Aus dem Kopierraum kommen

„Komm, mach die Tür zu“, befiehlt Jamal heiter. Ich gehorche, lausche dem Klackern seiner Gürtelschnalle und starre in die Ecke des zerschlissenen Posters vis-à-vis der Kopiermaschine. Ein grunzendes Ächzen ertönt, begleitet vom Rascheln seiner Jeans, dann meint er: „Es kann losgehen.“ Ich wende mich ihm zu, lache daraufhin lauthals los. Da sitzt er nun, auf der Glasplatte des Kopierers. Die heruntergelassene Hose hängt in den Kniekehlen und seine Hände verdecken mir leider die Sicht, dafür schenkt er mir sein charmantes Grinsen, ein extra-breites noch dazu.
„Moment, du musst das Bein hochheben“, weise ich ihn an und merke, wie sich ein unangenehm nervöses Kribbeln in meiner Magengrube ausbreitet.
„Das Ding braucht eine Fernbedienung“, schlägt er ungelenk seine Wade haltend vor. […] Weiterlesen

Wissen ist Macht | Thors Hammer

Dies ist ein Interludium zur Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“ und spielt zwanzig Jahre vor den Ereignissen der Serie.

Keuchend stolperte der junge Mann in das verlotterte Gartenhäuschen, stieß die Tür zu und setzte sich auf den Boden. Bei seiner Rekrutierung für die Sondereinsatztruppe er sich niemals träumen lassen, jemals in diese Lage zu geraten. Seine Uniform war dreckig, an einigen Stellen zerrissen, sein Gesicht mit Kratzern übersäht, bis auf seine Waffen und die Wasserflasche trug er keine Ausrüstungsgegenstände mehr mit sich.
„Scheiße, das war knapp“, zischte er und begriff im nächsten Moment, dass es keinen guten Grund gab, Selbstgespräche zu führen. Seine Verfolger hatte er […] Weiterlesen

Allein

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„Es ist Lysergsäurediethylamid“, habe ich gesagt. Natürlich hätte ich nicht einfach „LSD“ sagen können, dazu habe ich zu viel Freude an meinem Job und bin zu detailversessen. Jedenfalls hat mich Josh, der Streifenpolizist der neben mir gestanden ist, mit einem Blick angesehen, der frei übersetzt wohl so etwas wie „Diese blöden Forensiker!“ bedeutet haben mochte. Ja, manchmal komme ich wohl als Angeberin rüber, als eine, die sich etwas auf ihr Wissen einbildet, und nicht alle glauben mir, dass es einfach meine Begeisterung für das Thema ist, die diesen Eindruck erweckt. Manchmal glaubte ich, dass dieses obsessive Interesse ein fester Bestandteil meiner Identität geworden ist. Doch ich […] Weiterlesen

Das X mit dem Y, oder warum blaue Kugelschreiber out sind

Der Regen des Sommergewitters prasselte auf das Dach des Aufnahmestudios und ein Donnerschlag folgte so nahe auf den vorhergehenden, dass sie beinahe zu einer Kakophonie verschmolzen. Cara stand unter dem Vordach und nahm mit bewundernswürdiger Sturheit einen Zug von ihrer Zigarette, und der dichte Regen war so stark, dass sie auch im Trockenen in einer feinen Wasserstaubwolke stand. Ein Blitz erhellte die Abenddämmerung und der Knall war nahezu zeitgleich zu hören. Cara zuckte zusammen, denn der Blitz musste ganz in der Nähe eingeschlagen sein. Sie warf einen letzten skeptischen Blick auf ihre halb abgebrannte Zigarette, doch sie traute der Sache nicht mehr und warf die Kippe daher in den Aschenbecher, der an einen kleinen See erinnerte, bevor sie die Tür aufzog und rasch wieder ins Innere des Studios schlüpfte. […] Weiterlesen

Wilbur: Der Hase der von allem wusste

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Der Held dieser Geschichte ist ein ganz besonderer Hase namens Wilbur. Natürlich wusste Wilbur nicht, dass er ein Hase ist und hätte er es gewusst, dann wäre es ihm wohl überflüssig erschienen, sich als Hase zu identifizieren, denn seit jenem schicksalshaften Tag im heimischen Hasenbau hatte Wilbur weitaus wichtigere Dinge in seinem außergewöhnlichen Hasenhirn. Doch als Wilbur noch ein kleines, nacktes Häschen war, hatte niemand in der ganzen Wiesenlandschaft ahnen können, was für ein stolzer Rammler aus ihm werden würde; nein, man hätte wohl eher das Gegenteil vermutet, wenn man dem jungen Wilbur in die schwarzen Knopfaugen geblickt hatte. Er […] Weiterlesen

Jane Doe

Das Postamt war ein niedriger und alter Backsteinbau, der seine besten Tage schon längst hinter sich hatte. Die Fugen schienen zu bröckeln, wahrscheinlich waren sie vom nach brackigem Wasser riechenden Meerwind über Jahrzehnte hinweg angegriffen worden, und die Fassade war mit grauschwarzem Dreck bedeckt. Niemand wusste, warum das kleine Dorf in Südengland, dessen Namen ich hier nicht nennen will, überhaupt noch ein Postamt hatte – zur nächsten Stadt wären es mit dem Auto bloß zwanzig Minuten gewesen. Ach ja, das Dorf: Vielleicht vierzig Häuser, alle aus den typischen roten Ziegeln gebaut und altersschwach, eine nur leicht befahrene Hauptstraße und die größte Attraktion ein Leuchtturm an der nahen Küste, dessen einsamer Strahl jede Nacht verirrten Fischerbooten in dem dichten Nebel den Weg […] Weiterlesen