Special zum fünfjährigen Jubiläum | Fünf Jahre und der Himmel

Es war an einem schwülen Nachmittag gewesen, einem typischen Spätsommertag in den Südstaaten, als Grampa mir das größte Geschenk der Welt gemacht hatte. Mein fünfter Geburtstag, um genau zu sein. Wann immer ich mich daran erinnere, schmecke ich die selbstgemachte Orangenlimonade meiner Mutter, zuckersüß klebt sie an meinen Zähnen und der einzigartig schlammige Geruch der Mangrovenwälder steigt mir in die Nase. Der Morgen hatte früh begonnen, es war ein Sonntag und wir waren wie üblich zur Messe gegangen …

Die Mutter trägt ihr Kleid in Vergissmeinnichtblau, es ist ihr zweitschönstes, findet ihr Sohn Rhett, es verblasst ein wenig neben dem Sonnenblumengelben. Der Strohhut baumelt am […] Weiterlesen

Der Ethos des H. Heinrich Häberli

Obwohl sich diese Kurzgeschichte an einem realen Handlungsort abspielt, sind die Geschehnisse und die handelnden Personen frei erfunden.
Schlagzeilen wie „Die Gewinner des Jungschützenfestes“ oder „Diebstahl in der Dorfbibliothek“ säumten H. Heinrich Häberlis Karriere, als wären sie leuchtende Pfeiler seiner journalistischen Bestrebungen. Man musste bloß die Metaebene dieser mondän erscheinenden Artikel beachten, was selbstverständlich kaum einer tat. Für die Neue Zürcher Zeitung hatte er als Jugendlicher schreiben wollen, später begnügte er sich mit überschaubareren Zielen, wäre froh gewesen, für die Freiburger Nachrichten Lokalnews zu recherchieren. Naja, es kam wie es eben kam, weshalb H. Heinrich Häberli seit bald vierunddreißig Jahren Chefredakteur, pardon, Chefredaktor des renommierten Gurmerler […] Weiterlesen

Gaststory | Der erste Fall des Kommissar Kobra

Ein Wagen rollte die steile Einfahrt herab auf den Hofladen zu, der sich im Erdgeschoß des alten Bauernhauses befand. Schon aus dieser Entfernung war der alte, blaue VW Passat zu sehen, der durch die Scheibe mitten in den Laden gekracht war. Im Inneren des verglasten Raumes standen ein paar Kunden, sowie eine ältere Frau, welche, ihrer grünen Schürze nach zu urteilen, die Inhaberin des Ladens war.
Das Auto hielt im Hof und ein großer Mann stieg aus. Er hatte dunkelbraune Haare, die in einen Dreitagebart übergingen, was sein Gesicht nichtsdestotrotz freundlich aussehen ließ. Mit langen Schritten betrat er den Laden durch das Loch der kaputten Scheibe, wobei er seinen schwarzen Mantel beiseite zog.
Sofort fiel sein Blick auf den Unfallwagen und die Sense, welche durch die […] Weiterlesen

Halloween-Special | Was bisher geschah …

Diese Geschichte spielt im erweiterten Universum „Nach Hause“.

Ich kann ihn noch immer riechen. Nicht der beißende Gestank der Fäulnis, sondern ihn, meinen Ehemann. Er riecht nach frischen Waffeln, wie mein Kopfkissen oder der royalblaue Kaschmirschal, den er mir zu unserem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt hat.
„Mommy, ist Daddy böse auf mich?“ Finn sieht mich mit großen Augen an, legt seine winzige Kinderhand auf meine, die verkrampft den Schaltknüppel umfasst.
„Nein, Schätzchen. Darüber haben wir bereits gesprochen.“
„Ja schon“, murrt der Sechsjährige, ehe er nachdenklich auf die Rückbank linst. Devin […] Weiterlesen

Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor | Barbara allein unterwegs

Dies ist ein Interludium zur Fortsetzungsgeschichte „Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor“.

Als ich die ersten Berichte über die Lage in Kenia gesehen hatte, war ich gerade so sehr mit dem immer näherrückenden Abgabetermin für mein neues Buch beschäftigt gewesen, dass ich sie mehr oder weniger ignoriert hatte. Es war ein wenig so gewesen, wie einige Jahre zuvor, als Westafrika mit einem Ebola-Ausbruch zu kämpfen gehabt hatte. Während den ersten Tagen war die Medienlandschaft von Reportagen und Nachrichtensendungen über die Bedrohung und das Leid der betroffenen Bevölkerung dominiert worden, später war die Panik für eine Weile bis in unsere Region übergeschwappt und man hatte […] Weiterlesen

Coole Kinder sind nicht cool

Es gibt nur etwas, das noch nervtötender ist, als eine halbe Ewigkeit auf ein- und demselben Flecken Asphalt stehenzubleiben und dabei einem gelangweilten Lastwagenfahrer beim Nasebohren zuzusehen: Ebendiesem haarigen Herrn beim Nasebohren zuzusehen, währendem man alle fünf Sekunden zwanzig Zentimeter vorwärts rollt, nur um dann gleich wieder an den Bremslichtern des Vordermanns zu kleben. Wenn es so etwas wie einen Verkehrsgott, einen allmächtigen Blechlawinenlenker, gibt, der es verhindert, dass die vierundachzigtausend Vollidioten, die zur selben Zeit über die verdammte Autobahnbrücke fahren wollen, das Reißverschlusssystem anwenden, dann gibt es keinen Mittelfinger, der groß genug wäre, um ihm meinen Unmut über seine Organisationsfähigkeit auszudrücken. Aber egal, ich schalte lieber das Radio ein, bevor […] Weiterlesen