Wissen ist Macht | Epilog

Dies ist der Epilog zur Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“.

Es engt mir den Brustkorb ein, lastet schwer auf mir, droht, mich zu ersticken. „Steh auf“, befehle ich mir stumm, schaue mich flehend in der Bibliothek um und erkenne niemanden, bleibe letztendlich wie gelähmt sitzen. Eigentlich möchte ich niemanden sehen, niemanden sprechen, aber ich benötige Input, irgendwelche audiovisuellen Stimuli, die mich in die Realität zurückholen, mich meine soziale Verpflichtung zur perfekten Höflichkeit bewusst werden lassen und den Raum in meinem Kopf füllen, den eben Chaos, Kontrollverlust sowie eine endlose Abwärtsspirale der Lähmung eingenommen haben. […] Weiterlesen

Johns Schlüssel

Hey, mein Name ist Nora und ich bin heute eure Erzählerin. Setzt euch hin, bei uns in der Suppenküche hat es genügend Stühle für alle, das ist ja auch der Zweck einer Einrichtung für Bedürftige, dass jeder einen Platz bekommt, nicht wahr? Was ich euch berichten will, dauert nicht lange, bedarf keiner ausschweifenden Erklärungen, lediglich etwas Menschlichkeit, ihr könnt die Ladekabel getrost in der Tasche lassen, der Akku wird reichen.
Wisst ihr, ich arbeite seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren hier, ehrenamtlich versteht sich. Man höre sich das an; fünfundzwanzig Jahre! Als ich angefangen habe, war ich noch ein Kind, obwohl mein tatsächliches Alter etwas anderes hätte vermuten lassen.
Mit dreizehn hatte ich schon meine erste Vorstrafe wegen Diebstahls auf dem Kerbholz, […] Weiterlesen

Frau Müller

Frau Müller hatte schon immer ein wenig in ihrer eigenen Welt gelebt. Nicht etwa weil sie außergewöhnlich wäre – ganz im Gegenteil. Man kannte die konservativ gekleidete Mittfünfzigerin als eine Frau, die fast jedem Stereotyp ihrer Generation entsprach. Sie arbeitete als Bibliothekarin, stricke und trank grünen Tee. Der geneigte Beobachter hätte mit etwas Wagemut vielleicht behaupten können, sie würde mit ihrer Verweigerungshaltung gegenüber dem populäreren Earl Grey Tea rebellieren. Aber die Mutter zweier erwachsener Kinder und Ehefrau eines Buchhalters hätte diese dreiste Anschuldigung mit ihrem steten Lächeln abgetan, denn ihre wahre Rebellion hatte wesentlich größere Ausmaße. Sie wusste jedoch auch, dass niemand davon erfahren durfte. […] Weiterlesen