Wasser ist flüssiger als Blut

Zwölf lange Jahre hatten sie sich vorbereitet, jede Einzelheit bis ins Detail geplant, waren dem Beispiel ihres großen Vorbildes gefolgt, hatten dessen Vorlagen ausgefeilt, verbessert, perfektioniert. Und nun DAS! Schnaubend stapfte Benjamin durch den schmalen Flur im Obergeschoß seines Hotels. Blanke Wut mischte sich mit Verzweiflung, er musste sich beherrschen, um nicht entweder eine Wand mit seinen bloßen Fäusten einzuschlagen oder sich schluchzend auf den bunt gemusterten Teppich zu werfen. Er entschied sich für keine der beiden Optionen, sondern zwang sich dazu, einige Male tief durchzuatmen und anschließend seinen Geschäftspartner anzurufen.
„Howard, wir haben ein Problem“, informierte er stoisch und fügte an: „Komm sofort her.“ Der mintgrüne Hörer landete scheppernd auf der Gabel, ehe der andere die Möglichkeit […] Weiterlesen

Im stillen Kämmerchen

Ralf lehnte mit seinem schmalen Rücken und angezogenen Beinen an den nach Großmutters Mottenkugeln duftenden Mantel, der schon seit Jahren nicht mehr getragen wurde. Angespannt starrte der Junge auf den einzelnen, warmen Lichtstrahl einer Glühbirne, der durch den schmalen Spalt fiel, da wo die Tür nicht ganz abdichtete. Normalerweise gefiel es ihm, sich in dem Kämmerchen zu verstecken, sei es, weil er spät aufblieb, um zu lesen oder weil Mami und Papi sich mal wieder stritten. Ralf mochte es nicht, wenn seine Eltern sich zankten. Wenigstens hatte er schnell begriffen, dass sie sich stets versöhnten und ihm Mami danach sogar ein Eis brachte, wenn das Geld reichte.
Diesmal war alles anders, denn der Mann unten im Wohnzimmer war ein Fremder. Seine sonore Bassstimme wechselte sich mit der von Papa ab, klang bestimmt, Ungemach […] Weiterlesen

Geh auf dein Zimmer!

Horst, jetzt räum deinen Klumpatsch endlich weg! Wir sind nicht in die Neue Welt gekommen, um ein Durcheinander anzurichten“, wetterte Mathilde den Jungen an, der mitten auf dem Boden seines Zimmers saß und von einer bewundernswerten Menge Bauklötzchen umgeben war. Trotzig griff sich das Kind eine Handvoll davon und pfefferte sie in eine Ecke. „Nein, ich will ein Eis!“
Mathilde verdrehte die Augen. „Du kriegst ein Eis, wenn du brav bist und dein Durcheinander aufräumst, Sohnemann. Ich gehe jetzt in den Garten, ich will heute noch die Eiche einpflanzen, bevor es dunkel wird.“ Damit wandte sie sich ab und stakste durch die Tür, die sie hinter sich gut hörbar zumachte. Horst murmelte wutentbrannt unzusammenhängende Satzfragmente in sich hinein und begann, Klötzchen in einen […] Weiterlesen

Wissen ist Macht | Die Insel

Dies ist ein Interludium zu der Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“.

„Charlene?“, flüsterte die ruhige Frauenstimme neben ihrem Ohr und der Schleier vor ihrem Gesichtsfeld begann sich zu lüften. Grüne, blaue und braune Farbtupfer wurden klarer, setzten sich zu dem Innern eines Zimmers zusammen, durch dessen Fenster der sonnenüberflutete Strand von Samoa zu erkennen war, auf dem eine einsame Palme stand, die sanft im Wind wippte, der einzige Gegenstand, der sich bewegte. Doch etwas stimmte nicht, denn der Raum schien zu schwanken, alles fühlte sich instabil und fragil an, wie die Projektion eines alten Filmes nach schier endloser Lagerzeit. Kein Geräusch drang von draußen nach innen, sie war isoliert. Sie konnte eine blonde, mit Schweiß und […] Weiterlesen

Weihnachts-Special | Von heißer Luft und Liebe …

Eveline hatte den ganzen Morgen und Vormittag damit verbracht, hinter ihren Kindern aufzuräumen, anstelle davon, wie geplant die letzten Vorbereitungen für die kommenden Familienfeiern zu treffen und dementsprechend froh war sie gewesen, als ihre Schwiegermutter die kleinen Biester für einen Zooausflug abgeholt hatte. Den Haushalt hatte sie im Eiltempo erledigt und als sie endlich die Zeit dafür gefunden hatte, die Geschenke in ihr selbst gebasteltes Weihnachtspapier einzuwickeln, klingelte es an der Tür. Sie seufzte resigniert und warf das Bündel mit fröhlich bedruckten Schleifen in eine Ecke, bevor sie die breite Treppe nach unten trabte und einem breit grinsenden, älteren Herrn die Tür öffnete. „Wie kann ich ihnen helfen?“ Sie hoffte, dass der Fremde die dezente Ablehnung in ihrer Stimme erkannte und so schnell wie möglich wieder […] Weiterlesen