Stöckelschuhe

RahelAutorin: Rahel
Setting: Badezimmer
Clues: Ventilator, Moral, U-Bahn, Poker, Panzerband
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Momo war gerade mal acht Jahre alt und nicht zum ersten Mal hier. Gehetzt und wenig behutsam wurde er in eine der verdreckten Toilettenkabinen gestossen, doch noch bevor er etwas dazu hätte sagen können, wurde ihm eine schwielige Hand auf den Mund gepresst und er wurde fest an den mächtigen Körper vor sich gedrückt. „Egal was passiert, du bleibst hier und kommst nicht raus, ehe ich dich abhole.“ Etwas im Blick seines Vaters verriet ihm, dass es heute um mehr als die üblichen Streitigkeiten mit Herrn Zhao ging und sein kleines Herz wurde unruhig. „Hast du das verstanden Momo?“ Plötzlich hatte er den übermächtigen Wunsch seinem Vater zu sagen, dass er ihn lieb hat und er nicht alleine hier warten wollte, doch er nickte nur und bemühte sich, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen und seinen grossen Beschützer anzulächeln. „Du bist ein guter Junge“, hörte er die tiefe Stimme an seinem Ohr. „Ich bin stolz auf dich!“ Wie er es gelernt hatte, schloss Momo die Toilettentür hinter seinem Vater zu und kontrollierte dreimal, ob das Schloss wirklich richtig eingeschnappt war, bevor er sich auf den kalten Keramikklodeckel setzte und seine kurzen Beinchen nach oben zog – nun würde er warten müssen, soviel wusste er. Doch daran worauf er eigentlich wartete, war ihm nicht ganz klar.

Mit geschlossenen Augen umschlang er seine Knie und vergrub sein sonst so fröhliches Gesicht dazwischen, währendem er den vertrauten Geräuschen des chinesischen Etablissements lauschte, in welchem sein Vater seit beinahe drei Jahren Stammgast gewesen war. Das gleichmässige Surren des Ventilators beruhigte ihn und bald schon begann er die Gefahren zu vergessen, die hinter der dünnen Holztür auf ihn warten würden. Von jugendlicher Langeweile getrieben, versuchte er möglichst lautlos an seinen Transformers-Rucksack zu gelangen, der hinter ihm auf dem Spülkasten lag und in welchem sein geliebter Lego-Panzer, vergraben unter einer Jacke und einer Wollmütze, lag. Als die Tasche zu Boden glitt und den ekligen Klobürstenhalter scheppernd umwarf, nahm er erschrocken den Ärmel seines Pullovers zwischen seine Milchzähne, um das leise Quieken zu ersticken, das ihm entglitt, bevor er nach dem Trageriemen fischte und die Tasche fest an seinen Bauch drückte. Er wartete einige Minuten stumm und konzentrierte sich angestrengt auf jedes Geräusch, das einen Eindringling verraten könnte und erst als selbst nach einer gefühlten Ewigkeit niemand kam, atmete er erleichtert auf und kramte sein Spielzeug hervor.

Momo wäre beinahe vom glatten Keramiksitz gerutscht, als er Schritte auf dem alten Holzboden vor dem Badezimmer vorbeimarschieren hörte. Es waren drei, vielleicht vier Personen mit schweren Stiefeln. „Sie kommen“, dachte sich Momo und hielt ängstlich die Luft an, bis der kleine Trupp vorbeigezogen war und er sich sicher genug fühlte, um auf die Taschenuhr zu sehen, die ihm sein Vater vorhin in der U-Bahn zugesteckt hatte. „Ich will, dass du gut darauf aufpasst“, hatte er ihm gesagt und ihn auf die Stirn geküsst. Es war beinahe eine Stunde vergangen, seitdem er hier, hinter der mit Schweinereien vollgeschmierten Toilettentür, alleine gelassen worden war und Momos kindliche Geduld wurde langsam überstrapaziert.

Die kleine Spielhölle, die in den Hinterzimmern des chinesischen Restaurants boomte, war für Momo beinahe zu einem zweiten Zuhause geworden, nachdem seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen hatte. Er kannte jede einzelne der leichtbekleideten Kellnerinnen mit Namen und genoss es, dass sie sich immer freuten ihn zu sehen und auch die anderen Angestellten und Gäste schienen einen Narren an ihm gefressen zu haben, so dass er sich eigentlich jeden Unfug erlauben konnte, wann immer er hier war. Besonders Mai, welche sich immer so fürsorglich um ihn kümmerte, wenn sein Vater beim Poker war, hatte es ihm angetan und hätte er nicht den wichtigen Auftrag bekommen, hier zu warten, wäre er jetzt bestimmt zu ihr gerannt und hätte ihr alles erzählt. Er konnte sich nur schwer vorstellen, dass eben diese Leute, sie immer so freundlich zu ihm waren, ihm etwas antun wollten, aber alleine der Gedanke an den aufgeregten Ausdruck seines Vaters genügte, um ihn trotz seiner Unruhe zum Stillsitzen zu bewegen; was mochte wohl geschehen sein?

Als Momo das unverkennbare Klackern von hohen Absätzen auf dem Parkett vernahm, lief ihm instinktiv ein kalter Schauer über den Rücken und noch bevor die marode Badezimmertür mit einem lauten Klacken aufsprang, erahnte er wessen Schuhe es waren, die ihn aufgeschreckt hatten. „Die schöne Lady“, murmelte er verhalten und umklammerte angstgelähmt seinen Rucksack. Er konnte durch den schmalen Spalt zwischen der Tür und dem harten Fliesenboden erkennen, wie jemand brutal in den kleinen Raum geworfen wurde, heftig gegen die ausgemusterte Badewanne stiess und schlussendlich unter einem Waschbecken zu liegen kam. Momo musste mit sich kämpfen um nicht laut loszuschreien, als er seinen Vater erkannte, dessen lebloser Mund weit geöffnet verharrte und ihn anzuflehen schien, leise zu sein.

„Scheisse“, fluchte die schöne Lady erbost und kickte Momos totem Vater in die Rippen. „Ihr solltet ihn nicht töten, solange wir nicht wissen wo das verdammte Kind ist!“ Ein dumpfer Schlag ertönte und einer der beiden Männer, dessen feine Herrenschuhe Momo durch den Spalt ausmachen konnte, protestierte leise. „Er sagte doch: ‚Nur über meine Leiche‘, also habe ich ihm den Schädel gespalten.“ Ein weiterer Schlag folgte und war glücklicherweise laut genug, so dass das verzweifelte Aufschluchzen im Waschraum nicht zu hören war, welches Momo just in dem Moment entwich. Währendem die schöne Lady mit den spitzen Schuhen erzürnt auf und ab ging, biss er sich mit panischer Heftigkeit in seine Recht Hand, damit er nicht ungehalten losheulte, wie ein geschlagener Hund. Sie blieb unendliche Sekunden vor seiner Kabine stehen und gerade als sie sich abwenden wollte und sagte: „Na gut, holen wir uns die Mutter!“, zitterte sein kleiner Körper so unkontrolliert, dass er seinen Panzer fallen liess.

„Ein Kind, sage ich!“, entrüstete sich der grössere der beiden Männer zum wiederholten Male, als ein erneuter Schauer aus Fausthieben auf Momo niederprasselte und ihn der sehnsüchtig erwarteten Ohnmacht näherbrachte. „Halt die Klappe!“ Die schöne Lady mit den langen schwarzen Haaren warf etwas Kleines in das vernarbte Gesicht des Mannes und Momo sah, wie sein Spielzeug auf dem Boden zerschellte und das abgefallene Panzerband in die Blutlache seines Vaters fiel. „Seit wann interessierst du Affe dich für Moral?“ Der Angesprochene trat einen Schritt zurück und wirkte ob der unbändigen Wut seiner Vorgesetzten eingeschüchtert. „Ist es denn wirklich notwendig ihn so zuzurichten?“, wollte er dennoch wissen, nicht dazu bereit seinen Teil am Malträtieren eines Kindes beizusteuern. „Wenn wir an sie heran wollen, muss sie wissen, dass wir es verflucht nochmal ernst meinen!“ Ihre Haut war beinahe weiss und sie duftete genauso wie Mai und Momo lächelte sie erschöpft an, bevor sie mit voller Wucht den Absatz ihrer Stöckelschuhe auf seine Schläfe donnerte und er das Bewusstsein verlor.

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