Special zur sechshundertsten Story | Die Sechshundert

„Hach, was für ein schöner Tag“, frohlockte Melissa, als sie die Fensterläden aufmachte und auf die verschneite Morgenlandschaft blickte. „Beinahe idyllisch.“
Alexander, ihr Mann, streckte sich ausgiebig und strich sich über den Bart. „Hauptsache, wir haben reichlich zu essen und Brennholz.“ Damit schlenderte er ins Badezimmer, um sich frischzumachen.
„Was für ein Morgenmuffel“, kicherte Melissa und stellte die Tassen für das Frühstück auf den Tisch. Die Dielen ächzten unter ihren Schritten und insgeheim fragte sie sich, ob das am Alter des Fußbodens lag, oder sie zugenommen hatte – zu dumm, gab es keine Waage. Routiniert stapelte sie Holz in den Ofen, entzündete ein Streichholz und seufzte: „Ein Generator wäre nett.“ Sie beobachtete schweigend, wie die Flammen Halt fassten und […] Weiterlesen

Special zu Sarahs zweihundertfünfzigster Story | Auf nach Alteram Vicem

Entnervt lausche ich der Stimme in meinem Kopf, die verkündet, ich solle aufstehen. Ich habe Wecker schon zu jenen Zeiten gehasst, als ich keine bioelektronischen Implantate hatte, aber die telepathische Version ist tatsächlich schlimmer. „Ist gut, bin wach“, murre ich gedanklich und richte mich auf – wenigstens ist der impertinente Piepston, der zusätzlich durch meinen Schädel hallte, endlich verstummt. Die erste halbe Stunde des Tages ist für mich bis heute seltsam: Während die Cyborg-Teile vollständig hochgefahren sind, kommt der organische Teil meines Körpers gerade erst zu sich. Nach über zweihundertfünfzig Jahren habe ich aufgegeben jemals ein Morgenmensch zu werden. Glücklicherweise ist die Erde ein Ort, der nie schläft und meinem Jobs als Schriftstellerin und Designerin virtueller Realitäten kann ich rund um die Uhr nachkommen. […] Weiterlesen

Der Preis, den andere zahlen

„Ich habe keine Ahnung, ob das eine gute Idee ist“, brummte Dara und schaute sich im Gästezimmer ihres besten Freundes um. Seit ihr Loft vom Dreitägigen Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden war, oder eher, die ganze Fassade verloren hatte, wohnte sie gezwungenermaßen mit Marius zusammen.
Er hatte es sich auf einem alten Sessel bequem gemacht, wippte mit den Füssen und hielt eine Tasse Tee in der Hand. „Also ich bin weiterhin überzeugt von meinem Plan.“
„Das wundert mich wenig, du bist von deinen Ideen immer überzeugt“, gab Dara zurück und erhob sich mit einem Seufzen. „Wir leben nicht länger in einer Welt, in der Meinungsfreiheit herrscht, um dich mal wieder daran zu erinnern.“
„Ja, weil wir nach drei Tagen vor der Besatzungsmacht kapituliert haben“, […] Weiterlesen

Gaststory | Papier

„Günther, das Ministerium ist hier.“ Er sah auf und seine Sekretärin machte Platz für den strammen Mann.
Specht“, sagte der Mann zackig mit piepsender Stimme. Seine schwarze Uniform zeichnete ihn eindeutig als Mitarbeiter des Ministeriums für Effizienz und Verschwendung aus. Auf seiner Brust die silberne Mine eines Bleistifts. Specht stellte sich mit gestrecktem Rücken vor seinem Schreibtisch und wartete, während Günther sich an der Tischplatte hochdrückte. Sein Stuhl knackte, er hatte schon lange keinen neuen mehr bestellt — bloß keine Verschwendung. Er reichte dem Mann die Hand. Natürlich schüttelte er sie nicht. Effizienz – nur kurz nicken.
Günthers Herz begann zu schlagen, zu schnell, zu energieverschwendend und Spechts […] Weiterlesen

Wissen ist Macht | Epilog

Dies ist der Epilog zur Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“.

Es engt mir den Brustkorb ein, lastet schwer auf mir, droht, mich zu ersticken. „Steh auf“, befehle ich mir stumm, schaue mich flehend in der Bibliothek um und erkenne niemanden, bleibe letztendlich wie gelähmt sitzen. Eigentlich möchte ich niemanden sehen, niemanden sprechen, aber ich benötige Input, irgendwelche audiovisuellen Stimuli, die mich in die Realität zurückholen, mich meine soziale Verpflichtung zur perfekten Höflichkeit bewusst werden lassen und den Raum in meinem Kopf füllen, den eben Chaos, Kontrollverlust sowie eine endlose Abwärtsspirale der Lähmung eingenommen haben. […] Weiterlesen

Wissen ist Macht | Das Ende

Dies ist der 8. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“.

„Los, weiter, Callahan!“ Der Wärter bugsierte mich unsanft die Treppe hinunter. In dem unbequemen Gefängnis-Overall fiel es mir schwer, das Gleichgewicht zu halten. Wütend stolperte ich voran, zu meinem eigenen Erstaunen ohne hinzufallen, und keifte über meine Schulter: „Ich bin kein Kunstturner, Arschloch!“
Zu gerne hätte ich gewusst, wieso man mich mitten in der Nacht in den Keller der Strafanstalt brachte, nachdem ich von Sirenen und Geschrei geweckt worden war. Ich verbrachte die letzten Tage, oder waren es Wochen, wie eine Kakerlake in einer fensterlosen Zelle und war mir nun unschlüssig, ob die Uhr zu meiner Exekution schlug. […] Weiterlesen

Wissen ist Macht | Nichts hören, nichts sehen

Dies ist der 7. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“.

„Wie kann man das ignorieren?“, ereiferte sich meine kleine Schwester. Charlene war seit ihrer Kindheit ein Dickschädel gewesen. „Sie wollen, dass wir jeden Blödsinn glauben, den sie uns vorsetzen, das muss man doch sehen. Ada, hörst du mir überhaupt zu?“
Tat ich nicht, schlicht und einfach weil ich nie hörte, wenn es darauf ankam.

„Nochmal von vorn“, stöhnte Frederique ungeduldig und entnervt durch meinen Ohrstecker. „Sonst sind mehrere Jahre Vorbereitung für die Katz!“
Marten klang alles andere als glücklich. „Ich tue, was ich kann.“ […] Weiterlesen

Wissen ist Macht | Thors Hammer

Dies ist ein Interludium zur Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“ und spielt zwanzig Jahre vor den Ereignissen der Serie.

Keuchend stolperte der junge Mann in das verlotterte Gartenhäuschen, stieß die Tür zu und setzte sich auf den Boden. Bei seiner Rekrutierung für die Sondereinsatztruppe er sich niemals träumen lassen, jemals in diese Lage zu geraten. Seine Uniform war dreckig, an einigen Stellen zerrissen, sein Gesicht mit Kratzern übersäht, bis auf seine Waffen und die Wasserflasche trug er keine Ausrüstungsgegenstände mehr mit sich.
„Scheiße, das war knapp“, zischte er und begriff im nächsten Moment, dass es keinen guten Grund gab, Selbstgespräche zu führen. Seine Verfolger hatte er […] Weiterlesen

Wissen ist Macht | Im Untergrund

Dies ist der 6. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“.

„Im Wasser hört dich niemand schreien“, beendete ich zu dramatisch das Schauermärchen, das ich frei aus meinem Kopf erzählte und wandte mich dem Panoramafenster zu. Ohne die Außenbeleuchtung des Anwesens konnte man jedoch lediglich das eigene Spiegelbild erkennen, dafür war das Gebäude hier im Marianengraben schlicht und ergreifend zu weit unter dem Meeresspiegel. Mein schwarzer Lidschatten wirkte verwischt, wahrscheinlich hatte ich mir irgendwann in die Augen gefasst – es war ein langer Tag gewesen, wenn man denn der ewigen Dunkelheit an der tiefsten Stelle des Meeres etwas wie Tageszeiten zugestehen mochte. […] Weiterlesen

Wissen ist Macht | Bocksprung

Dies ist der 4. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“.

Ich habe Bockspringen immer gehasst. Wieso? Weil man voll auf die Fresse fliegt, wenn man landen will. Und wenn das nicht der Fall ist, dann springt man zu kurz, knackst sich was am Bein oder trägt starke Schmerzen an den Genitalien davon. Es gibt genau zwei Gründe, wieso man es doch immer wieder tut: Zum einen der an einen Drillseargeant erinnernde Sportlehrer mit seiner impertinenten, Tinnitus verursachenden Trillerpfeife und zum anderen die verfluchte Sturheit, den Glauben daran nicht verlieren zu wollen, dass etwas funktioniert, egal wie planlos man daran herangeht. Bockspringen war für mich immer das Sinnbild für etwas gewesen, das ich nie wieder tun wollte – und doch immer […] Weiterlesen