äußerst unangenehmen Erkenntnis. Er befand sich in einer aussichtslosen Lage, aus der kein Weg zurückführte. Dass die alte Eingangstür so einladend und leicht aufzubrechen war, die zweite allerdings wie ein Schlag des Schicksals hinter ihm zufiel, kaum wollte er nach der Ursache von Ronnies Verschwinden fahnden, war durchaus tragisch-komisch. Ein winziger Teil in Walters Verstand appellierte jedoch immer noch an seinen gesunden Optimismus, indem er auf einen Hinterausgang hoffte.

Schritt für Schritt stieg er im lichtschwachen Flackern seines Feuerzeuges ins Kellergeschoss hinab, bis er am Ende der Treppe zu einem Gang kam. Offensichtlich diente diese Stelle zur Lagerung und Reparatur von Spielautomaten. Walter konnte unter diesen Lichtverhältnissen lediglich wenig erkennen, stolperte über einen unbekannten Gegenstand, verbrannte sich dabei die Finger und ließ das Feuerzeug fallen. Er musste sich an der Wand abstützen, um nicht zu stürzen, dabei griff er mit einer Hand auf eine weiche Oberfläche. Verwundert betastete er die eigenartige Form, die sich wie ein kleines Hügelland aus Kunststoff anfühlte. Erst als Walter seine Lichtquelle wieder aufhob und entzündete, erkannte er, auf was er gestoßen war.
Das hässliche Gesicht eines Clowns. Nicht nur an der Wand, auch auf dem Boden lagen abgetrennte Clownsköpfe überall verstreut. Doch es waren nicht die Köpfe an sich, die ihm einen Schrecken einjagten, nicht ihre scheußlichen Grinsefratzen oder die seltsamen roten Flecken auf dem Boden. Es war das elektronische Kichern, das plötzlich durch den Keller hallte, das ihm eine grauenvolle Angst einflößte. Widerwillig folgte er dem Geräusch zu einem außergewöhnlich aussehenden Spielautomaten, der an eine Autobatterie angeschlossen war. Über dem flimmernden Bildschirm war ein Zettel angebracht, auf dem in Blockbuchstaben die Worte „SPIEL MICH!“ gekritzelt waren.

Walter war ängstlich, unschlüssig und hatte das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Genauso, wie in seiner Kindheit. Also tat er das, was ihm schon damals in Problemsituationen geholfen hatte und befolgte die Anweisung des Zettels. Er starrte eine Zeit lang auf den Titel des Videospiels, „Ronnie und die Einbrecher“. Es war ein selbst gemachtes Spiel, das alle paar Sekunden ein elektronisches Kichern von sich gab. Keine Musik, bloß das Kichern. Im finsteren Abteil der Kellerstiege, zwischen den kaputten Automaten und den deformierten Clownsköpfen, die ihn angafften, drückte er den Startknopf.
Auf dem Bildschirm stellten ein paar wenige Pixel die Gestalt eines hochgewachsenen Clowns dar. Die virtuelle Welt bestand aus einem grauen Gebäude mit schwarzem Hintergrund. Walter steuerte den schlecht gestalteten Pixel-Clown durch das zweidimensionale Haus. Die Figur kam zu einer unpassierbaren Tür. Walter befahl dem Charakter mithilfe der Steuertasten, die andere Seite des Raumes abzusuchen. Dort fand er eine praktisch platzierte Axt, mit der er problemlos durch die Tür kam. Irgendwo in der realen Welt krachte etwas, aber Walter ließ sich davon nicht beirren. Der Clown marschierte ein breites Treppenhaus hinunter und erreichte im Keller einen Gang, der als Abstellplatz zu dienen schien. Er lief an seltsamen, großen Kisten vorbei, die an veraltete Computer erinnerten und an bunten Kugeln mit komischen Gesichtern. Und am Ende des Ganges hockte eine kaum zu erkennende Gestalt im Schatten.
„TÖTE DEN EINBRECHER!“, forderte der Automat.
Walter hörte ein Kichern hinter sich, diesmal kein elektronisches. Er wollte sich gerade umdrehen, doch der alte Ronnie war schneller und vergrub seine Axt in Walters Hinterkopf.

* * *

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2 Gedanken zu „Gaststory: Ronnies Spielparadies

    • Sehr geehrter Herr Doktor,

      vielen Dank für’s Heimleuchten, da hat sich doch tatsächlich beim Leuchtidioten ein Tippfehler durchs Lektorat geschlichen ;)

      Mit lieben Grüssen und den besten Wünschen
      Für die Clue Writer
      Sarah

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