Anthropologie des Verlustes

Der Vorlesungssaal ist im Vergleich zu den ersten Studienwochen wirkt reichlich ausgestorben. Einige Studenten sitzen in kleinen Grüppchen beisammen, andere kramen in alle Himmelsrichtungen verstreut in ihren Taschen, tippen auf ihren Telefonen oder warten geduldig auf den Dozenten. Dort, auf der rechten Seite der hintersten Bankreihe, bei der einzigen funktionierenden Steckdose, hat Jessica platzgenommen. Ihre Haare sind unüblich zerzaust, der Lidstrich fehlt und ihr beerenfarbener Lippenstift unterstreicht die finstere Miene. Sie hat vor drei Tagen erfahren, dass ihre Oma schwer erkrankt ist, bereut heute zum ersten Mal, sich entgegen Omas Rat für Anthropologie statt Medizin entschieden zu haben. Diese Überlegung ist eine zugegebenermaßen unsinnige, dafür willkommene Abwechslung. Selbst wenn sie ihre bisherige Studienzeit mit […] Weiterlesen

Gaststory | 60 Minuten sind 1 Jahr

„Stellen Sie sich ein düsteres Kellerabteil irgendwo in einem x-beliebigen Plattenbau in Leipzig vor. Sehen Sie die Holztür, die schief in den Angeln hängt? Den grauen Betonboden und die Spinnweben vor den winzigen Fenstern? Riechen Sie den Moder der Wände und den Gestank, der aus den verrosteten Konservenbüchsen entweicht? Fühlen Sie das Holz unter Ihren Händen, als Sie über die brüchigen Regalböden streichen? Merken Sie, wie der Staub von Jahrzehnten an Ihren Fingern haftet?“
Steffen schüttelte innerlich den Kopf. So ein Blödsinn. Wie war er hier nur hingeraten?
Wenn er ehrlich zu sich war, wusste er genau, warum er hier war. Die Frauen. Immer wieder die Frauen. In diesem Fall Julia. Klein, braune Haare, Stupsnase, ein Mundwerk wie ein Bauarbeiter und die tollste Frau auf Erden. Mark hatte ihn nur aus Spaß auf dieser […] Weiterlesen

Special zum zweijährigen Jubiläum | Falsch verbunden

[17:27:37] Nina hat ihre Kontaktinformationen mit dir geteilt.

[17:28:33] Nina: Hey
[17:28:56] Natascha: Hallo :) Du hast mich gerade geaddet, oder?
[17:29:25] Nina: Ja
[17:29:32] Nina: Wir haben einen gemeinsamen Bekannten, Mike
[17:30:21] Natascha: Klar, meinste den aus Berlin oder den aus Köln? ;)
[17:30:39] Nina: Berlin. Hat er dir gesagt, dass ich mich bei dir melden werde?
[17:31:11] Natascha: Nope, aber ich ich glaube ich weiß, worum es geht. :)
[17:31:58] Nina: Scheiße, Mike ist wohl der unzuverlässigste Arsch den ich kenne. Aber […] Weiterlesen

Bizarro-Blau

Hastig und reichlich ungeschickt strich ich meine Haare glatt, als ich ihn durch die zerkratzte Scheibe auf dem Bahnsteig entdeckte. Er trug eine khakifarbene Jacke, Jeans und seinen Rucksack, den er heute besonders schwungvoll über seine Schulter warf, während er auf das Trittbrett sprang. Grinsend winkte er mir zu, doch ich tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen und blickte erst auf, nachdem er sich vor mir auf die Bank hatte fallen lassen. „Sei jetzt bloß nicht wieder so seltsam!“, schalt ich mich gedanklich aus reiner Gewohnheit, bevor ich ihn freundlich begrüßte und unbeholfen anlächelte.
So wie eigentlich jeden Mittwoch hatte ich mich schon den ganzen Tag über darauf gefreut, ihm im Zug zu begegnen. Der gemeinsame Heimweg mit ihm war seit beinahe drei Jahren das Highlight meiner Woche, etwas, das mir irgendwann sogar so viel […] Weiterlesen

Séadhnas Irrfahrt, oder: Der verspätete Odysseus

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„Junger Mann“, begann der gute Crawford, nicht darum verlegen, das dunkle Timbre seiner Stimme aufs vollste auszuschöpfen. „Wollen Sie uns am Grund Ihrer erneuten Verspätung teilhaben lassen?“ Séadhna schluckte leer und kratzte sich beschämt an seinem Dreitagebart, bevor er den knarrenden Holzstuhl, auf welchem er eben erst Platz genommen hatte, nach hinten schob und sich tapfer den missbilligenden Blicken seiner Mitstudierenden stellte. „Nun, ich“, sagte er und räusperte sich leise, bevor er kleinlaut fortfuhr: „Ich wurde etwas aufgehalten.“ Séad wusste, dass er wegen seiner chronischen Unpünktlichkeit bereits vor langer Zeit in Ungnade gefallen war und als er […] Weiterlesen

Corpus Delicti

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

„Nicht links, Mann – rechts!“, zischte Frankie genervt. Eigentlich hiess er Francesco, doch hier nannten ihn alle nur Frankie, das war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und gar wenn man zur Familie gehörte, ließ man den alten Namen zurück. Sein Partner bei diesem Job, Mario, war aus seiner Sicht nicht das hellste Licht im Verein, doch wenn Don Caravaggio entschieden hatte, dass Mario diesem Job gewachsen war, dann gab es keinen Anlass, daran zu zweifeln ­– erst recht nicht, weil der Don nicht mit sich diskutieren ließ. Mario schlurfte zurück nach rechts, den endlos anmutenden Reihen von Regalen lang, mit denen das Beweismittellager vollgestellt […] Weiterlesen