Auf dem Kiesweg

Marie unterdrückte ein Schluchzen, das ihr Bertram dennoch problemlos anhörte, und wich einem Haufen Pferdemist aus, der auf dem gekieselten Feldweg lag. Tröstend legte er einen Arm um die zierlichen Schultern seiner Frau, die im letzten Jahr derart abgemagert war, dass sie bestenfalls als Schatten ihrer selbst gelten konnte. „Wir haben alles richtig gemacht, oder?“, suchte sie Bestätigung; sie stellte diese Frage im Verlauf der letzten Monate häufig, er hatte wusste längst nicht mehr, wie oft.
„Ja, das ist nicht unsere Schuld“, wiederholte Bertram seine zur Standard-Antwort gewordene Phrase mechanisch, ohne die grimmige Miene abzulegen.
„Achtung, Hundekacke“, unterbrach Lucy, ihre Teenager-Tochter, die […] Weiterlesen

Oster-Special | Märchen … Unterbrochen

Hari Le Pus, seines Zeichens der beste Osterhase im Land, hüpfte in hektischer Manier über das Feld in Richtung Zentrale. Es kam selten vor, dass er Überstunden machte, eigentlich war sein Job die meiste Zeit im Jahr durchweg entspannt und abgesehen von administrativen Aufgaben oder Gesprächen mit der Hühnerlobby gab es wenig zu tun.
„Guten Tag, Hari Hase“, flötete Frederike Vogel fröhlich. „Wieso so gestresst?“
„Es ist Freitagabend“, erwiderte der Angesprochene keuchend und hielt kurz inne, um zu Atem zu kommen. Ein untrügliches Zeichen fehlender Fitness, wie Hari fuchsig feststellte, er sollte damit aufhören aus seinem eigenen Osterkörbchen zu naschen.
„Na und?“, fragte Frederike Vogel verdutzt, ehe sie zu Hari herabflatterte. […] Weiterlesen

Rückblende

Im fünfeckigen Zimmer waren drei bauchnabelhohe USM-Möbel angeordnet. Die Oberflächen aus blank geputzt weißen Platten, die in einem Quader aus Stahlröhren lagen. Zwei der Korpusse waren mit Schubladen in diversen Höhen bestückt, einer mit eingelassenem Waschbecken, darunter ein Schränkchen, in dem Tina den Mülleimer vermutete. Darüber waren Spender für Desinfektionsmittel, Latexhandschuhe und Handtücher angebracht.

Vor dreiundfünfzig Stunden hatte sie ihr Kind verloren. Angefangen hatte es mit leichten Krämpfen am Morgen, sie war gerade dabei ein Marmeladenglas zu öffnen. Heftige Schmerzen folgten nach dem Mittagessen, bevor der abgestorbene Fötus abends entfernt werden musste. […] Weiterlesen

Gaststory | Schmetterlingsjagd im Käferauto

Das Auto parkte direkt vor dem Haus. Es war in Karminrot gehalten, leuchtend wie eh und je. Nur an manchen Stellen waren kleine Kratzer zu sehen. Laura wusste, es würde der Geruch nach alten Zigarren und nassem Hund auf sie warten. So ekelig das klang, der Käfer war auch voller Erinnerungen. Wie eine schwere Last lagen diese nun auf ihren Schultern, während die junge Frau auf den Rücksitz kletterte. Es gab keine Gurte. Dieses Auto war das einzige, das ohne Gurte auf der Rückbank noch fahren durfte. Auf der Lehne ganz links war noch immer ihr Kinderhandabdruck, den sie dort vor vielen Jahren mit einem Permanent-Marker nachgemalt hatte. Kaum war die Tür zugefallen, schien es, als drehte sich Lauras Großvater grinsend vom Fahrersitz zu ihr um: „Halt dich fest, wir düsen los!“ Stattdessen stiegen ihre Eltern ein. Frische Luft vertrieb für einen Moment das […] Weiterlesen

Nikolaus-Special | Rückschlag

Mit einer Bummelmütze im klassischen Nikolausen-Rot auf dem Kopf, kauerte Melinda auf dem Asphalt. Sie war in der Nähe aufgewachsen, eine knappe halbe Autostunde entfernt, dennoch hatte sie diesen Ort noch nie zuvor gesehen, hatte nicht einmal gewusst, dass hinter dem Bahnhof, welchen sie tagtäglich im Zug passierte, mehr als bloß ein kleines Grüppchen Ferienhäusern lag. Ali war auf die Idee gekommen, sich hier zu treffen, sagte, er hätte die Gegend vor einer Ewigkeit auf einem Schulausflug kennengelernt. Es war Anfang Dezember, heute Abend würden Leute mit falschen Bärten durch die Straßen gehen, um Süßigkeiten zu verteilen. Eigentlich liebte sie die Vorweihnachtszeit, die Kerzen, Lichterketten, den Glühwein und vor allem die friedvolle Stimmung, die man überall antraf. Dieses Mal war ihr die Freude abhandengekommen, selbst die Aussicht auf […] Weiterlesen

Patreon-Bonus | Diejenige welche

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S06E09 | Am Ende der Welt

Wir möchten euch herzlich zur neunten Episode der sechsten Staffel des Kurzgeschichten-Podcasts Clue Cast begrüssen. Sie basiert auf der Story „Am Ende der Welt“ von Rahel. Am Ende der Welt schmeckt die Luft bittersüss. In dieser Geschichte wurden die vorgegebenen Clues „Palindrom, Katzenstreu, Zivilgesetzbuch, Gewittersturm“ und „Auen“ vertextet und sie spielt am Setting „Landbahnhof“. Die Sprecherin dieser Episode ist Birgit Arnold. […] Weiterlesen

Das Bild

Das Gemälde hing seit ihrer Kindheit an derselben, von Fliegenkot gepunkteten, holzgetäfelten Wand. Trotzdem musste Mara es jedes Mal für eine gefühlte Ewigkeit ansehen, wenn sie ihren Urlaub in der Berghütte ihrer Familie verbrachte, von der sie das letzte noch lebende Mitglied war. Da wanderte sie durch den Wald, über Wiesen und entlang der kühlenden Bergbäche, um der Hitze der Stadt mit ihren verschwitzten Menschenmengen zu entkommen, nur um dann auf ein Bild im Wohnzimmer zu starren. Die Ölfarbe wies längst Altersrisse auf, wirkte ausgebleicht oder von Staub bedeckt, ganz sicher war sie sich nicht. Vor ihr begannen die Linien vom langen Starren zu tanzen und das Gemälde zerfloss zu einem abstrakten, unverständlichen Muster vor einem braun fleckigen Hintergrund. […] Weiterlesen

Alltagsrückkehr

Da war sie, die eine Frage, vor der es Hanna so graute: „Wie geht es dir denn?“ Gleich zu Beginn, ohne Erbarmen oder wenigstens kurzen Aufschub. Bestimmt meinte Peter das freundlich, wollte zeigen, dass ihm ihr Wohlergehen wichtig war. Trotzdem, was sollte sie nun darauf erwidern? „Gut“? Das wäre eine blanke Lüge, Hanna fühlte sich mitnichten gut, um es genau zu nehmen, war ihr rätselhaft, wie das mit dem Gutgehen funktionieren sollte. „Miserabel“ traf genauso wenig zu, obwohl es immerhin etwas näher an der Wahrheit lag. „Keine Ahnung“, ja, das war die richtige Antwort, nur leider stellte diese niemals jemanden zufrieden. Hanna nickte und schenkte ihrem langjährigen Bekannten ein schiefes Lächeln. „Es geht“, flüsterte sie schließlich und in der Hoffnung, das Thema zu wechseln, fügte sie rasch hinzu: „Wie läuft es auf der Arbeit?“ […] Weiterlesen

Anthropologie des Verlustes

Der Vorlesungssaal ist im Vergleich zu den ersten Studienwochen wirkt reichlich ausgestorben. Einige Studenten sitzen in kleinen Grüppchen beisammen, andere kramen in alle Himmelsrichtungen verstreut in ihren Taschen, tippen auf ihren Telefonen oder warten geduldig auf den Dozenten. Dort, auf der rechten Seite der hintersten Bankreihe, bei der einzigen funktionierenden Steckdose, hat Jessica platzgenommen. Ihre Haare sind unüblich zerzaust, der Lidstrich fehlt und ihr beerenfarbener Lippenstift unterstreicht die finstere Miene. Sie hat vor drei Tagen erfahren, dass ihre Oma schwer erkrankt ist, bereut heute zum ersten Mal, sich entgegen Omas Rat für Anthropologie statt Medizin entschieden zu haben. Diese Überlegung ist eine zugegebenermaßen unsinnige, dafür willkommene Abwechslung. Selbst wenn sie ihre bisherige Studienzeit mit […] Weiterlesen