Aus dem Kopierraum kommen

„Komm, mach die Tür zu“, befiehlt Jamal heiter. Ich gehorche, lausche dem Klackern seiner Gürtelschnalle und starre in die Ecke des zerschlissenen Posters vis-à-vis der Kopiermaschine. Ein grunzendes Ächzen ertönt, begleitet vom Rascheln seiner Jeans, dann meint er: „Es kann losgehen.“ Ich wende mich ihm zu, lache daraufhin lauthals los. Da sitzt er nun, auf der Glasplatte des Kopierers. Die heruntergelassene Hose hängt in den Kniekehlen und seine Hände verdecken mir leider die Sicht, dafür schenkt er mir sein charmantes Grinsen, ein extra-breites noch dazu.
„Moment, du musst das Bein hochheben“, weise ich ihn an und merke, wie sich ein unangenehm nervöses Kribbeln in meiner Magengrube ausbreitet.
„Das Ding braucht eine Fernbedienung“, schlägt er ungelenk seine Wade haltend vor. […] Weiterlesen

Special zum 1. April | Tante Luisas Gespür für Gras

Stefans Bartstoppeln juckten, er kratzte sich mit einem übellaunigen Seufzen am Kinn. Die Jugend musste wahrlich das komplizierteste Alter sein! Er kraxelte die alte, von jungen Trauerweiden bewachsene Trockenmauer hinab, landete mit seinen ausgelatschten Turnschuhen auf den Steinen, er war am Fluss angelangt. Jetzt im Frühling führte dieser besonders viel Wasser, trotzdem fand er eine kleine Steininsel am Rand, auf der er sich niederlassen konnte. Gelangweilt lehnte er sich zurück, sah geistesabwesend auf die Wolken. Bis auf das stete Plätschern gepaart mit Grillenzirpen war nichts zu hören, endlich hatte er seine Ruhe. Außerdem, was sollte man in einem Tal in den Bergen schonanderes tun als Kiffen und am Fluss abhängen? Genau: Nichts.
Mit den Klängen von Nirvana erwachte Stefans Handy, flink zog er das Gerät aus der […] Weiterlesen

Gaststory | Ein fast perfekter Einbruch

Danny blickte auf den leeren, verschneiten Parkplatz. Der Kälteeinbruch hatte niemanden überrascht, wohl aber der Schnee. Mit einem weiteren Blick in die entgegengesetzte Richtung prüfte Danny die menschenleere Straße. Zufrieden mit sich und seiner Wahl klopfte er kurz an die getönte Scheibe des Mercedes, an den er sich gelehnt hatte und setzte sich in Bewegung. Hinter ihm startete das Auto den Motor und wendete elegant. Falls doch etwas schief gehen sollte, musste man schnell handeln können.
Das Zielobjekt war der Computerraum des neuen Schulhauses. Das ganze Dorf war dagegen gewesen. Er war bloß derjenige, der handelte.
Seine Kenntnisse im Technik-Bereich waren groß gewesen. Bis zu diesem Tag, als er verlassen wurde, weil er zu viel vor dem Bildschirm saß. Er wollte nicht, dass so etwas […] Weiterlesen

Weihnachts-Special | Die dunklen Machenschaften des Mr. Spekulatius

„Guten Tag, Mr. Spekulatius, was darf es denn heute sein?“ Und da stand sie wieder, so wie am Tag zuvor und am Tag davor und vermutlich wird sie auch noch morgen und übermorgen und in zwanzig Jahren hier stehen. Versteht mich nicht falsch, ich mochte die Frau, deren Namen ich schon tausendmal gehört habe und mir doch nicht merken kann, weil er mir in etwa so wichtig ist, wie die Lage im Libanon, im Prinzip wirklich sehr gerne. Oder besser gesagt, ich mochte es, sie wie die vielen anderen Konstanten in meinem Leben als allmorgendlichen Orientierungspunkt zu benutzen. Aber, und dieses eine „aber“ kann ich nicht genug betonen, die gute Dame war dermaßen unterbelichtet, dass man meinen könnte, irgendein verrückter Professor aus einem drittklassigen Horrorroman für sterbensunglückliche, egomanische Teenager hätte an ihr eine Lobotomie durchgeführt. […] Weiterlesen

Gaststory | Rache ist süss

Als Michael erwachte, ging es ihm echt schlecht: Er hatte Kopfschmerzen und ihm war übel. Stöhnend öffnete er die Augen, nur um sie ganz schnell wieder zu schließen. Das Licht war viel zu hell, einfach nicht auszuhalten. Warum ging es ihm nur so mies? Egal, Helga musste ihm erst mal etwas gegen die höllischen Kopfschmerzen geben, dann würde man weitersehen können. Merkte sie nicht wie schlecht es ihm ging? Schlief sie so fest oder war sie schon aufgestanden? Seine linke Hand tastete nach seiner Frau und der Schreck fuhr ihm in alle Glieder. Da war nichts. Nicht nur seine Frau war nicht da, das Bett war einfach zu Ende, seine Finger glitten ins Leere. Er lag eindeutig nicht in seinem Bett. Erschrocken riss er die Augen auf, um sie gleich wieder zuzukneifen. Nein, so ging das nicht. Was war nur los? Wo war er? Ganz vorsichtig blinzelte er mit halb geschlossenen […] Weiterlesen