Special zur sechshundertersten Story | Sechshundert Leben

Und auf einmal kehrt Ruhe ein. Die Hektik fällt unter dem Druck einer schweren Gewissheit in sich zusammen, wir treten zurück und ich mache offiziell, was uns allen klar ist: „Zeitpunkt des Todes: Zwei Uhr dreiundfünfzig.“ Meine rechte Hand, Schwester Thea, nickt mir aufmunternd zu. Ich erwidere die Geste, sie ist Routine geworden. „Bereiten Sie ihn vor. Ich spreche mit der Familie.“
Mein Besteck landet in der Nierenschale, der Schurz im dafür vorgesehenen Abfalleimer beim Durchgang zum Waschraum. Das Waschen ist zum Ritual geworden, einem, das ich liebgewonnen habe. Durchatmen, meine Reflektion im Spiegel anstarren, ohne mich wirklich wahrzunehmen. Dieser Moment, unmittelbar nachdem ein Menschenleben unter meinen Fingern sein Ende gefunden hat, ist mir heilig. Doch er dauert keine drei Minuten, […] Weiterlesen

Am schlimmsten ist die Stille

Als ich heute Morgen meinen Wagen aus der Auffahrt lenkte, fiel mir ein, dass ich etwas vergessen hatte. Also habe ich wieder zurückgesetzt, den Schlüssel stecken lassen und bin durch die Küchentür gehastet, um das Geld für Jamies Exkursion auf den Tresen zu legen. Ich erinnere mich daran, dass ich am Vortag so wütend auf sie gewesen war, weil sie wieder einmal meinen Lieblingspulli ohne meine Erlaubnis genommen hatte. Doch das kommt mir jetzt nur noch wie ein schlechter Witz vor.

Mein Tag hatte so angefangen wie die meisten anderen und ich hätte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass er auch so enden würde. Ich war um viertel vor fünf aufgestanden, war laufen gegangen, mich danach geduscht, meine Bluse in den Bleistiftrock gesteckt […] Weiterlesen