A.K.R.O.N.Y.M.

Philipp lehnte gegen das hölzerne Balkongeländer und gönnte sich eine Zigarette. Seit seiner Scheidung wohnte er in dem Häuschen am Waldrand, wo einzig der Postbote, ein paar verirrte Wanderer und unzählige Rehe vorbeischauten. Manchmal begäbe sich Phillip am liebsten mit dem Scharfschützengewehr aufs Dach, um die Reifen des pöstler’schen Mopeds zu zerschießen und auch vor dieser Störung Ruhe zu haben. Dieser Plan war allerdings aus zweierlei Gründen unrealistisch: Einerseits besaß Philipp kein Scharfschützengewehr und andererseits lieferte der Pöstler den Löwenanteil von Phillips Lebensmitteln.
Vor zwei Tagen jedoch hatte die jährliche Konferenz Phillips Leben drastisch auf den Kopf gestellt, denn der Zufallsgenerator hatte seine Residenz als Veranstaltungsort auserkoren. Und so musste er sich wohl oder übel damit abfinden, dass seine Berufskollegen sein unglaublich friedvolles […] Weiterlesen

Patreon-Bonus | In die Röhre schauen

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Eiskalt abserviert

Gerhard Gütersloh war das, was man sich nach einigen Jahrzehnten mit „Tatort“, „Der Alte“ und „Ein Fall für zwei“ als desillusionierten, deutschen Kommissar vorstellte, bloß noch stereotyper. Während seine jüngeren Kameraden über Dinge wie Wahlen, das EU-Parlament und den Länderfinanzausgleich diskutierten, interessierte sich Gerhard lediglich für seine Fälle, machte gelegentlich sarkastische Sprüche und genehmigte sich zu regelmäßig einen Gin Tonic in seiner Lieblingsspelunke. Er mochte Überwachungen nicht sonderlich, denn in seinem Vehikel war es eng und im Sommer kam er sich wie ein Küken unter der Brutlampe vor.
„… und das ist der Grund, wieso der Blaufußtölpel der beste Vogel von allen ist“, beendete Schröder seinen begeisterten Monolog, der eine geschlagene Viertelstunde gedauert […] Weiterlesen

Alt, aber hat nicht bezahlt

„Das ist eine Lektion fürs Leben“, lachte Ferdinand und stellte sein halb leergetrunkenes Glas stilles Valser Mineralwasser mit einem viel zu lauten Knall, der seiner Arthritis geschuldet war, auf den Tisch.
Else sah sich im Gemeinschaftsraum um und runzelte die Stirn. „Ferdi, was willst du in deinem Alter noch Lebenslektionen lernen? Wir sterben sowieso bald.“
Ferdinand gab ein vergnügtes Geräusch von sich. „Das hoffen meine Enkel auch immer, aber die haben sich geschnitten, diese Rotzbengel von Erbschleichern! Ich bin fünfundachtzig und fitter, als ich es je war.“
„Moment“, wandte Hanspeter ein und legte eben die Dessertgabel weg. „Haben wir uns nicht gerade über den Kerl lustig gemacht, dem sein Telefon hinunterfiel? Wieso kamen […] Weiterlesen

S07E14 | Viral

Wir möchten euch herzlich zur vierzehnten Episode der siebten Staffel des Kurzgeschichten-Podcasts Clue Cast begrüssen. Sie basiert auf der Story  „Viral“ von Sarah. Dieses Verbrechen wird live auf YouTube ausgestrahlt. In dieser Geschichte wurden die vorgegebenen Clues „Stimmung, Schwangerschaft, Ausbeute, Ministerium“ und „Musik“ vertextet und sie spielt am Setting „YouTube-Video“. Die Sprecher dieser Episode sind Birgit Arnold, Inger Kurowiak und Klaus Neubauer. […] Weiterlesen

Interview | Alexa Schilref und Aaron Sprawe vom Bücherstadt Kurier

Werte Clue Reader,

Heute möchten wir euch in unserer Reihe „Clue Writing Interview“ etwas ganz Besonderes vorstellen, nämlich die Online-Literaturzeitschrift „Bücherstadt Kurier“ sowie ihr gleichnamiges Web-Portal. Seit 2012 liefert der Bücherstadt Kurier einem begeisterten und interessierten Publikum ein buntes Sammelsurium an Inhalten, von Rezensionen über Filmvorstellungen und Illustrationen bis hin zu Aktionen wie einem literarischen Adventskalender. Gleich zwei Vertreter aus der Bücherstadt haben sich unseren Fragen gestellt, nämlich Alexa Schilref und Aaron Sprawe.

Der Fairness halber sei hier erwähnt, dass wir schon eine gemeinsame sowie […] Weiterlesen

Checklisten und Rotationen

Ich lehnte mich frustriert auf dem Beifahrersitz zurück, als unser Prius mitten im Kreisverkehr zum Stehen kam. Zuckende Blaulichter spiegeln sich in der regennassen Straße, Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten blaffen wild durcheinander. Zwei Personenwagen waren in den Unfall verwickelt, der sich vielleicht zwanzig Meter nach unserer Ausfahrt abgespielt hatte und alles verstopfte. Mit einer Umleitung würden wir nicht beglückt werden, denn auf der rechten, abgesperrten Fahrbahn standen am Sonntagabend verlassene Bagger, auf der linken fehlte gar der Belag. Tinas sehnige, von einem Rollkragenpullover verdeckte Gestalt, zeichnete sich gegen die Abenddämmerung und das Lichtgewitter der Rettungskräfte ab, während sie ungeduldig auf das Lenkrad tappte. Ich beobachtete sie eine Weile geistesabwesend, ehe ich lapidar fragte: „Hm. Was […] Weiterlesen

Täglich grüßt der Schmetterling

„Die Eindimensionalität unserer Existenz hätte dir längst bewusst werden sollen, bereits bevor jemand Karten gemischt hat, deren einziger Zweck es ist, unser Schicksal zu bestimmen.“ Die Rote wirkte nicht besonders glücklich während ihrer Abhandlung, was jedoch den Grünen nicht davon abhielt, ihr sogleich zu widersprechen: „Wie kannst du so etwas sagen? Du siehst hier weit über die Oberfläche, die Kante der Pappmaché in den unerträglichen Abgrund am Rande des Wohnzimmertischs?“
„Und trotzdem ist unsere Existenz zweifelsfrei an diese eine Dimension gekoppelt, auf der sich alles abspielt, ein Pfad, nicht mehr.“
„Selbst mit dieser Prämisse hättest du zwei Dimensionen, und du hättest noch nicht einmal begonnen, mit der Fonduegabel an der Oberfläche der Realität zu kratzen“, […] Weiterlesen

Tagebücher und andere Dummheiten

Ein neuer Tag, neues Glück? Nein, nicht ganz, doch irgendwie so war mir das Sprichwort, das ich mir zu Herzen nehmen wollte, in Erinnerung. Ja, ich bin nun mal nicht gut mit Sprichworten. Damit muss man leben, oder wenn es einen ärgert, es ändern. Wie ihr sicher längst festgestellt habt, ärgert es mich nicht.
Nicht, dass je jemand mein Tagebuch lesen würde, also kann ich solchen Blödsinn hier reinkritzeln. Lebt damit, meine lieben, imaginären Zuhörer. Hach, jetzt würde ich gerne mit einem Satz fortfahren, der genug Pathos hat, um euch alle von euren fetten Hintern zu hauen, etwas wie: „Und in dem Moment begann ich zu ahnen, dass die Nachwelt mein Tagebuch minutiös studieren würde, um in das Hirn eines Serienkillers zu schauen.“ Da-Da-Dam! […] Weiterlesen

Klugscheißer-Intervention

„Das finde ich ganz und gar nicht lustig!“, protestierte Frederic und schlug dabei mit der flachen Hand auf den Tisch. „Wie kommt ihr überhaupt dazu, so etwas zu tun?“
„Naja“, begann Maya kleinlaut und zupfte dabei nervös an ihrem Blusenärmel. Es war deutlich erkennbar, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, aber sie war davon überzeugt, das jetzt durchzuziehen.
„Wir machen uns Sorgen um dich“, wiederholte sie schließlich das, was Monica vorhin erst gesagt hatte. Frederics Mundwinkel verzogen sich sofort zu einem bitteren Lächeln, ehe er anfing, wie ein Irrer zu kichern. Die beiden Frauen sahen sich beunruhigt an und waren sich eine Weile nicht sicher, ob ihnen der Lachanfall Angst machen sollte. Frederic hatte sich jedoch schnell wieder gefangen und schüttelte bloß trotzig den Kopf. […] Weiterlesen