Alltagsrückkehr

Da war sie, die eine Frage, vor der es Hanna so graute: „Wie geht es dir denn?“ Gleich zu Beginn, ohne Erbarmen oder wenigstens kurzen Aufschub. Bestimmt meinte Peter das freundlich, wollte zeigen, dass ihm ihr Wohlergehen wichtig war. Trotzdem, was sollte sie nun darauf erwidern? „Gut“? Das wäre eine blanke Lüge, Hanna fühlte sich mitnichten gut, um es genau zu nehmen, war ihr rätselhaft, wie das mit dem Gutgehen funktionieren sollte. „Miserabel“ traf genauso wenig zu, obwohl es immerhin etwas näher an der Wahrheit lag. „Keine Ahnung“, ja, das war die richtige Antwort, nur leider stellte diese niemals jemanden zufrieden. Hanna nickte und schenkte ihrem langjährigen Bekannten ein schiefes Lächeln. „Es geht“, flüsterte sie schließlich und in der Hoffnung, das Thema zu wechseln, fügte sie rasch hinzu: „Wie läuft es auf der Arbeit?“ […] Weiterlesen

Special zur vierhundertsten Story | Höhenflüge

Sie war durch üppige von Vogelgezwitscher erfüllte Wälder gegangen, hatten den kühlen Schatten genossen, die Feuchtigkeit auf ihrer Haut gleichmütig als Zeichen der wohligen Erschöpfung hingenommen, bis das Nadeldach sich lichtete. Ihr Weg hatte sie den Windungen eines Flusses entlanggeführt, immer höher, dem unerreichbaren Himmel entgegen, hinweg über die sich stetig verändernde Berglandschaft. Sie schritt über knirschenden Kies, Felsen, Geröll und die Baumgrenze war unbemerkt an ihr vorbeigezogen, hinter ihr zurückgeblieben. Die Anstrengung machte ihr wenig aus, berührte sie kaum, hier draußen verloren Sorgen, Stress, ja der ganze Alltag ihre Bedeutung, wichen einer alles einnehmenden Leichtigkeit. Selbst wenn diese bloß flüchtig war, nach ein, zwei, im Glücksfall drei Tagen wieder verschwand, so trauerte sie der […] Weiterlesen

Pissorange

Mit tief ins Gesicht gezogener Wollmütze stapfte sie durch den Schnee, der ihr knapp bis zur Mitte der Wade reichte. So früh am Morgen schienen die Straßenlaternen noch und alles leuchtete in nebligem Pissorange. Als Piper die Ladenöffnungszeiten online nachgesehen hatte, war ihr ein Stein vom Herzen gefallen, die konnte den peinlichen Einkauf erledigen, bevor irgendjemand aufwachen würde. Am Ende der Straße lag sie, die kleine Metzgerei, deren Schaufenster im grellen Gegensatz zu der davorstehenden Laterne mit Natriumdampflampe bläulich blinkten. Sie ächzte, hielt an und rieb sich mit ihren behandschuhten Fingern die Nasenwurzel. „So tief bist du also schon gesunken“, jammerte die Stimme in ihren Gedanken, konnte sie schlussendlich aber doch nicht zum Umkehren bewegen. Entschlossen, dieses gottverdammte Geschäft so schnell wie […] Weiterlesen