Lass uns spielen

Jerome stand vor der Teigmaschine und betrachtete die rotierenden Bewegungen im Kessel. Wie üblich war es heiß in der Backstube, es war halb vier Uhr morgens und der Betrieb lief auf Hochtouren. Dennoch fror er, ihm war flau. Sein Magen fühlte sich eiskalt an. Der Arbeitsraum lag im Keller, dennoch gewährte eine schmale Luke den Blick in den Hinterhof, wo das satte Grün eines Ahorns Tag für Tag mehr ins Gelbliche kippte. Ein Großteil der Blätterpracht verschrumpelte mittlerweile zu seinen Wurzeln, raschelte jeweils unter Jeromes schweren Schritten, wenn er kurz nach Mitternacht zur Arbeit marschierte. Er hatte den Ahorn heute früh kaum wahrgenommen und war mit offenen Augen gegen einen Laternenpfahl gelaufen. Sein Hirn wollte nicht richtig funktionieren, knetete seine Gedanken wie die Teigmaschine den Teig. Ob das am Tumor lag, der an […] Weiterlesen

Im Garten Erden

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der fünften Clue Writing Challenge.

„Ach, hast du gewusst, Tante Frieda ist umgezogen. Sie wohnt jetzt in …“ Rasch blende ich die Diskussion meiner beiden Neffen aus um mich wieder meinem Mischsalat zu widmen, nebst den Kartoffelchips das einzige vegetarische Nahrungsmittel an dieser Familien-Grillparty. Ich habe noch nie ganz verstanden, was es damit auf sich hat, dass meine ganze, große Verwandtschaft im Wissen darum, wie sehr sie einander auf den Keks gehen, mindestens zehnmal im Jahr zusammenkommen muss, im Sommer gar im Garten, wo sie laut genug sind, um das ganze Dorf wachzuhalten. Wir quälen uns durch seichte Konversation und hoffen, der Abend möge bald ein Ende nehmen. Die Dunkelheit […] Weiterlesen

Auf Abwegen

„Durchgeknallt, das bist du!“, schimpfte Heinz mit seiner Liebsten. „Ehrlich, Gudrun. Das ist schwachsinnig.“ Die Angesprochene zuckte mit den Schultern, zog Schnodder die Nase hoch, ehe sie sich entspannt an die bröckelige Wand lehnte und meinte: „I wo, so schlimm ist das alles gar nicht.“ Dann beugte sie sich ein wenig vor, um ihre Stützstrümpfe zurechtzuzupfen und tippelte vorsichtig weiter den Schacht hinunter. Heinz folgte ihr mit einem knappen Meter Abstand, hielt dabei seine Rechte so ausgestreckt, dass er sie auffangen könnte, sollte sie stürzen.
Gudrun war seine dritte große Liebe, obschon er zu gerne behauptete, sie sei die erste und letzte. Vor ihr waren Karin und die zweite Karin seine Angetrauten gewesen. Wobei die zweite Karin, das war ihm mittlerweile klar, eine eher schlechte als rechte […] Weiterlesen

Inside Clue Writing | Fünf Jahre – Ein Rückblick in Meilensteinen

Hallo liebe treue und neue Clue Writing Fans

Wir freuen uns, gemeinsam mit euch fünf Jahre Clue Writing feiern zu dürfen. Da vermutlich die wenigsten von euch seit den Anfängen  dabei sind, wollen wir euch heute auf eine Reise in unsere Vergangenheit mitnehmen und einige Meilensteine aus den letzten fünf Jahren präsentieren. Wir haben viel gelacht, gemacht, manchmal sogar gedacht und wünschen nun viel Spass mit dem Rückblick.

August 2012: Der Anfang und die Stories
Es war eine lange Nacht voller Kaffee, unter deren dunklem Schleier eine Idee geboren […] Weiterlesen

Wir sind alle besonders. Wir sind alle gleich

Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der fünften Clue Writing Challenge.

„Einen wunderschönen guten Tag, Austerlitz.“ Ein flüchtiges Lächeln, unverbindlich, kalt und künstlich. „Wie hat uns das Mittagessen geschmeckt?“ In der Mimik der Heilungsassistierenden Person ist keinerlei Bewegung auszumachen, sie ist eingefroren und Austerlitz‘ Gesicht muss es bald ebenso sein. „Hervorragend“, wird Zufriedenheit mit der neuerlichen Nahrungsausgabe bestätigt, obschon der Mischsalat welk und die Eier trocken waren. „Es war köstlich.“
„Schön“, meint die HAP und hält eine Weile inne, beäugt ihr Gegenüber eindringlich, ehe sie etwas auf ihrem Tablet notiert. „Sehr schön.“ Es folgen zwei kurze Schritte nach Links […] Weiterlesen

Special zum fünfjährigen Jubiläum | Fünf Jahre und ein Weltuntergang

Diese Geschichte spielt im erweiterten Universum „In ferner Zukunft“.

„Fünf Jahre ist es her, seit es seinen Anfang genommen hat. Die glühende Sonne ist auf- und untergegangen, der Wüstensand steckt jeden Tag in meinen verfluchten Schuhen und Jahreszeiten verwandelten sich in eine Erinnerung aus einer weit entfernten Epoche meines Lebens. Ich hätte mir einen schöneren Ort als diese Staubschüssel für mein Exil aussuchen sollen, doch dazu ist es zu spät, ich bin hier gestrandet.“
„Bist du ein Poet oder so?“, will der grobschlächtige Kerl wissen, der sich an die Bartheke lehnt. Ich gluckse müde und entgegne: „Nein, betrunken.“
„Ist dasselbe“, gibt er schulterzuckend zurück und stürzt seinen Agavenschnaps in einem […] Weiterlesen

Special zum fünfjährigen Jubiläum | Fünf Jahre und der Himmel

Es war an einem schwülen Nachmittag gewesen, einem typischen Spätsommertag in den Südstaaten, als Grampa mir das größte Geschenk der Welt gemacht hatte. Mein fünfter Geburtstag, um genau zu sein. Wann immer ich mich daran erinnere, schmecke ich die selbstgemachte Orangenlimonade meiner Mutter, zuckersüß klebt sie an meinen Zähnen und der einzigartig schlammige Geruch der Mangrovenwälder steigt mir in die Nase. Der Morgen hatte früh begonnen, es war ein Sonntag und wir waren wie üblich zur Messe gegangen …

Die Mutter trägt ihr Kleid in Vergissmeinnichtblau, es ist ihr zweitschönstes, findet ihr Sohn Rhett, es verblasst ein wenig neben dem Sonnenblumengelben. Der Strohhut baumelt am […] Weiterlesen

Extreme Zeiten, extreme Maßnahmen

Bis heute wusste ich lediglich von Erzählungen aus meinem Bekanntenkreis, was in einem Schönheitssalon mit einem getan wird. Das ist nicht meine Szene, außerdem schätze ich es nicht sonderlich angefasst zu werden, also brauche ich einen unglaublich guten Grund, da überhaupt hinzugehen. Die Stylistin, die sich als Sonja vorgestellt hat, weist mir einen Platz auf einem der an Siebziger-Jahre-UFOs anmutenden Sessel zu, den ich folgsam einnehme. Die kaltweißen Wellen der Leuchtstofflampen traktieren meine Netzhaut, das Geschwätz der anderen Frauen prasselt mit der Intensität eines Presslufthammer-Chors auf mich ein – wer verdammt nochmal tut sich sowas freiwillig an?
„Möchten Sie unseren Newsletter abonnieren?“, erkundigt sich die übertrieben […] Weiterlesen

Gaststory | Johann zieht um

Nach sechs Tagen endlich wieder dieser eine Moment, in dem alle Sinnesorgane jubilieren. Wilfried atmet tief durch, zieht die Luft gierig durch die Nase. Diese strömt vorbei an den Millionen von Sinneszellen seiner Nasenschleimhaut. Die Härchen auf den Sinneszellen strecken sich zitternd und voller Vorfreude den Aromastoffen entgegen, die durch den Duschraum wirbeln. Ein lautes „Beeil dich, andere wollen auch duschen“ unterbricht abrupt diesen Glücksmoment. Egal, er stellt das Duschthermostat heißer ein und lässt sich nicht stören. Der Brustkorb hebt und senkt sich. Harry trommelt gegen die Duschkabine. „Willi, mach hin, sonst hole ich dich da raus!“ „Nur zu – wenn du das Echo erträgst.“ Vor Harry hat er keine Angst. Harry ist ein Großmaul, mehr nicht. „Wilfried!“, mahnt Hannes, der Leiter des Tagestreffs. „Ist ja gut.“ Wilfried dreht das Wasser ab und […] Weiterlesen