Am Ende der Strasse

SarahAutorin: Sarah
Setting: Kirche
Clues: Lenkrad, Arbeitsverweigerung, Krawatte, Stripclub, Kreisel

„Maurice?“ Die Stimme erklang aus der Ferne und hatte einen wunderbaren Klag, sie hallte in dem grossen Raum wieder, kehrte zurück und schwebte über mich hinweg. Vorsichtig schlug ich die Augen auf und weil ich zuerst alles nur durch einen Schleier sehen konnte, war alles, was ich in meinen ersten Sekunden erblicken konnte, nur Licht. Weisses, helles, reines Licht, das alles durchflutete, mich umfasste und dabei so eigenartig wirkte, als ob es nicht von dieser Welt stammte. Der Duft von Weihrauch lag in der Luft und von weit weg hörte ich etwas, das mich an das helle und klare Läuten von Glocken erinnerte. Langsam klärte sich mein Blick und ich konnte wieder erkennen, wo ich war. Das Innere der Kirche wirkte nicht so wie ich es aus meiner Jugend in Erinnerung hatte. Die Bänke waren zwar noch immer dunkel und mächtig, so wie sie sich links und rechts von mir erhoben, doch der einst dunkle Raum mit den gefärbten Fenstern hatte seine Bedrohlichkeit verloren. Es dauerte einige Atemzüge, bevor ich begriff, warum: Das Dach war verschwunden, hatte sich in nichts aufgelöst. Irgendwo oberhalb der dem Schiff langgezogenen Reihen von hohen gotischen Spitzbögen verlor sich der weisse, raue Verputz im Nichts und gab den Blick auf etwas frei, das ich nicht erwartet hatte. Ich konnte zwar den Himmel sehen, doch als ich begriff, dass auf einer Wolke ein dichter Apfelbaum, reich behängt mit reifen Früchten, stand, da wusste ich, dass etwas nicht stimmen konnte.
„Alles wird gut.“ Die Stimme war näher gekommen, doch noch immer beruhigend und wunderbar, wenn ich auch nicht sagen konnte wieso – sie war einfach so rein, so perfekt und vollendet, dass sie sagen konnte, was sie wollte. Dann erblickte ich ihn, die Lichtgestalt, welche sich über mich beugte und mich neugierig, fast schon schüchtern, beäugte. Ganz in weiss gekleidet und das lockige, blonde Haar über seine Schultern herabfallend.
„Wo bin ich?“, brachte ich verwirrt hervor, doch alle Furcht war von mir abgefallen, ich glaubte, die Antwort zu kennen. Das Sprechen fiel mir schwer, meine Krawatte schnürte mir die Luft ab, doch  es störte mich nicht, nicht wenn ich da war, wo ich dachte, dass ich sein musste.
„Du bist in der Kirche“, erklärte er mir ruhig und beugte sich über mich. Erst jetzt dämmerte mir, dass ich in dem langen Mittelgang auf dem Boden liegen musste, denn nur so liessen sich meine komischen und verwirrenden Eindrücke erklären. Als jedoch die hellen, gefiederten Flügel auf seinem Rücken erscheinen, die sich ab und an bewegten wie die Flügel eines Schmetterlings, der auf einer Blüte sass, da war ich mir sicher, dass ich in der Tat tot sein musste. „Warum…?“ brachte ich hervor, doch er unterbrach mich und bedeutete mir, zu schweigen. Mit der einen Hand hob er ein Lenkrad in die Höhe und hielt es mir vor Augen. „Erinnerst du dich noch? Du warst in deinem Wagen unterwegs…“
Vage baute sich vor meinem geistigen Auge das Bild des Kindes auf, das einem rosaroten Ball mit weissen Punkten hinterherrannte, nur wenige Meter vor meinem Wagen. Ich hatte das Lenkrad herumgerissen, danach gab es bloss noch Schwärze in meinen Erinnerungen, die alles andere verdeckte. Doch wie ich in die Kirche gekommen war, blieb mir rätselhaft, wahrscheinlich war dies der Ort, an dem alles zu einem Ende kam.
„Bin ich im Himmel?“ fragte ich, noch immer verwirrt. Die Lichtgestalt vor mir machte einen kindlichen Schmollmund und schüttelte den Kopf. „Du bist in der Kirche.“
„Aber wieso…“, begann ich und er unterbrach mich mit einer missbilligenden Geste und fragte: „Woher kamst du?“
„Vom Stripclub“, begann ich und es dauerte bloss einen Wimpernschlag, bis ich verstand auf was er hinauswollte. Ich hatte das Gefühl, als ob sich meine sämtlichen Eingeweide zusammenzogen und verkrampften.
„Was hattest du genommen?“, fragte er weiter, noch immer mit der ruhigen und angenehmen Stimme, ohne das geringste Anzeichen von Wut.
„Alkohol“, begann ich, besann mich dann aber eines Besseren – er würde es wissen, wenn ich nicht die volle Wahrheit sagte. „Und Ecstasy, aber das ist schon Stunden her.“
„Wann warst du das letzte Mal in der Kirche?“, erkundigte er sich und runzelte leicht die Stirn. „Wann hast du das letzte Mal gebetet, Maurice?“
Ein Kloss steckte mir im Hals und ich konnte nicht antworten, dafür fuhr die Lichtgestalt rasch fort. „Vielleicht, in einiger Zeit, wird dir vergeben werden. Doch deine religiöse Arbeitsverweigerung wird schwer auf deiner Seele lasten… Alle Geheimnisse werden offengelegt werden und du wirst Rechenschaft ablegen müssen.“
Panisch bemerkte ich nun, dass mich höllische Schmerzen überkamen und sich die Welt um mich herum wie ein Kreisel zu drehen begann. Das Licht verschwand und die Pein brachte mich dazu aufzuschreien, doch es war zu spät. „Niemand fährt gerne nach unten“, entgegnete die Lichtgestalt.

„Maurice?“ Die Stimme erklang aus der Ferne, doch drängend und unangenehm kratzig. Vorsichtig schlug ich die Augen auf und weil ich zuerst nur alles wie durch einen dunklen, bedrohlichen Vorhang sehen konnte, wusste ich nicht genau, wo ich war. „Ich hatte gerade einen merkwürdigen Traum“, murmelte ich, doch im nächsten Augenblick begriff ich, dass ich tatsächlich in der Kirche auf dem Boden lag und mir das Atmen schwer fiel, offenbar war meine Krawatte zu eng gebunden. Langsam klärte sich mein Blick und ich konnte einzelne Dinge erkennen. Der junge Ministrand, der sich über mich gebeugt hatte, wirkte verwirrt und er schien unter Schock zu stehen. „War ich rechtzeitig zum Gottesdienst da?“, fragte ich, der noch immer nicht verstand, was geschehen war. Er sah mich entsetzt an und blickte dann in die Richtung des Eingangs. Vorsichtig, beinahe ängstlich, setzte ich mich auf und schaute auf die Szenerie, die sich vor mit ausbreitete. Tote und Verletzte sassen und lagen rund um die hinteren Kirchenbänke verstreut, wahllos zusammengewürfelt wie in einem impressionistischen Gemälde. Sirenen von Krankenwagen heulten über dem Vorplatz der Kirche und die Scheinwerfer der Rettungskräfte tauchten alles in ein bizarres Licht. Und mitten darin stand, mit noch laufendem Motor, mein neuer Geländewagen, der irgendwie von der Strasse abgekommen zu sein schien und sich durch die schweren Kirchentüren gepflügt haben musste. Wer mich aus dem Wagen gezogen hatte, konnte ich nicht sagen, ich konnte mich nicht einmal an den Unfall erinnern. Das Lenkrad, das ich gerade noch in den Händen gehalten haben musste, lag neben mir auf dem kalten Steinboden. Ungläubig blickte ich zu dem jungen Mann auf, der noch immer gebannt auf das Chaos starrte.

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