Gaststory | Die Kunst zu überleben

„Wer braucht jetzt noch irgendwelche Stangenlager?“, spuckte Fritz Dupont vor sich hin. Wütend begann er damit, die Bombensplitter in seinem Eisenwarenladen von einer Ecke in die andere zu fegen. Die drei großen Frontfensterscheiben waren bei dem verheerenderen Bombenregen der letzten Nacht zu Bruch gegangen. Nicht nur das. Auch alle Muttern, Nägel, ohnehin das gesamte Sortiment aus dem Kleinteileschrank lag kreuz und quer auf dem Holzboden verteilt.

„Die haben doch eine Schraube locker. Was ist das für ein Jahrzehnt, in dem man es sich nicht mal mehr gemütlich machen kann?”, Herr Dupont stemmte seine knöchrigen Arme in die Hüften und unterbrach das Kehren seines Ladenlokals. Seine Wut wechselte sich mit dem reinsten […] Weiterlesen

Gaststory | Alles koscher!

Wie schon zweimal zuvor erhielt Ariel seine Karteikarte erst einen Tag vor dem eigentlichen Auftrag – fein säuberlich in einem zugeklebten Umschlag.
Jargo, der kleine Boss, schaute ihn ernst an. „Morgen um zehn Uhr erwartet dich beim angegebenen Bahnhof ein Herr Lehm. Da bekommst du auch dein Lieferauto.“ Jargo sagte es mit einem Augenzwinkern, wussten doch beide, dass es sich wahrscheinlich um einen schnellen Sportwagen handelte. „Sei pünktlich.“
Ariel nickte. Er verließ so cool wie möglich die Lagerhalle. Verhalte dich wie James Bond, murmelte der Teufel auf seiner Schulter, undurchschaubar. Der Engel auf der anderen Seite schnaubte nur verächtlich Wunschdenken. […] Weiterlesen

Gaststory | Kalte Erkenntnis

Lena fror. Sie drehte am Regler für die Klimaanlage. Eine Kältewelle war im Oktober über Österreich hereingebrochen. Dunkelheit umgab Lenas Auto. Sie gab mehr Gas. Die Autobahn war wie leergefegt. Es war schon geraume Zeit her, seit sie ein anderes Auto gesehen hatte. Mit einem Blick auf ihr Navigationsgerät stellte Lena fest, dass es bereits 20 Uhr war. Die aktuelle Ankunftszeit betrug 23:31 Uhr. Obwohl es im Auto allmählich wärmer wurde, fröstelte Lena. Die seltsame Kälte, die sich seit dem Streit mit der Mutter in ihrem Inneren ausgebreitet hatte, wurde stetig schlimmer. Lena würde niemals zu Mamas Hochzeit mit diesem Heiko kommen. Mama gehörte zu Papa. Daran gab es keinen Zweifel. Mama hatte Papa vergrault. Vertrieben. Hatte sie es nicht ertragen können, dass Tochter und Mann ein Herz und eine Seele gewesen waren, hatte sie es als […] Weiterlesen

Gaststory | Fortschritt

Ein nicht enden wollender Strom. Widerlich. Ann-Christin versuchte, das ekelhafte Gefühl auszublenden. Zum hundertsten Mal heute griff sie hinter sich und zog den nassgeschwitzten Seidenstoff von ihrem Rücken. Warum kam denn dieser verdammte Fahrstuhl wieder nicht? Ann-Christins Faust hämmerte auf die altertümliche Bedienungstafel. So alt wie das Haus. Einhundert Jahre. Der Rufknopf des Fahrstuhls steckte in der Fratze eines Fauns. Jugendstil. Seltsam für diesen Verwendungszweck. Seltsam wie das ganze Haus.
Zeit verstrich. Der Fahrstuhl hielt wie festgenagelt in der ersten Etage. Ann-Christin konnte den riesenhaften Faunkopf deutlich sehen, der am Boden der altertümlichen Fahrstuhlkabine angebracht war. Überall grinste einem dieser Faun entgegen. Der […] Weiterlesen

Gaststory | Johann zieht um

Nach sechs Tagen endlich wieder dieser eine Moment, in dem alle Sinnesorgane jubilieren. Wilfried atmet tief durch, zieht die Luft gierig durch die Nase. Diese strömt vorbei an den Millionen von Sinneszellen seiner Nasenschleimhaut. Die Härchen auf den Sinneszellen strecken sich zitternd und voller Vorfreude den Aromastoffen entgegen, die durch den Duschraum wirbeln. Ein lautes „Beeil dich, andere wollen auch duschen“ unterbricht abrupt diesen Glücksmoment. Egal, er stellt das Duschthermostat heißer ein und lässt sich nicht stören. Der Brustkorb hebt und senkt sich. Harry trommelt gegen die Duschkabine. „Willi, mach hin, sonst hole ich dich da raus!“ „Nur zu – wenn du das Echo erträgst.“ Vor Harry hat er keine Angst. Harry ist ein Großmaul, mehr nicht. „Wilfried!“, mahnt Hannes, der Leiter des Tagestreffs. „Ist ja gut.“ Wilfried dreht das Wasser ab und […] Weiterlesen

Gaststory | Papier

„Günther, das Ministerium ist hier.“ Er sah auf und seine Sekretärin machte Platz für den strammen Mann.
Specht“, sagte der Mann zackig mit piepsender Stimme. Seine schwarze Uniform zeichnete ihn eindeutig als Mitarbeiter des Ministeriums für Effizienz und Verschwendung aus. Auf seiner Brust die silberne Mine eines Bleistifts. Specht stellte sich mit gestrecktem Rücken vor seinem Schreibtisch und wartete, während Günther sich an der Tischplatte hochdrückte. Sein Stuhl knackte, er hatte schon lange keinen neuen mehr bestellt — bloß keine Verschwendung. Er reichte dem Mann die Hand. Natürlich schüttelte er sie nicht. Effizienz – nur kurz nicken.
Günthers Herz begann zu schlagen, zu schnell, zu energieverschwendend und Spechts […] Weiterlesen

Gaststory | Die Sache mit den Garnelen

Es war so frühlingshaft, wie ein Frühling nur sein konnte, als Thomas Ehrlichmann seine übliche Runde machte. Im Park drängten sich die Krokusse so dicht wie Konzertbesucher, die alle ihren Star hautnah erleben wollten. Ehrlichmann sog die honigduftgeschwängerte Luft ein. Vielleicht war er ja dieser Star, den die kleinen Frühlingsblüher anhimmelten. Unweigerlich musste er kichern. Das entsprach weder seinem Naturell, noch seinem Alter. Abrupt blieb er stehen, zog den Gürtel seines beigefarbenen Trenchcoats enger, klemmte sich die braune Ledertasche wieder unter den Arm und lief zielstrebig auf die Moritzstraße zu.
Eine Amsel stob schimpfend aus einem noch kahlen Gebüsch. Über dem lichten Haar von Ehrlichmann zwitscherten Meisen und Rotkehlchen gegeneinander an. Das laue […] Weiterlesen

Gaststory | Pompeji

Die Faun-Statue hatte Millie zugezwinkert. Oder war nur diese ewige Sonne schuld, wegen der sie dauernd blinzeln musste?
„Wo bleibst du denn?”, rief Alfred ungeduldig und wedelte mit dem Reiseführer.
Pompeji! Der Prospekt hatte eine Studienreise mit Tiefgang versprochen. Alfred war darauf sofort angesprungen, er liebte alles Historische. Früher hatte Millie es spannend gefunden, wenn er von längst vergangenen Zeiten erzählte. Leider hatte sie im Laufe der Jahre feststellen müssen, dass ihr Mann in der toten Vergangenheit feststeckte. Er interessierte sich kein bisschen für die Gegenwart, vor allem dann, wenn diese aus einer lebendigen, warmen, und außerordentlich lustvollen Millie bestand.
„Das ist ja soooo aufregend!”, zirpte Frau Schneider und stöckelte mit knallroten Pumps […] Weiterlesen

Gaststory | Schmetterlingsjagd im Käferauto

Das Auto parkte direkt vor dem Haus. Es war in Karminrot gehalten, leuchtend wie eh und je. Nur an manchen Stellen waren kleine Kratzer zu sehen. Laura wusste, es würde der Geruch nach alten Zigarren und nassem Hund auf sie warten. So ekelig das klang, der Käfer war auch voller Erinnerungen. Wie eine schwere Last lagen diese nun auf ihren Schultern, während die junge Frau auf den Rücksitz kletterte. Es gab keine Gurte. Dieses Auto war das einzige, das ohne Gurte auf der Rückbank noch fahren durfte. Auf der Lehne ganz links war noch immer ihr Kinderhandabdruck, den sie dort vor vielen Jahren mit einem Permanent-Marker nachgemalt hatte. Kaum war die Tür zugefallen, schien es, als drehte sich Lauras Großvater grinsend vom Fahrersitz zu ihr um: „Halt dich fest, wir düsen los!“ Stattdessen stiegen ihre Eltern ein. Frische Luft vertrieb für einen Moment das […] Weiterlesen

Gaststory | Schöne Bescherung

Das Trappeln der Hufe verklang und Bimmeln der Glöckchen beruhigte sich, als die Rentiere in die Luft aufstiegen. Erleichtert lehnte sich Dieter auf dem Bock zurück. Es hatte geklappt! Er sah nach unten, zu dem Häuschen, den Schuppen und der Manufaktur. Die Gebäude wirkten wie Spielzeug – unfassbar, wie schnell sie an Höhe gewonnen hatten! Neben dem Häuschen war püppchenklein eine menschliche Gestalt zu erahnen. Ein dicker Mann mit weißem Rauschebart, wie Dieter wusste.
„Tschau, Alter!“, brüllte er hinunter und winkte, obwohl er wusste, dass der arme Trottel ihn nicht hören und gegen den Nachthimmel wahrscheinlich auch nicht sehen konnte. „Tut mir leid wegen deinem Schlitten. Dafür hast du ja mein Auto.“ Er kicherte.
Es war so gottverdammt sagenhaft einfach gewesen. Er hatte kaum gesagt, er sei […] Weiterlesen