Ritual und Frühstück

Fernando wippte unwohl vor sich hin, verlagerte sein Gewicht von der einen auf die andere Sohle. Der Vollmond beschien den nebligen, alten Friedhof und er bereute, ausgerechnet zu diesem Treffpunkt gehen zu müssen. Er hatte erwartet, im Dunkeln unbeobachtbar zu bleiben, stattdessen war es beinahe taghell. „Komm schon, komm schon“, zischte er ungeduldig und trommelte mit seinen Fingern auf den Oberschenkeln. Es war sein erstes Mal, die Nervosität wurde ihm schier unerträglich. Selbstverständlich, jeder fängt unten an, […] Weiterlesen

Fußmattengeplauder

Werner Wanze war ein besonderes Käfertier. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen, die frischfröhlich und unorganisiert in die Welt hineinkrabbelten, hatte er eine echte Tagesroutine. Jeden Morgen punkt zehn Uhr traf er sich mit Sandra Schabe auf der Fußmatte beim Hintereingang des Wohnhauses zu einer Zigarettenpause. Werner Wanze war ein emsiger Beamtenkäfer, der seine Aufgabe, die Wanzenpopulation zu zählen, todernst nahm. Dass er seinen Job eigentlich satthatte, merkte man kaum. Sandra Schabe hingegen wurde wegen ihres […] Weiterlesen

Die Hipster-Falle

„Whassup, Bitches?“ Vom lauten Singsang erschrocken, fuhr Leonie hoch und wandte sich derart schnell um, dass sie beinahe das Gleichgeweicht verlor. Entnervt stöhnte sie auf: „Felix, hast du sie noch alle? Es ist neun Uhr abends, es ist totenstill. Hör auf, mich anzuschreien!“
Grinsend trat ihr guter Freund ein und platzierte mit einer ausladenden Geste zwei To-Go-Becher des Independent-Kaffeelädchens nebenan auf dem Tisch. „Ich bin schockiert, hast du dich nicht über den unpassenden Plural aufgeregt.“
„Manchmal, nur manchmal, bin auch ich müde“, beschwerte sich die sonst stets quirlige Leonie und hob ihren Becher auf. „Aber Kaffee hilft. Frische […] Weiterlesen

Zuckerguss und Einstichstellen

Es ist mein erster Arbeitstag im neuen Job. Wie es sich für einen Neuling gehört, tänzle ich aufgeregt durch die Menschenmasse, atme tief ein und hoffe, nicht mein nettes Jackett zu verschwitzen. Gemietete Kleidung sollte man in einem einigermaßen passablen Zustand zurückgeben, denke ich mir und weiche einigen herausgeputzten Herren aus. Klar, es ist eine Hochzeit, aber ich komme mir sogar in der schicken Kleidung fehl am Platz vor und das aus gutem Grund. Noch gestern hatte ich versucht, den Boss davon abzubringen, mir diesen Auftrag zuzuschanzen. Leider erfolglos. […] Weiterlesen

Patreon-Bonus | Eine Fracht wie keine andere

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Der Mörder von Morville

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der siebten Clue Writing Challenge.

Madame Mimi Moffat war eine typische alte Dame, nun ja, zumindest sah sie selbst das so. Allerdings fiel sie in dem kleinen Dörfchen Morville dank einiger Eigenarten auf. Sie wurde gemeinhin als die „schrullige Französin“ bezeichnet, die in einer zerfallenden Villa auf dem bewaldeten Osthügel lebte. Eigentlich war sie bloß zu einem Achtel Französin, nichtsdestotrotz bestand sie darauf, mit „Madame“ angesprochen zu werden, man sollte ihr schließlich den gebührlichen Respekt zollen. […] Weiterlesen

Special zur sechshundertsten Story | Die Sechshundert

„Hach, was für ein schöner Tag“, frohlockte Melissa, als sie die Fensterläden aufmachte und auf die verschneite Morgenlandschaft blickte. „Beinahe idyllisch.“
Alexander, ihr Mann, streckte sich ausgiebig und strich sich über den Bart. „Hauptsache, wir haben reichlich zu essen und Brennholz.“ Damit schlenderte er ins Badezimmer, um sich frischzumachen.
„Was für ein Morgenmuffel“, kicherte Melissa und stellte die Tassen für das Frühstück auf den Tisch. Die Dielen ächzten unter ihren Schritten und insgeheim fragte sie sich, ob das am Alter des Fußbodens lag, oder sie zugenommen hatte – zu dumm, gab es keine Waage. Routiniert stapelte sie Holz in den Ofen, entzündete ein Streichholz und seufzte: „Ein Generator wäre nett.“ Sie beobachtete schweigend, wie die Flammen Halt fassten und […] Weiterlesen

Advents-Special | Das Phantom vom Nordpol

Diese Geschichte ist Teil der lose verbundenen Story-Reihe „Weihnachtsdorf“.

Mit einem pathosgeladenen Seufzer ließ sich Marcel auf den Armsessel fallen und starrte auf das prasselnde Kaminfeuer. „Wer hätte gedacht, ein Musical zu schreiben sei so schwer?“
Liv, seine Verlobte, sah von ihrem Roman auf und frotzelte: „Ich, darum schreib ich keines.“
„Na super“, gab er trocken zurück und legte das Notebook weg, dem Drang widerstehend, es ins Feuer zu werfen. „Wieso habe ich meine doofe Musical-Idee bloß öffentlich angekündigt? Jetzt erwartet der ganze Nordpol, dass ich abliefere. Ich hätte einfach eine weitere Parodie raushauen können, alle mögen die – sogar der Alte.“ […] Weiterlesen

Patreon-Bonus | Patrizid

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Special zu Sarahs zweihundertfünfzigster Story | Auf nach Alteram Vicem

Entnervt lausche ich der Stimme in meinem Kopf, die verkündet, ich solle aufstehen. Ich habe Wecker schon zu jenen Zeiten gehasst, als ich keine bioelektronischen Implantate hatte, aber die telepathische Version ist tatsächlich schlimmer. „Ist gut, bin wach“, murre ich gedanklich und richte mich auf – wenigstens ist der impertinente Piepston, der zusätzlich durch meinen Schädel hallte, endlich verstummt. Die erste halbe Stunde des Tages ist für mich bis heute seltsam: Während die Cyborg-Teile vollständig hochgefahren sind, kommt der organische Teil meines Körpers gerade erst zu sich. Nach über zweihundertfünfzig Jahren habe ich aufgegeben jemals ein Morgenmensch zu werden. Glücklicherweise ist die Erde ein Ort, der nie schläft und meinem Jobs als Schriftstellerin und Designerin virtueller Realitäten kann ich rund um die Uhr nachkommen. […] Weiterlesen