Erst töten, dann fragen

Mit einem gefrorenen Grienen nahm der Kellner Ps vollen Teller, deutete eine Verneigung an und trottete in Richtung Küche.
„Tut mir leid, dass du das mitansehen musstest“, meinte P zu Mara, die ihm gegenüber saß und schweigend in ihrem Lachs herumstocherte. „Manchmal muss man sich behaupten.“ Über Ps Nase verlief eine tiefe Furche, direkt vom unteren Rand des linken Nasenflügels bis zum inneren rechten Augenwinkel. Die gräulich lilafarbene Linie hatte P, wie er nie müde wurde zu erzählen, er von einem Angriff des Tigers erhalten. Neue Bekanntschaften ließen sich von dieser Geschichte immer fesseln; zum einen natürlich, weil Raubtierattacken als seltenes Ereignis grundsätzlich spannend waren, zum anderen, da jeder erfahren wollte, wie P zu so einer scheußlichen Narbe gekommen war. Die Neugier versiegte allerdings […] Weiterlesen

Valentinstag-Special | Tradition

Ich lehne mich gegen Beifahrersitz und starre für eine Weile auf sein wohlgeformtes, mit Bartstoppeln gespicktes Kinn, das im gelblichen Schein der Straßenlaternen knapp auszumachen ist. Wie lange ist es her? Ich rechne still und komme zum Schluss: Das ist unser achter Valentinstag, wir sind noch so verliebt wie zu Anfang. Nun ja, fast, einiges hat der Gewohnheit Platz gemacht, ist im Alltag aufgegangen. Heute ist es allerdings anders, denn obschon wir diesen Tag traditionsgemäß als Paar feiern, so war doch jeder der sieben bisherigen genauso einzigartig, wie Schneeflocken es sind. Selbst Schneeflocken schmelzen früher oder später, vergehen und verschwinden im Nimmerland, werden zu einem winzigen Teil unserer Erinnerungen. Ähnlich dem Winter, der jährlich wiederkehrt, erscheint unsere kleine, romantische Tradition pünktlich zum vierzehnten […] Weiterlesen

Gaststory | 60 Minuten sind 1 Jahr

„Stellen Sie sich ein düsteres Kellerabteil irgendwo in einem x-beliebigen Plattenbau in Leipzig vor. Sehen Sie die Holztür, die schief in den Angeln hängt? Den grauen Betonboden und die Spinnweben vor den winzigen Fenstern? Riechen Sie den Moder der Wände und den Gestank, der aus den verrosteten Konservenbüchsen entweicht? Fühlen Sie das Holz unter Ihren Händen, als Sie über die brüchigen Regalböden streichen? Merken Sie, wie der Staub von Jahrzehnten an Ihren Fingern haftet?“
Steffen schüttelte innerlich den Kopf. So ein Blödsinn. Wie war er hier nur hingeraten?
Wenn er ehrlich zu sich war, wusste er genau, warum er hier war. Die Frauen. Immer wieder die Frauen. In diesem Fall Julia. Klein, braune Haare, Stupsnase, ein Mundwerk wie ein Bauarbeiter und die tollste Frau auf Erden. Mark hatte ihn nur aus Spaß auf dieser […] Weiterlesen

Berufsnebenwirkungen

Nach einem kurzen Seitenblick schnippte Jan seinen Glimmstängel aufs Trottoir und wandte sich, ohne die Glut auszutreten um, wobei er beinahe in Annelise geprallt wäre, die gerade durch die Bürotür kam. Erschrocken riss die junge Frau ihre Hände nach oben und verschüttete dabei den Rest Kaffee, der nach der Pause noch übriggeblieben war, auf ihren Apothekerkittel. „Nein!“, schrie sie mit einer Mischung aus Verzweiflung und Tobsucht, bevor sie Jan so fest sie konnte in den Oberarm boxte. „Das war der letzte Kaffee, ich hasse dich!“
Verdutzt blieb ihr geschlagener Arbeitskollege stehen und starrte sie einige Sekunden lang an, bis die Tragweite der Situation in seine Gehirnwindungen gesickert war und er entsetzt fragte: „Was? Hat es keinen mehr im Schrank? Auch nicht hinter der Ovomaltine?“ […] Weiterlesen

Schlüsselerlebnisse und anderer Unfug

Der Mond stand als große gelbliche Scheibe am Himmel und sein diffuses Licht, das lange Schatten warf, fiel in den Hausflur, der zu dieser Nachtzeit verlassen dalag. Während ich Sandras zierliche Umrisse dabei beobachtete, wie sie mit dem improvisierten Dietrich hantierte, überkam mich wieder das bekannte Kribbeln im Mund. Ich musste den Impuls, laut loszulachen, mit aller Kraft unterdrücken, als mir der Gedanken durch den Kopf zuckte, dass ich mich wieder ganz wie ein Teenie fühlte. Nein, diese Zeiten waren endgültig vorbei, ich war längst erwachsen, aber offenbar gab es Emotionen, welche sich nie veränderten. Ich seufzte zufrieden und lehnte mich gegen das alte Bücherregal, das offenbar von einem Mieter im Flur stehengelassen worden war; es knarrte unangenehm laut und gab beinahe nach und mir gelang es […] Weiterlesen