Erst töten, dann fragen

Mit einem gefrorenen Grienen nahm der Kellner Ps vollen Teller, deutete eine Verneigung an und trottete in Richtung Küche.
„Tut mir leid, dass du das mitansehen musstest“, meinte P zu Mara, die ihm gegenüber saß und schweigend in ihrem Lachs herumstocherte. „Manchmal muss man sich behaupten.“ Über Ps Nase verlief eine tiefe Furche, direkt vom unteren Rand des linken Nasenflügels bis zum inneren rechten Augenwinkel. Die gräulich lilafarbene Linie hatte P, wie er nie müde wurde zu erzählen, er von einem Angriff des Tigers erhalten. Neue Bekanntschaften ließen sich von dieser Geschichte immer fesseln; zum einen natürlich, weil Raubtierattacken als seltenes Ereignis grundsätzlich spannend waren, zum anderen, da jeder erfahren wollte, wie P zu so einer scheußlichen Narbe gekommen war. Die Neugier versiegte allerdings […] Weiterlesen

Advents-Special | Hells Bells

Die Adventszeit birgt manche Gefahren, das dürfte wohl für niemanden eine Neuigkeit sein. Vielleicht treffen sich die Konfliktherde im November zur Paarung, immerhin würde das erklären, weshalb sie sich im Dezember plötzlich vermehren wie räudige Karnickel. Oder, viel wahrscheinlicher, die Konfliktdichte verhält sich proportional zur Nähe, die man zur Familie hat. Kevins Beziehung zur Zeit der Teelichter, Zimttees, Mandarinen, Erdnüsse, Wollsocken und drakonischer Durchsetzung urkatholisch-irischer Traditionen war, wie man so schön sagt, kompliziert.

Als Sohn seines Vaters, welcher wiederum Sohn seines Vaters war, dessen Vater sich aus dem Pöbel erhoben und zum Pastor gemausert hatte, begegnete Kevin der unumstößlichen Erwartung, in die Familienfußstapfen […] Weiterlesen

Wenn der eine schießt und der andere jagt, fällt die dritte

Im Gegensatz zu ihrem Verlobten war An kein abergläubischer Mensch, sie hatte sich allerdings vorgenommen, sich ihm zuliebe mehr auf seine Interessen einzulassen. Immerhin bemühte er sich stets, begleitete sie regelmäßig ins Fitnessstudio und übernahm den größeren Teil des Haushalts, damit sie Zeit für ihre LetsPlay-Videos hatte.
„Siehst du, dort hinten sind Teile des alten Tower House“, flüsterte Ben aufgeregt und erklärte zum wiederholten Mal: „Das exakte Gründungsdatum von Leap Castle ist ungeklärt. Einige glauben, das Tower House sei schon im zwölften Jahrhundert errichtet worden, andere datieren es später, vierzehntes bis sechzehntes Jahrhundert.“
„Aha“, brummte An, mit dem Blick in die Ferne schweifend. „Für das sind diese Holzpfähle da?“ Sie stellte hin und wieder Fragen wie diese, Fragen, auf die sie eigentlich gar keine […] Weiterlesen

Meine Streifen sind (nicht) heilig

Die morgendlichen Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die Wolkendecke, zauberten flackernde, wirbelnde Lichtpunkte in die staubige Stallluft. Zina das Zebra schnaubte verschlafen und schüttelte sich dann ausgiebig, ehe sie ihre schwarzen Nüstern aus dem Fenster rekte. Sie war erst wenige Tage hier, hatte allerdings bereits gelernt, dass sie am Morgen meist die erste war, die dem Träumen überdrüssig wurde. Die anderen Bewohner dieses ihr fremden Ortes schlummerten lieber länger, was Zina dem Zebra nichts ausmachte, immerhin konnte sie dadurch einige ruhige Minuten verbringen. Der Mann, der sie im Zirkus abgeholt hatte, erzählte ihr auf dem Weg zum Trailer, er brächte sie an einen wundervollen Flecken der Erde, wo es keine Sorgen gäbe, auf einen Gnadenhof. Zina das Zebra hatte schon als Fohlen Gerüchte darüber gehört, […] Weiterlesen

Rien ne va plus oder: Was tun, wenn nichts mehr geht?

„Scheiße Martin, ich hasse das hier!“, protestierte Sam zum gefühlt tausendsten Mal, während er hinter seinem Kumpel auf und ab tigerte. „Können wir nicht endlich weiter?“ Martin saß vornübergebeugt am Roulette-Tisch und gaffte mit einem Blick auf die Kugel, der sagen zu sagen schien: „Komm schon, jetzt komm schon!“
„Tinu, ich meins ernst, lass uns endlich gehen“, versuchte Sam es abermals und verleitete den anderen zu einer fahrigen Handbewegung.
„Jetzt sei doch kein Spielverderber. Wir bleiben nur noch ein paar Durchgänge.“ Damit war die Angelegenheit für Martin erledigt und sein rothaariger Freund musste wohl oder übel einsehen, dass er es noch etwas länger in der sauerstoffangereicherten Luft dieser Spielhölle würde aushalten müssen. Sicher hatte er die Möglichkeit alleine weiterzuziehen, […] Weiterlesen