Gaststory | Stromausfall

Eigentlich sollte es ein ganz gewöhnlicher Tag werden. Doch „eigentlich“ heißt „Nein“. Somit ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass eine fremde Frau neben ihm im Bett liegt. Die Sonnenstrahlen, die durch die Dachschrägen auf ihr blondes Haar fallen, lassen sie aussehen wie einen Engel.
„Gar nicht schlecht“, denkt Thomas und grinst dämlich. Langsam kommen die Erinnerungen der letzten Nacht wieder: Wie er sie in der Bar angequatscht hatte. Wie er meinte, dass ihr Handy an ihrer Hand angewachsen sein muss und wie sie ihm nach einem letzten Tweet angelächelt hat.
Eine Stunde hatten sie miteinander geredet. Eine Stunde hatte sie das Handy vergessen und war mit ihm nach Hause gegangen.
Merkwürdig war allerdings, wie zittrig wurde, als sie feststellte, dass man keinen Handyempfang in seiner Wohnung hat. Sofort bestand sie auf seinen WLAN Schlüssel. Kein Problem, dafür hat er ja schließlich das Gästenetz. Folglich war es auch keine große Denkaufgabe, wieso sie so lange im Bad gebraucht hat.
Nun ist ihre erste Handlung der Griff zum Nachtisch, auf dem ihr Handy liegt. Sie hält es an sich wie einen Schatz. Einen Moment lang scheint sie vergessen zu haben, wo sie ist. Dann dreht sie sich zu ihm und murmelt, während sie ihren Bildschirmen entsperrt: „Guten Morgen.“
„Guten Morgen“, antwortet Thomas.
„Sag mal, ist dein WLAN kaputt?“, fragt sie und ihre Stimme zittert wieder so nervös wie am Vorabend.
„Eigentlich nicht“, meint er und greift nach seinem Tablet. Tatsächlich findet er kein Netz. Er steht auf, um nach dem Router im Flur zu sehen, und bemerkt sofort die dunkle WLAN-LED. Aber nicht nur die, sondern alle.
„Merkwürdig“, murmelt Thomas, zieht den Stromstecker aus der Fritzbox und schließt ihn wieder an. Doch nichts geschieht. Erst jetzt kommt ihm in den Sinn, dass es vielleicht gar nicht am Router liegen kann. Ein Tipp auf den Lichtschalter bestätigt seine Vermutung: Stromausfall.
„Tja, da wirst du dich wohl noch etwas gedulden müssen. Hier ist der Strom weg. Das passiert ab und zu mal“, sagt er und macht Anstalten sich wieder zu ihr zu legen. Schließlich ist das die perfekte Situation, um eine zweite Runde zu starten.
Sie krabbelt angewidert zurück, bis sie von der Wand gestoppt wird.
„Spinnst du?“ Panisch reißt sie die Decke vom Körper, springt aus dem Bett und rennt auf das Fenster zu. Die Couch, die darunter steht, dient ihr als Fußbank, als sie sich erst gegen die Scheibe presst, die sich keinen Millimeter bewegt. Stattdessen versucht sie, wenigstens einen Empfangsbalken zu erhaschen, indem sie das Telefon gegen die Scheibe drückt. Dass sie dabei splitterfasernackt ist, scheint sie genauso wenig zu interessieren, wie die Zimmerpflanze auf der Heizung unter dem Fenster, die sie fast umgerissen hätte.
„Jetzt beruhige dich mal“, versucht es Thomas, während er einen Bademantel aus dem Schrank holt und ihn ihr über die Schulter legt. „Komm, ich mach uns erstmal einen Kaffee.“
„Kaffee? Was soll ich denn mit einem Kaffee?“ Dann hält sie kurz inne und fragt: „Machst du mir auch ein schönes Blümchen oder Herz in die Tasse, damit ich es posten kann?“
„Öhm …“ Thomas ist sich nicht sicher, ob sie es ernst meint oder sich gerade über ihn lustig macht. Die Furcht in ihren Augen weist auf Ersteres hin. Oh Mann. Was hat er sich da nur für ’ne Irre angelacht? „Ich versuch’s.“
Er lässt sie auf dem Sofa zurück. Den Fakt, dass das Haus bewusst als abgeschirmtes Gebäude konzipiert wurde, behält er lieber für sich. Immerhin hat er einen Gasherd. so einen in einer Mietwohnung zu finden ist schon eine Meisterleistung. Dabei ist in dem Gebäude sonst alles auf dem neusten Stand. Selbst das Schloss ist elektronisch.
Er nimm sich sein Feuerzeug, üblicherweise nutzt er es für Kerzen, und zündet den Herd an. Beim Griff zum Kaffee und hält inne. Die Kaffeemühle ist elektrisch. „Mist!“
Glücklicherweise fällt ihm ein, dass er gestern zu viel gemahlen hat und tatsächlich, es reicht für zwei Tassen. Er streicht mit dem Finger über die italienische Flagge der BiaIetti und stellt sie auf das Feuer.
Als er von der Küche zurück ins Schlaf- und Wohnzimmer kommt, ist sie bereits angezogen.
„Das geht so nicht. Ich kann das nicht.“ Sie schüttelt panisch den Kopf hin und her.
„Also der kleine Internetentzug wird dich doch nicht gleich umbringen.“
„Klein?“, schreit sie panisch, „wir haben acht Stunden geschlafen. Das ist doch kein kleiner Entzug!“
Sie knöpft die Strickjacke zu, schnappt sich ihr Telefon und stampft an ihm vorbei.
„Jetzt hör doch mal. Willst du nicht wenigstens einen Kaffee? Ich würde ja ohne umkommen!“
„Scheiß auf deinen Kaffee!“
Sie rüttelt am Türgriff, aber die Tür bewegt sich keinen Millimeter. „Warum geht die beschissene Tür nicht auf?“
Jetzt wird auch Thomas etwas mulmig zumute. Im Notfall, wie zum Beispiel bei einem Stromausfall, sollten sich die Türen von ganz allein öffnen. Es handelt sich doch um ein Magnetschloss. Also wie ist das möglich?
Er schiebt sie beiseite, zieht selbst am Griff. Keine Chance, da bewegt sich nichts.
„Hallo!“, ruft er nun und klopft gegen die Tür. „Jemand da draußen? Kann mal jemand den Hausmeister rufen?“
Im Grunde sollte der ja ganz automatisch informiert werden.
Der Kaffee blubbert auf dem Herd. Thomas gießt ihn in zwei Tassen und reicht eine seiner Liebschaft, die sich die Wand entlang herunterrutschen lassen hat und nun schluchzend auf ihrem Handy wischt. Dabei scheinen sie seine Sportschuhe neben ihr überhaupt nicht zu interessieren. Selbst Thomas richt den Geruch von Käsefüßen.
„Ne Blume ist es nicht geworden. Auch kein Herz“, sagt Thomas, um die Stimmung aufzuheitern, allerdings erfolglos.
„Findest du das witzig? Hast du eine Vorstellung, was das mit meinem sozialen Leben anstellen wird?“ Sie wedelte mit dem Telefon. „Die werden denken, mir ist was passiert?“
„Na super, dann kann ja jemand Hilfe holen.“
„Wohin denn? Ich bin doch nicht so bescheuert und verrate deine Adresse. Hast du schon mal was von Datenschutz gehört?“
Jetzt kann er nicht mehr, er schluckt schnell den Kaffee herunter und prustet los.
„Du Arsch!“, schreit sie, steht auf und stampft zurück ins Wohnzimmer. Auf der Couch sitzend starrt sie verzweifelt auf ihr Handy.
„Müssen die Fenster nicht im Notfall aufgehen?“, fragt sie ihn nach einer Weile.
Er hat sich ein Buch aus dem Regal neben dem Bett genommen und zu lesen begonnen.
„Schon. Die Tür ja auch. Weiß nicht was da los ist.“
Sie beginnt wieder zu zittern. Es ist wirklich ein echter Entzug. Dass das wirklich geht, ist Thomas bisher gar nicht klar gewesen. Aber wieso auch nicht? Der Mensch kann offensichtlich von jedem Scheiß süchtig werden, warum also nicht von sozialer Anerkennung in Form von Likes und Herzen.
Das Zittern verstärkt sich. Er nimmt eine Decke, will sie ihr überlegen, doch sie wischt sie von sich, springt sie auf, stolpert zwei Schritte vorwärts, bevor sie zusammensackt.
„Scheiße. Das ist nicht witzig. Du machst mir hier gerade was vor, oder?“, fragt er, kennt die Antwort aber schon. Er rennt zurück zur Wohnungstür, schlägt gegen sie und ruft, schreit, doch niemand hört ihn.
Als er ins Wohnzimmer zurückkehrt, findet er sie zitternd auf dem Boden vor. Hat sie jetzt einen epileptischen Anfall oder sowas? Ihr ganzer Körper bebt, der Kopf hebt und senkt sich, schlägt ständig auf dem Boden auf.
Thomas wirft sich auf die Knie und rutscht zu ihr, um den Kopf auf seine Oberschenkel zu legen. Das Zittern hört einfach nicht auf. Warum musste er auch in dieses Hightech-Gebäude ziehen?
„Hilfe!“, schreit er, weiterhin erfolglos.
„Die Wände sind alle schallgeschützt. Sie können ihre Filme oder Musik so laut hören, wie sie wollen, ihre Nachbarn werden nichts davon mitbekommen“, hatte der Makler damals gesagt.
„Scheiße!“
Er hält ihren Kopf, grüner Schaum hat sich nun in ihrem Mund gebildet und läuft die Wange herunter.
Als sie sich aufbäumt, entflieht ihr ein markerschütternder Schrei. Jetzt springt ihr Körper förmlich auf und ab, ihr Kopf rutscht von seinem Schoß und fällt krachend auf das Parkett, doch sie scheint nichts zu spüren. Sie schreit, hebt den Bauch so hoch, dass Thomas glaubt, ihre Wirbelsäule müsste brechen.
Vor Schreck kriecht Thomas rückwärts, bis er die Wand erreicht, und sieht mit offenem Mund zu, wie ihr Körper sich biegt und wieder auf den Boden kracht, während der grüne Schaum sich zu Schleim verwandelt hat. Sie reißt den Kopf ein letztes Mal zur Seite, versieht ihn mit einem Blick, den er sein ganzes Leben nicht mehr vergessen wird und zischt die Worte: „Das ist alles deine Schuld!“
Ihr Anfall verstärkt sich, die Frequenz, in der sie sich auf und ab bewegt ist so hoch, dass Thomas die Bewegung kaum noch wahrnehmen kann. Ihr Körper scheint irgendwie zu verschwimmen, während er weiter diesen grünen Schleim von sich gibt.
Wie lange es gedauert hat, kann Thomas nicht sagen, doch am Ende ist nur noch eine Pfütze grünen Schleims in der Mitte seines Wohnzimmers übrig … und ihr Handy. In dem Moment hört er einen Klicklaut und das Licht im Flur ist an. Der Strom ist zurück. Ihr Handy muss sich sofort mit dem WLAN verbunden haben, denn ihr Benachrichtigungston klingelt für drei Minuten ohne Pause.
Er hebt es auf, nimmt den Akku heraus und wirft es in den Müll.
Beim Wegwischen des Schleims, denkt er über sie nach. Er hatte sie ja für ganz niedlich gehalten. Eine süße, die nur ‘n bisschen viel auf ihr Handy starrte. „Was für ’ne Fehlinterpretation“, murmelt er und wringt den Lappen über dem Eimer aus. Was immer sie war, es ist nichts mehr von ihr zu sehen.

Autor: Hannes Niederhausen
Setting: Dachgeschoss
Clues: Tablet, Flagge, Käsefüße, Fehlinterpretation, Zimmerpflanze
Mehr über Hannes Niederhausen sowie alle Links zu seinen Seiten findet ihr auf seiner Gastautorenseite. Wir hoffen, die heutige Geschichte hat euch gefallen. Teilt sie doch mit euren Freunden auf den Social Media und schaut bei der Gelegenheit auf unseren Profilen vorbei, wo wir euch gerne mit mehr literarischer Unterhaltung begrüßen. Eine besondere Freude macht uns eure Unterstützung auf Patreon, die wir euch mit exklusiven Inhalten verdanken. Und wenn ihr möchtet, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit Clues vorschlagen.

Deinen Senf dazu abgeben!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.