Mittwochabend

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält Szenen, die auf einige Leser beunruhigend wirken könnten. Mehr zu unseren Warnungen sowie wann und weshalb wir sie anwenden, erfahrt ihr in unseren FAQ.

Henry war vor einer Stunde nach Hause gekommen, drei Tage früher als geplant. Die Konferenz war zu seinem Erstaunen nicht bloß besser als befürchtet vonstattengegangen, sondern hatte die Erwartungen aller Beteiligten um Längen übertroffen. Gut gelaunt hatte der Mittvierziger die Haustür aufgerissen, seinen Herbstmantel auf die Garderobe geworfen und den Inhalt seines Koffers im Wäschekorb verstaut. Nun saß er mit einer Tasse Kakao auf der Couch und wartete fernsehend auf die […] Weiterlesen

Gaststory | Im Kiefernhain

Dort kommen sie!
Mit Spürhunden, Metallharken und einem ernsten, grauhaarigen Mann im Rücken. Die Hunde zerren an den kurzen Leinen. Immer die Nase am kürzlich gepflügten Kartoffelacker.
Ein milder Wind streicht zwischen den dichtstehenden Kieferstämmen hinein in den Wald. Ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit, umspielt er meine Finger, die sich um einen knorrigen Ast klammern.
Die untergehende Sonne taucht die Szenerie in einen einladenden Orangeton und sie kommen stetig näher.
Ich habe sie eingeladen. Eingeladen zu diesem Spiel. Es wird das letzte dieser Art sein, denn es beginnt mich zu langweilen. Doch dieses eine Mal noch, werde ich ihnen alles […] Weiterlesen

Hier ist nichts drin!

„Ich arbeitete seit 1985 für die Firma des Angeklagten“, beantworte ich die Frage und schaue mich im vollen Saal um. Sogar die Presse ist da, es war also gut, dass ich gestern noch beim Friseur war.
„Vielen Dank. Sie müssen übrigens nicht so dicht ins Mikrofon sprechen.“ Der Staatsanwalt sieht nicht so aus, wie ich mir einen Staatsanwalt vorgestellt habe; er ist viel kleiner und so schrecklich schrumpelig um die Augen. Aber immerhin stimmt das mit der resoluten Manier, damit kann ich leben.
„Oh, Entschuldigung“, stottere ich, dann lehne ich mich zögerlich auf dem gepolsterten Holzstuhl zurück. „Das wusste ich nicht.“
„Keine Sorge, das passiert oft“, beginnt der Staatsanwalt und gaukelt mir eine […] Weiterlesen

Auch du, Quintus!

Der Lastkarren ließ sich nur schwer durch die schmalen Gänge manövrieren und verkeilte sich zuweilen zwischen den Unebenheiten des ausgemeisselten Bodens, so dass er ihn immer wieder freiruckeln musste, um vorwärts zu kommen. Quintus‘ Laterne beleuchtete das feuchtnasse Gewölbe gerade genug, damit er seine nächsten Schritte erahnen konnte, doch im Laufe der Zeit war die unterirdische Begräbnisstätte zu einem Labyrinth angewachsen, so dass es ihm beinahe unmöglich schien, den richtigen Weg einzuschlagen. Ein fahl schmeckender Tropfen löste sich vom Gewölbe und vermischte sich mit dem Schweiß auf seiner Oberlippe. Gequält ächzend stellte er den hölzernen Karren ab und wischte sich mit seinem verschmutzten Ärmel über die pechschwarzen Brauen, legte dann den Kopf in den Nacken und flüsterte: „Oh Lucius, warum nur?“ Nur zu […] Weiterlesen