Der Geschäftsmann und ich

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Ich blätterte eine Seite meines Botanik-Fachbuchs um, obwohl ich sie nicht richtig gelesen hatte, denn ich wollte nicht, dass Andrew mich schon wieder beim Tagträumen erwischte. Als wir vorgestern zusammen am Tisch gesessen waren, hatte ich mich dummerweise als Biologie-Banause geoutet. Mir war zwar nicht ganz klar, wie er mir auf die Schliche gekommen war, aber geendet hatte es damit, dass er mich erst lauthals ausgelacht hatte, weil ich nicht wusste, dass pflanzliche Eukaryoten eine Zellwand besitzen. Selbstverständlich konnte ich das nicht auf mir sitzen lassen, also hatte ich mir gleich heute früh eines seiner langweiligen Bücher geschnappt und es trotz seinen spöttischen […] Weiterlesen

Auch du, Quintus!

Der Lastkarren ließ sich nur schwer durch die schmalen Gänge manövrieren und verkeilte sich zuweilen zwischen den Unebenheiten des ausgemeisselten Bodens, so dass er ihn immer wieder freiruckeln musste, um vorwärts zu kommen. Quintus‘ Laterne beleuchtete das feuchtnasse Gewölbe gerade genug, damit er seine nächsten Schritte erahnen konnte, doch im Laufe der Zeit war die unterirdische Begräbnisstätte zu einem Labyrinth angewachsen, so dass es ihm beinahe unmöglich schien, den richtigen Weg einzuschlagen. Ein fahl schmeckender Tropfen löste sich vom Gewölbe und vermischte sich mit dem Schweiß auf seiner Oberlippe. Gequält ächzend stellte er den hölzernen Karren ab und wischte sich mit seinem verschmutzten Ärmel über die pechschwarzen Brauen, legte dann den Kopf in den Nacken und flüsterte: „Oh Lucius, warum nur?“ Nur zu […] Weiterlesen

Der Geruch der Vergangenheit

Konrad folgte mir auf dem Fuße, als ich in die vollgestellte Archivkammer trottete und Manfred, der eher wie Konrads Anhängsel und nicht wie dessen Diensthundeführer wirkte, plapperte ungehalten vor sich hin. „Und dann wollte Doris den Koni doch tatsächlich ins Bett lassen“, empörte er sich mit dem übertriebenen Gelächter eines Mannes, der wusste, dass er nicht witzig war und ich nickte höflich und gönnte ihm ein großzügiges Grinsen. Meine unbequemen Anzugsschuhe klackten auf dem mit schwarzen Fliesen ausgelegten Boden des Gerucharchivs viel lauter, als auf dem stinkenden Linoleum, das im Rest des Büros ausgelegt worden war und das war nicht der einzige Grund, warum ich mich nicht gerne hier aufhielt. „So, hier sind wir. Reihe 4A“, erklärte ich trocken und wollte mich gerade zum Gehen abwenden, als Manfred […] Weiterlesen

Familiengeschäft

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Los Angeles war eine heisse Stadt, nicht nur im übertragenen Sinn, sondern vor allem wortwörtlich. Die Sonne brannte unerbittlich und hatte seit Anfang der Hitzewelle schon einige Tote gefordert. Ich war froh, dass die kurzzeitig zu einer Aula umfunktionierte Turnhalle klimatisiert war und etwas Abkühlung bot. Das Schülerkonzert, dessen Aufführung ich mir (mehr oder weniger unfreiwillig) mitanhören durfte, war zwar nicht umwerfend, aber wenigstens nicht grauenhaft. Während ich da sass, einen grossen Schluck aus meiner Kaffeetasse nahm und fühlen konnte, wie mein Schweiss trocknete, blieb mir etwas Zeit nachzudenken. Sehr oft war mein Job viel langweiliger, […] Weiterlesen

Spiel, Spionage und Kernphysik

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Der junge Herr Sutter fühlte sich unbehaglich, während er die letzte Sicherheitsschleuse hinter sich ließ und als er den hellgrauen Teppichboden des Kontrollraums betrat, geriet er kurz ins Straucheln. Peinlich berührt blickte er sich um, griff sich demonstrativ an seine rechte Hüfte, welche er sich bei einer gewagten Snowboardabfahrt am Wochenende verknackst hatte und versuchte das Malheur mit einem schiefen Grinsen auszubessern. Herr Häberli, ein sehr freundlicher Mann, der trotz seines Alters einen jugendlichen Charme versprühte und mit dem sich Sutter im Vorfeld schon einige Male getroffen hatte, trat mit der zum Gruß ausgestreckten […] Weiterlesen