Gaststory | Kalte Erkenntnis

Lena fror. Sie drehte am Regler für die Klimaanlage. Eine Kältewelle war im Oktober über Österreich hereingebrochen. Dunkelheit umgab Lenas Auto. Sie gab mehr Gas. Die Autobahn war wie leergefegt. Es war schon geraume Zeit her, seit sie ein anderes Auto gesehen hatte. Mit einem Blick auf ihr Navigationsgerät stellte Lena fest, dass es bereits 20 Uhr war. Die aktuelle Ankunftszeit betrug 23:31 Uhr. Obwohl es im Auto allmählich wärmer wurde, fröstelte Lena. Die seltsame Kälte, die sich seit dem Streit mit der Mutter in ihrem Inneren ausgebreitet hatte, wurde stetig schlimmer. Lena würde niemals zu Mamas Hochzeit mit diesem Heiko kommen. Mama gehörte zu Papa. Daran gab es keinen Zweifel. Mama hatte Papa vergrault. Vertrieben. Hatte sie es nicht ertragen können, dass Tochter und Mann ein Herz und eine Seele gewesen waren, hatte sie es als […] Weiterlesen

Monatsvorschau | November 2016

Seid gegrüsst, werte Clue Reader

Halloween hat sich mitsamt unserem Hauszombie Konrad verzogen. Nostalgiker wie Horror-Fans können sich allerdingst stets auf YouTube vertrösten, bis der nächste Horror-Monat auf Clue Writing Einzug hält. Bevor wir uns Hals über Kopf in die Novemberlichkeiten stürzen, möchten wir euch an dieser Stelle auf einige megalotastische Dinge aufmerksam machen und darauf hinweisen, dass ihr uns am Ende dieses Posts eine Frage beantworten dürft, nein, müsst sowie euch ein Dankeschön sichern könnt. […] Weiterlesen

Gaststory | König Gregors Monolog

Leo stand auf der Bühne und sah in hunderte von Gesichtern: angstvolle Gesichter, müde Gesichter, gezeichnete Gesichter. Dennoch glänzte in ihren Augen, stärker als alles andere, die Hoffnung. Das letzte Zentrum des Widerstandes gegen die Invasion hielt stand. Die Bühne der Hoffnung, wie sie das Theater nannten, gab den Menschen den Mut, den sie zum weiterkämpfen brauchten.
Leo spürte, wie Billy in seine Euphorie einstimmte, als sie gemeinsam in all diese Gesichter blickten, die zu ihnen aufsahen, ihnen zuhörten und sich Kraft geben ließen. Zusammen, eins im Körper und im Geist, deklamierten sie voller Inbrunst die letzten Zeilen des berühmtesten Monologes des Stückes „König Gregor“, geschrieben von einem Dichter, der für sein aufrührerisches Werk einen grausamen Tod hatte erleiden müssen. […] Weiterlesen

Gaststory | Wer das Alte nicht ehrt …

Die Geschwister Bernhard Haus und Helga Boot hatten vor einigen Jahren die Firma ihres Vaters, eine Hausbootvermietung, übernommen. Sie änderten den Firmennamen zu HausBoot GmbH und unterzeichneten minderwichtige Dokumente mit HB GmbH (BH GmbH wäre für eine Bootsvermietung wohl zu anzüglich, wenn nicht sogar ein kleinwenig frivol gewesen).
Die Geschwister betrieben das Unternehmen ebenso erfolgreich wie ihr Vater. Die Hausboote waren meist vermietet, nur Gretchen, das elterliche Hausboot lag seit Mutters Tod im Hafen.
Der alte Kahn war für Bernhard ein rotes Tuch. An Gretchens Holzbalken nagte der Zahn der Zeit, ihr extravagantes Accessoire, ein schmiedeeiserner Wetterhahn, hatte Rost […] Weiterlesen

Gaststory | Die Containergeschichte

„Die Mindesthaltbarkeitsfrist des Herstellers liegt in ferner Zukunft”, murmelte Flo überrascht, nachdem er die unbeschadet aussehende Cornflakespackung kräftig durchgeschüttelt hatte, um sie zügig in seinem Rucksack verschwinden zu lassen. Hinzu kamen vier Joghurtbecher, deren Deckel noch nicht ausgebeult waren, Südfrüchte, ohne Ende Rosenkohl und Brot. Abgepacktes, in sauberen Scheiben getrenntes, Brot. Die Kleinstadt lag in einen nachtblauen Schleier gehüllt und die erdrückende Ruhe, die im sonst so geschäftigen Industriegebiet eingekehrt war, schärften Flos Sinne bis aufs Äußerste. Sein Körper protestierte. Sein Adrenalinausstoß musste in vollem Gange sein.
„Jetzt nur nicht erwischen lassen“, dachte er und tauchte noch ein Stück tiefer in den Container. Jetzt steckte er mit beiden Armen bis zu den Ellenbogen im Müll. […] Weiterlesen

Gaststory | Der Asylant

Er saß in der S-Bahn, die ihn vom Hamburger Flughafen zum Hamburger Hauptbahnhof bringen würde. Der Flieger von Frankfurt war schon früh gestartet, dementsprechend hatte er den Wecker auf vier Uhr morgens gestellt. Nun war es fast halb neun und er war erschöpft. Das frühe Aufstehen war er als Künstler nicht gewohnt. Normalerweise rappelte kein Wecker. Er erwachte, wann es ihm gefiel, meistens zwischen zehn und elf Uhr. Dann begab er sich mit einer Tasse schwarzem Kaffee – nur diese Art von Kaffee liebte er, denn das war nach seiner Ansicht das Urprodukt – an seine Staffelei und war oft nach wenigen Schlucken in der Lage, an seinem aktuellen Werk weiterzuarbeiten. Er war Maler, wie das früher hieß. In seinem Marketingauftritt nannte er sich allerdings Illustrator. Das klang einfach besser. Hamburg betrachtete er nun schon seit über fünfundzwanzig Jahren als […] Weiterlesen

Gaststory | Von der Ankunft des Schaukelpferdes

Jedes Mal, wenn das Schaukelpferd nach vorne kippt, zieht ein leichter Schmerz durch sein linkes Bein. Dabei ist der Krieg jetzt schon zehn Jahre her. Zuvor hatte der Bräuserich einen echten Schaukelstuhl, mit Sitzkissen. Der war weg, als er mit leerem Blick von der letzten Mission nachhause kam, genau wie seine Frau. Fabriziert werden Schaukelstühle heutzutage nicht mehr, weil eine Wirtschaftsstudie behauptet, sie würden den Durchschnittsverdiener zur Faulheit verführen. So sah sich der Bräuserich dazu gezwungen sich als Ersatz jenes Schaukelpferd aus dunkelbraunem Mahagoniholz zuzulegen. Beide waren sie weg, die Frau und der Schaukelstuhl. Wobei letzterer … „Welche Relevanz hat schon ein verdammter …?“, ruft der Bräuserich plötzlich dem vorbeifliegenden Vögelchen zu. Das Vögelchen antwortet erst schüchtern, mit einem […] Weiterlesen