Das Bild

Das Gemälde hing seit ihrer Kindheit an derselben, von Fliegenkot gepunkteten, holzgetäfelten Wand. Trotzdem musste Mara es jedes Mal für eine gefühlte Ewigkeit ansehen, wenn sie ihren Urlaub in der Berghütte ihrer Familie verbrachte, von der sie das letzte noch lebende Mitglied war. Da wanderte sie durch den Wald, über Wiesen und entlang der kühlenden Bergbäche, um der Hitze der Stadt mit ihren verschwitzten Menschenmengen zu entkommen, nur um dann auf ein Bild im Wohnzimmer zu starren. Die Ölfarbe wies längst Altersrisse auf, wirkte ausgebleicht oder von Staub bedeckt, ganz sicher war sie sich nicht. Vor ihr begannen die Linien vom langen Starren zu tanzen und das Gemälde zerfloss zu einem abstrakten, unverständlichen Muster vor einem braun fleckigen Hintergrund. […] Weiterlesen

Hoffnung. Eines Tages

Vier Uhr dreißig. Es ist kalt in der Halle E4 und Emma friert erbärmlich, trotz dem dicken Faserpelzpullover. Es stört sie nicht, genauso wie es sie stört. Seit Jahren fühlt sie sich hoffnungslos. Es ist nicht die Art von Hoffnungslosigkeit, die schmerzvoll schreit, auch nicht die leise, welche stumm und alleine leidet. Emmas Hoffnungslosigkeit ist zu einem unbegehbaren, intrinsischen Teil ihrer selbst gewachsen, sie ist weder versteckt, noch komplett sichtbar. Anders als die ausgestorbene Halle E4 ist Emmas Depression nicht kalt auch nicht warm, sie ist neutral, normal. Sie ist einfach da, eine Präsenz, die langsam, stetig jede Faser ihres Geistes ersetzt.
„So früh schon hier?“, sagt der Mann vom Tupperware-Stand. Seine Statur ist gering, das Haar schütter, aber das Grinsen umso breiter. Emma nickt und grinst tonlos, emotionslos […] Weiterlesen