Marja

Die Keksschachtel ist seit einigen Tagen offen, dementsprechend trocken und krümelig ist das Mandelgebäck. Flavia gönnt sich jeweils zwei pro Mittagspause, eine Weile hat sie es mit einem probiert, aber so viel Verzicht mundet ihr nicht, es reicht, erstmal das Abendessen ausfallen zu lassen.
„Hi“, sagt sie zu Sanja und Margret, die wie üblich früher in die Pause gegangen sind, um auf der Rampe beim Lieferanteneingang eine zu rauchen. Sie gucken von ihren Smartphones hoch, wo sie vermutlich gerade die neusten Instagrambilder der jeweils anderen studierten, starren Flavia […] Weiterlesen

Madame Mimi Moffats Märchen

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der siebten Clue Writing Challenge.

2011

„Es liegt mir fern, unhöflich zu sein“, beginne ich ohne den Treuhänder anzusehen. Vor einigen Tagen hatte er mich in sein Büro geladen, wo heute Morgen alle Formalitäten besprochen und notwendigen Unterschriften gesetzt wurden. „Doch ich wäre lieber alleine. Die Nachricht verdauen, Sie verstehen?“
„Gewiss“, gibt der ältere Herr nickend zurück und verweilt einige Sekunden scheinbar ratlos inmitten des muffigen Wohnzimmers, ehe er mir auf die […] Weiterlesen

Special zur sechshundertersten Story | Sechshundert Leben

Und auf einmal kehrt Ruhe ein. Die Hektik fällt unter dem Druck einer schweren Gewissheit in sich zusammen, wir treten zurück und ich mache offiziell, was uns allen klar ist: „Zeitpunkt des Todes: Zwei Uhr dreiundfünfzig.“ Meine rechte Hand, Schwester Thea, nickt mir aufmunternd zu. Ich erwidere die Geste, sie ist Routine geworden. „Bereiten Sie ihn vor. Ich spreche mit der Familie.“
Mein Besteck landet in der Nierenschale, der Schurz im dafür vorgesehenen Abfalleimer beim Durchgang zum Waschraum. Das Waschen ist zum Ritual geworden, einem, das ich liebgewonnen habe. Durchatmen, meine Reflektion im Spiegel anstarren, ohne mich wirklich wahrzunehmen. Dieser Moment, unmittelbar nachdem ein Menschenleben unter meinen Fingern sein Ende gefunden hat, ist mir heilig. Doch er dauert keine drei Minuten, […] Weiterlesen

Patreon-Bonus | Gus ohne Regenschirm

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Advents-Special | Das erste Mal zum letzten Mal

Dem ersten und letzten Mal haftet eine natürliche Nervosität, eine gewisse Angst an. Der Mensch war schon immer fasziniert von Premieren und Abschieden, oftmals feiert er sie, fiebert ihnen entgegen oder trauert ihnen jahrelang hinterher. Für June war es ein Tag der vielen ersten Male – niemals zuvor war sie in einem kleinen Flugzeug gesessen, nie abgestürzt, selbst und selbst die Ohnmacht war ihr völlig neu.
Wie ein Schlag in den Magen überfiel sie die Kälte, zerstörte ihren Dämmerzustand in Sekundenbruchteilen. „H-gnh!“ Das Wrack der Beechcraft Bonanza lag zirka dreißig Meter von ihr entfernt, June musste beim Aufprall in die Schneedecke hinausgeschleudert worden sein. „F… Fra…“, versuchte sie ihre Stimme zu finden und streckte in einer instinktiven Geste ihre Hand nach dem Piloten aus. „Ngh-waah!“ Die […] Weiterlesen

Sandläufer

Es war später Nachmittag, die Sonne wollte hinter dem Horizont verschwinden, als zwei Liebende vorfreudig durch den herausfordernden Untergrund wateten. Jedem ihrer Schritte folgte ein amüsantes Rutschen nach unten, so spaßig hatte sich Sam den Aufstieg nicht vorgestellt.
„Nur noch ein bisschen“, redete er seiner Verlobten gut zu. „Bald sind wir da.“
„Wie bald?“ Handvoll um Handvoll schaufelte er den Sand, genoss das Gefühl, wie er durch seine Finger rann, ohne Halt zu finden. Der perfekte Sternenhimmel wartete auf sie, zuvor das aufregende Spiel im Sandkasten der Welt, den Blick auf die eindrückliche Aussicht gerichtet. Die Beziehung zu ihr war nicht minder schön, ihr Abenteuer auf dem Weg auf die Sanddüne war lediglich das letzte in einer ganzen Reihe aus waghalsigen Ausflügen. […] Weiterlesen

Special zu Rahels zweihundertfünfzigster Story | Alteram Vicem

Das System wird gebootet, die Bioware-Treiber initialisiert und schließlich rahel3145.exe ausgeführt. Schlagartig öffne ich die Augen und starre an die Deckenkuppel meines Habitats, wo aktuelle Wetterdaten, Nachrichten und verpasste Mitteilungen eingeblendet werden. In Gelb hinterlegter Schrift zählt der Countdown zu Sarahs Ankunft hinunter: Zwei Tage, sechsunddreißig Stunden, zwölf Minuten und vierzehn, nein, dreizehn Sekunden. Achtundzwanzig Jahre ist es nun her, seit wir uns das letzte Mal in Fleisch und Blut statt via Direktübertragung gesehen haben. Wobei die Umschreibung ‚Fleisch und Blut‘ zumindest bei Sarah nicht mehr ganz korrekt ist, besteht sie doch vorwiegend aus mechanischen Teilen. Ich hingegen ließ meinen Originalkörper zurück, als seine Gebrechen umfangreichere Modifikationen bedurften. Einen sentimentalen Wert hatte […] Weiterlesen

Bedingung(slos)

Alles im Leben kostet etwas und selbst das, was einem scheinbar gratis in den Schoß fällt, fordert früher oder später seinen Preis. Zumindest die Dinge, die von Bedeutung sind. Natürlich gibt es Leute, die das Gegenteil behaupten und die Meinung vertreten, die schönsten Sachen seien umsonst. Manchmal ist es schwierig, einen Lügner von einem Dummkopf zu unterscheiden, überlegte er den Katheterschlauch betrachtend.
„Herr Victor … Herr Viktor Victor?“ Ihr Gesicht blieb beinahe vollständig hinter dem Klemmbrett verborgen, auf dem sie seinen gedoppelten Namen ablas.
„Ja. Das bin ich.“ Der Geruch von kaltem Zigarettenrauch und viel süßlichem Parfüm juckte ihm in der Nase, erinnerte ihn an seine Tante, die vor einigen Jahren an derselben Krankheit verstorben war, die jetzt seinen […] Weiterlesen

Patreon-Bonus | Einer von ihnen

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Der Weltverbesserer

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält Szenen, die auf einige Leser beunruhigend wirken könnten. Zudem könnte das dargestellte Gedankengut auf einige beleidigend wirken. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

„Danke dir, Frank“, seufzt er zufrieden, als er sich auf meine Couch fallenlässt. „Das Chalet ist der schönste Ort zum Entspannen.“ Er lobt das weichgespülte Ambiente, ein Überbleibsel meiner verstorbenen Mutter, bei jedem Besuch und mir ist schleierhaft, wie ernst es ihm damit ist. Ihm ein kühles Blondes reichend, setze ich mich auf den kitschigen Ohrensessel.
„Kein Problem.“ Vor einigen Tagen habe ich ihn mit seiner Freundin im Kino getroffen, sie hat mir bei der Begrüßung ihr falsches Kichern […] Weiterlesen