Mein kleiner Stein

SarahAutorin: Sarah
Setting: Stadtpark
Clues: Miete, Bügeleisen, Verlustangst, Schnittstelle, Vegetarismus
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

„Hallo mein lieber Stein, was tust du hier unter der grünen, alten Holzbank, deren Farbe längst abzublättern begonnen hatte? Vielleicht fällst du mir auf, weil du etwas grösser bist als deine kleinen Kiesel-Freunde und nicht so aussiehst, als ob du in einem Steinbruch malträtiert worden wärst. Nein, du bist weiss gesprenkelt, rund und schön abgeschliffen, ganz so, wie wenn das Wasser dich über Jahrmillionen hinweg geformt hätten.“
Zwei vorbeigehende Frauen in mittleren Jahren rissen mich mit ihrem Geplapper aus meinem stummen Dialog mit „meinem Stein“ – sollten sie ruhig, ich konnte auch noch später mit meinem besten Freund sprechen. Die eine der beiden Passantinnen, die mit ihrem knallroten Mantel markant aus dem Grün des Stadtparks hervorstach, hatte eine komische, schon beinahe quietschende Stimme, und als sie zu ihrer Kollegin sagte: „…und stell dir vor, jedes Mal wenn ich aus dem Haus gehe, habe ich Angst ich hätte das Bügeleisen nicht ausgesteckt.“
Die andere lachte rau, man konnte hören, dass sie Kettenraucherin war. „Dann musst du halt einen Notizzettel an die Tür kleben, um dich daran zu erinnern.“
Ich lauschte dem langweiligen Dialog über alltägliche Dinge nicht weiter und dachte mir, dass ich langsam auch vergesslich wurde – beinahe hätte ich letzten Monat die Miete nicht bezahlt und jeder wusste, dass ein versäumter Mietzins keine angenehmen Folgen hatte.
„Nein, mein lieber Stein, du musst dir um deine Miete keine Sorge machen, du liegst einfach da und tust nichts, ausser dich ab und an mit mir zu unterhalten.“ Bevor ihr euch jetzt  Gedanken über meinen Geisteszustand macht, nein, ich bin nicht verrückt, zumindest nicht so wie man Verrücktheit gemeinhin definiert. Ich sprach bloss gerne in Gedanken mit dem Stein im Stadtpark, den ich vor längerer Zeit entdeckt hatte und den ich seither jeden Tag unter der Bank wiederfand, auf der ich mich nach meinen Spaziergängen niederliess, um mir in Ruhe die Welt und die Menschen anzusehen. Steine sind gute Zuhörer; man musste ihnen nicht laut sagen was man dachte und sie würden immer genau so antworten, wie man es sich vorstellte. Ja, ich weiss, ein vernünftiger Mensch spricht mit einem Teddybär oder seinem Spiegelbild, doch ich hatte keinen Bären und mochte mir nicht selbst zusehen wenn ich sprach. Nein, Steine sind die einzig wahren Gesprächspartner für einen inneren Dialog. Ausserdem sind sie nicht so heikel wie Menschen, man kann gegen sie treten und sie behalten ihre Form und jammern nicht. Man braucht keine besondere Schnittstelle, um mit ihnen zu kommunizieren. Aus unerfindlichen Gründen haben wir Menschen uns im Laufe unserer Entwicklung die skurrile Fähigkeit angeheignet, leblose Dinge als beseelt wahrzunehmen – ein Mensch-Stein-Interface, wenn man so wollte.

„Also, lieber Stein, woher kommst du eigentlich? Darüber haben wir uns noch gar nicht unterhalten.“ Schweigen – natürlich. Er war schon ein sturer kleiner Stein, das musste man ihm lassen. „Ach, komm schon, du weisst schon alles über meine Verlustangst, da kannst du ruhig ein bisschen kooperativer sein.“ Nun, langsam aber sicher, formte sich ein Bild vor meinem inneren Auge. „Ach, du bist von einem Kind hier abgelegt worden, das dich bei einer Bergwanderung in einem Bachbett gefunden hatte. Und dazwischen bist du auf der Fensterbank in seiner Wohnung in einem roten Block gelegen, der in einem Vorort steht. Und von welchem Berg stammst du?“
Ein Bild von einem nebelverhangenen Gipfel, auf den Schneeflocken niederschwebten manifestierte sich in meinem Kopf. „Ach von dort, da hast du ja eine ziemlich weite Reise hinter dir. Weisst du, auf meiner Wanderung auf diesen Berg habe ich über meinen Vegetarismus nachgedacht.“
Ich konnte die verhaltene Amüsiertheit in seiner Antwort erkennen. „Nein, das ist für dich nicht relevant, ich esse ja keine Steine. Aber nach meinen moralischen Grundsätzen wäre es erlaubt, also sieh dich vor, du kleiner Frechdachs!“ Ich machte eine kurze Pause, bevor ich fragte: „Und was war davor? Erinnerst du dich noch, wie das Gebirge aufgefaltet wurde und du dann am Ende weit oben abgebrochen bist? Na, das ist doch beeindruckend. Dann kam sicher die Eiszeit und du wurdest von einem Gletscher verschlungen, vielleicht war es ja dieser Gigant, der dich glattgeschliffen hat. Und dann, über die Jahrtausende, bist du nach unten gerollt und irgendwann in einem Bachbett angespült worden.
Ja, du hast schon eine lange Geschichte hinter dir, vielleicht hast du gar die Dinosaurier und die Frühzeit des Menschen in deiner jetzigen Form miterlebt, wer weiss? Du wirst es mir nicht erzählen, aber das macht nichts.“
Ich musste mir eingestehen, dass ich wieder einer der Momente hatte, in denen ich die Grösse des Universums wirklich begriff, sein Alter und seine Schönheit. Nicht, dass ich solche Dinge sonst nicht wissen würde, doch ein uralter Stein, der nicht erzählen konnte was er schon alles erlebt hatte, machte einem die ganze Sache auf einer emotionalen Ebene bewusst und man stand bloss staunend und überwältigt da, während sich vor einem die unendlich scheinende Weite ausbreitete. Gedankenverloren griff ich unter die  Bank, hob den Stein auf und befühlte ihn, bevor ich ihn in meine Tasche steckte. Es war an der Zeit mal wieder bewusst in den Lauf der Dinge einzugreifen.

Ich beugte mich über das Geländer der kleinen Brücke, der gleich neben dem Park über den Fluss führte. Nun war es an der Zeit mich mit meiner Verlustangst zu konfrontieren, dachte ich leicht sarkastisch und amüsiert; mittlerweile war ich ziemlich gut darin geworden, soviel wusste ich. Doch wie jedes Mal wenn ich das tat, kämpften in mir widerstreitende Gefühle gegeneinander an, so als würde ein Mini-Blitzkrieg in meinem Hirn ausgefochten. Meine Hand umklammerte den Stein in meiner Hosentasche und ich war zwischen dem Impuls, möglichst rasch das Brückchen zu verlassen oder endlich das zu tun wofür ich hergekommen war, hin- und hergerissen. Es kribbelte mir in den Fingern, die Sache endlich zu Ende zu bringen. Rasch zog ich die Hand aus meiner Tasche, holte aus und schleuderte den Stein in weitem Bogen in die tiefste Stelle des Flusses. Es war getan – mit einem dumpfen Platschen schlug er auf und verschwand augenblicklich unter der Wasseroberfläche, nachdem ein einsamer Wassertropf von ihm in die Luft geschleudert worden war.
„Gute Reise, mein kleiner Stein. In ein paar zehntausend Jahren, wenn längst das letzte Molekül meines Körpers gespalten und über den Planeten verteilt worden ist, wird dich vielleicht jemand wer weiss wie viele tausend Kilometer entfernt im Flussbett finden und betrachten. Er wird deine Geschichte nicht kennen, genauso wenig, dass du ein paar Monate unter meiner Parkbank gelegen hast. Doch das spielt keine Rolle, alleine mit meinen Gedanken kann ich mir hunderte Szenarien ausdenken, was dir widerfahren wird, etwas, das mir bei der Frau mit dem Bügeleisen nicht gelingen würde.“
Gemächlich machte ich mich auf den Heimweg durch den Feierabendverkehr. Ich wusste genau, dass ich jetzt noch einige Wochen mit dem Stein sprechen und seine Zukunft diskutieren würde, bevor ich einen anderen Gesprächspartner im Park fände, der weniger hektisch war als der Rest meines sonst ziemlich normalen Lebens.

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