Succubus: Der Dämon im Casino

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Mein Liebeskummer, mit dem ich mich nach einer weiteren gescheiterten Beziehung sinnloserweise herumplagte, machte mich auch nicht zu einem verständnisvolleren oder geduldigeren Menschen, doch ich würde auch diese Nacht irgendwie durchstehen. „Mira?“, rief mir der Manager zwischen den Spielautomaten hindurch zu und ich musste mich umdrehen, weil die Dämonenmaske mein Gesichtsfeld einschränkte. Diese Maske würde mich noch in den Wahnsinn treiben, ich hatte damit heute schon meinem Mitbewohner einen unheilbaren Schrecken eingejagt, als er aus einem Albtraum aufgewacht war. Doch ja, natürlich musste das Casino, für das ich arbeitete, eine Werbekampagne mit dem Titel ‚Wir haben die Monster-Gewinne!‘ machen, und das auch noch einen ganzen Monat vor Halloween. Und so marschierte ich kleiner Dämon brav zu dem Agenten des Bösen, den ich meistens nur „Boss“ nannte und fragte: „Was gibt’s?“
„Wir haben eine Fuhre, die zum Tresor muss“, erklärte er und deutete auf den kleinen Wagen, der er bis hier hin geschoben hatte. Jeder wusste, dass der Agent des Bösen klaustrophobisch war und nur darum immer mich in den engen Aufzug zum Tresorraum schickte. Ich nickte höflich und konnte mir dank der Monsterfratze das Lächeln sparen, bevor ich den, dezent mit einem Tischtuch abgedeckten, Wagen durch den großen Saal schob. Mir war nie besonders wohl dabei, wenn ich für den Geldkarren verantwortlich war, immerhin gehörte ich nicht zur Security, doch in achtzig Jahren hatte sich noch nie jemand gewagt dieses Casino zu überfallen und so kam auch niemand von den Sicherheitsleuten auf die Idee, das Mädchen für alles mit dem Dämonengesicht nach unten zu begleiten. Bald kam ich durch die große Tür auf den langen, leeren Gang, der zum Lift führte und begann damit, die jazzigen Töne des Evergreens zu summen, den die Live-Band im Raum mit den Blackjack-Tischen gespielt hatte. Dieses Mal würde ich ihn am nächsten Wochenende wirklich auf der Ukulele üben, nahm ich mir fest vor ­– der Song ließ mich schon seit einem halben Jahr nicht los, und das obwohl ich ihn sicherlich schon dutzendfach gehört hatte. Ich schrak aus meinen Gedanken auf, als sich unvermittelt an der Ecke vor mir etwas bewegte und fuhr zusammen. Erleichtert bemerkte ich im nächsten Augenblick, dass es die Raumpflegerin Betty war, die voller Entsetzen in mein maskiertes Gesicht starrte und mit einem stummen Schrei auf den Lippen Reißaus nahm. „Verdammt, ich bin’s, Mira!“, rief ich ihr hinterher, doch diese Frau war zu abergläubisch, als dass sie jemals freiwillig mit einem Succubus in denselben Lift gestiegen wäre. Irgendwann wird sie noch einen Herzinfarkt kriegen, wenn sie im „Black-Cat-Casino“ eine schwarze Katze sieht, dachte ich mir grinsend und hielt mit dem Wagen vor der Lifttür an, um auf der Tastatur den PIN-Code einzugeben. „Alles wie bei ‚Ocean’s Eleven‘, nur viel langweiliger“, murmelte ich, um mich irgendwie zu unterhalten. Im nächsten Moment traf mich etwas im Rücken und meine Glieder verkrampften sich, als der Taser fünfzigtausend Volt durch meinen Körper jagte.

„Aufwachen“, donnerte mich eine Bassstimme gnadenlos an, während mir ein Eimer Wasser über den Kopf gegossen wurde. Panisch schnappte ich nach Luft, verschluckte mich und begann zu husten, hatte das Gefühl, gleich zu ersticken. Ich wollte mich wegdrehen, um frei atmen zu können, doch es gelang mir nicht, etwas zog unnachgiebig an meinem Arm, hielt mich fest. Es dauerte einige Sekunden, bis ich begriff, dass ich auf dem Rücken liegend an einen Tisch gefesselt worden war und sich das Bild vor meinen Augen endlich zu klären begann. Schwer atmend stieß ich hervor: „Wo bin ich?“
Ein Mann im Priestergewand beugte sich über mich und erklärte mit einem gruselig sanftmütigen Lächeln: „Du bist noch im Casino, Dämon, doch wir werden dich dahin zurückschicken, wo du hergekommen bist.“ Ich hätte nicht sagen können was es war, doch irgendwas am Gesichtsausdruck des Priesters, den ich durch die viel zu kleinen Gucklöcher meiner Maske sehen konnte, verriet mir untrüglich, dass es ihm damit sehr ernst war. Innert Sekunden zuckten mir unzählige Szenarien durch den Kopf und obwohl ein Räuber die logischste Idee gewesen wäre, war ich mir ziemlich sicher, dass diesmal etwas anderes dahintersteckte. „Ich bin kein Dämon“, röchelte ich und versuchte, das kratzende Gefühl von dem verschluckten Wasser zu ignorieren und die immer stärker in mir aufkeimende Angst mit aller Macht zu unterdrücken. Der Priester lächelte nun nicht mehr. „Natürlich bist du ein Dämon“, fuhr er mich an, „und ich werde dich aus deinem Körper erlösen, aber nicht bevor du mir nicht erzählt hast, wo die anderen sind.“
„Okay, das ist ein schlechter Scherz“, versuchte ich im Ton der Überzeugung in meiner Stimme zu sagen, was mir gänzlich missglückte, da sie sich beinahe schon überschlug. „Jetzt mach mich los, wer auch immer du bist.“
„Ich bin ein Exorzist und ich werde sicher nicht das Böse auf die Welt loslassen“, fuhr er mich an und ich hoffte inständig, dass bald jemand kommen mochte, um mich zu befreien. „Und was bist du für eine Ausgeburt der Hölle? Ein Succubus? Eine Nachfahrin der Lilith? Ein Mischling?“
„Ein Mensch mit einer Maske, verdammt nochmal“, rief ich, mittlerweile panisch. Ich hatte keine Ahnung, was los war und was der Fremde von mir wollte. Ein Teil von mir begriff zwar die Surrealität der ganzen Situation, doch ich war mir sicher, dass sie tatsächlich geschah und ich in großer Gefahr war. Der Exorzist nickte und sagte dann überzeugt: „Natürlich hast du eine menschliche Gestalt, aber durch die Maske wird dein wahres Ich offenbart – du bist ein Dämon.“
Er musste ganz klar verrückt sein – ein Verrückter, der sich als Priester verkleidet hatte, zuckte es mir durch den Kopf. Niemand, den ich kannte, würde sich einen so derben Scherz erlauben. Er hob seine Hand und ich konnte das Messer erkennen. „Wo sind die anderen?“, schrie er mich wütend an. Ich zerrte an meinen Fesseln, doch ich konnte mich keinen Zentimeter rühren, also fragte ich verzweifelt: „Welche anderen? Ich weiß nicht mal, was Sie von mir wollen!“
„Die anderen Dämonen“, stieß er aus. „Ich werde sie einen nach dem anderen finden und dahin zurückschicken, wo sie hergekommen sind.“
„Ich weiß es nicht“, rief ich und meine Eingeweide verkrampften sich, als er dazu ausholte zuzustechen. Die Klinge blitzte im kalten Neonlicht hell auf, ich gab ein unmenschliches Geräusch von mir und kniff die Augen zu und rechnete damit, dass gleich alles vorüber war. Ich würde sterben, ohne überhaupt begriffen zu haben, um was es hier eigentlich ging, zuckte es mir im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf, dann hörte ich ein klatschendes Geräusch und konnte fühlen, wie etwas schwer auf mich fiel. Verwirrt und zögerlich machte ich die Augen auf und starrte in das besorgte Gesicht von Betty, die sich über mich gebeugt hatte, den nassen Besen noch in der Hand, mit dem sie den vermeintlichen Exorzisten niedergeschlagen hatte.

Ich habe erst später von einem Polizisten erfahren, dass der Unbekannte sich Drogen eingeworfen und einen echten Priester beraubt hatte, bevor er sich schließlich ins Casino verwirrt hatte und offenbar zu dem naheliegenden Schluss  gekommen war, dass er alle Monster erledigen musste. Manchmal ergaben Dinge einfach keinen Sinn und man hatte nicht die geringste Chance, ihren Grund zu verstehen; sie geschehen einfach, so absurd sie auch sein mögen.
Immerhin habe ich seit diesem Tag nicht ein einziges Mal mehr an meinen Liebeskummer gedacht, wenn mir auch noch heute, einige Jahre später, jedes Mal kalte Schauer den Rücken hinunterlaufen, wenn ich einen Priester zu sehen bekomme. Doch etwas hat sich seither tatsächlich verändert, nämlich dass ich mich neuen Bekanntschaften mit dem immer gleichbleibenden Satz vorstelle: Mein Name ist Mira und ich bin ein Dämon.

Autorin: Sarah
Setting: Casino
Clues: Ukulele, Raumpflegerin, Tischtuch, Mischling, Liebeskummer
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