Das Ende der Höflichkeit

„… und damit wäre der Konzentrationsausgleich erklärt“, beendete der Herr Winter, der Biologielehrer an meinem Gymnasium, seine Ausführungen und machte dann eine kurze Pause. Stefan stupste mich an und flüsterte: „Mir hängt Osmose so zum Hals raus.“
Gleichgültig zuckte ich mit den Schultern und versuchte den letzten Satz in meinen Notizen fertigzuschreiben, doch er wollte diesmal nicht so einfach aufgeben. „Was hältst du davon?“
Mir war rätselhaft, wieso Stefan sich ausgerechnet den Platz neben mir ausgesucht hatte, denn wir hätten nicht verschiedener sein können. Er war der typische Vertreter der Gattung „Demotivierter Gymnasiast“, während ich ganz und gar dem Lernen und der Höflichkeit verschrieben war und mir ständig vorgehalten wurde, dass ich ein Streber sei. […] Weiterlesen

Disziplin, Bitch!

„Ah!“, stöhnte Angela langgezogen und grinste erst einmal ausgiebig, ehe sie den pinken Leuchtstift aus ihrem Etui fischte. Wieso sie nicht früher auf die fantastische Idee gekommen war, den Heizungsraum für sich zu beanspruchen, war ihr ein Rätsel, denn alles hier war einfach absolut und vollkommen perfekt: Es war angenehm warm, man hatte genügend Platz um eine Sammlung von Fachbüchern, Notizheften und Zetteln auf dem Boden auszubreiten und vor allem war weit und breit keiner ihrer Mitbewohner zu sehen.
Den Drang ignorierend, willkürlich auf Videos zu klicken, die tollpatschige Hundebabys versprachen, scrollte Angela durch ihre Favoriten-Playliste und wählte dann einen leisen Pianosong. Das Stück war gerade monoton genug, dass es sie nicht zum Hin- und […] Weiterlesen

Das gute Leben

Irgendjemand hatte mir mal gesagt, dass das gute Leben, das wir führen, nur dazu diene, uns vom Schmerz abzulenken. Ich bin mir nie sicher gewesen, ob das stimmte, doch heute war ich mir sicher. Mit gesenktem Haupt trat ich in die Suppenküche für Obdachlose und zwang mich dann, mich umzusehen. Ja, dachte ich mir, als ich all die gescheiterten Existenzen beobachtete, es stimmte wohl tatsächlich. Jetzt wäre ich wirklich froh gewesen, wäre Dr. Who aufgetaucht und hätte mich in seiner Tardis irgendwo und irgendwann hin mitgenommen, doch natürlich würde er nicht kommen.
Ich hatte Angst, irgendwie war für mich das Überschreiten der Schwelle zur Suppenküche ein offizielles Eingeständnis meines Abstiegs. Ich mochte vielleicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten leben, doch was viele vergaßen war, dass das Spektrum […] Weiterlesen

Killing me Softly

Die jazzigen Klänge einer Interpretation des Klassikers „Killing me Softly“ hallten durch das vom Dunst leicht getrübte Fumoir, als Elias einen Schritt auf die bordeauxroten Sessel zu machte und sich eine Zigarette ansteckte. Den Regenschirm und den triefenden Trenchcoat hatte er bereits beim Eingang des aus einem großzügigen Wintergarten umgebauten Raucherraums abgelegt und seine Schuhsohlen hatte er sorgfältig auf Vorlegeteppich trockengerieben. Auch wenn der Regen in der Dunkelheit der Nacht verschwand, so konnte Elias doch die großen, perlenden Tropfen auf der Glasdecke über ihm beobachten, wie sie immer neue Muster formten und über die Dachschräge nach unten rannen. Er war alleine in dem schummrig beleuchteten Raum, war als erster da und fragte sich, wie lange es bei dem tobenden Sturm wohl dauern […] Weiterlesen