Tiefpunkt

SarahAutorin: Sarah
Setting: Waldlichtung
Clues: Elektrozaun, Kloster, Lust, Minimalismus, Fischsuppe

Stille herrschte auf der Waldlichtung, auf der es nach Waldmeister roch und in der tiefen Dunkelheit der Nacht nichts zu erkennen war. Unvermittelt wurde die Finsternis durch das einsame Zirpen einer Grille unterbrochen, das jedoch kurz darauf wieder verstummte, währenddessen in der Ferne ein gleichmässiges Geräusch zu vernehmen war, das sich rasch näherte. Schliesslich tauchten die Lichtstrahlen von Scheinwerfern alles in ein bizarres, vom Nebel getrübtes Licht und die grossen Schatten der Baumstämme huschten über den Waldboden.
Der Geländewagen fuhr rasch auf die Lichtung und bremste dann abrupt ab, bis er, eine tiefe Spur im weichen Grund hinterlassend, zum Stehen kam. Für eine Sekunde war nichts zu hören, bis schliesslich mit lautem Klacken eine der hinteren Türen geöffnet wurde und jemand aus dem Inneren Eli unsanft aus dem Wagen bugsierte, bevor drei bewaffnete Männer hastig aussiegen. Eli war ein wirklich unauffälliger Mann, etwas hager, Hornbrille und dunkle Haare – ein ganz normaler Bürger, der in einem Vorstadthaus wohnte und für seinen stressigen Job zu schlecht bezahlt wurde. Ein fernes Brausen wurde hörbar und wurde rasch lauter als das Rascheln der Blätter, wenige Augenblicke später donnerte ein grosser Passagierjet über sie hinweg, einige der Baumwipfel schienen im Ausstoss der Triebwerke gar leicht zu schwanken, doch vielleicht glaubte Eli nur das gegen den bewölkten Himmel erkennen zu können. Ängstlich sah er sich um und sein gehetzter Blick fiel auf den alten, rostigen und wohl kaum mehr genutzten Elektrozaun, welcher den Wald zum Flughafen hin abgrenzte, der einige hundert Meter entfernt lag. Nein, in diese Richtung würde er nicht entkommen können und überall sonst lag bloss noch dichter Wald, der ihm auch keine Fluchtmöglichkeit bot.
Es war vor weniger als einer Stunde gewesen, als die fünf fremden Männer, offensichtlich Ausländer mit schwerem, beinahe lallendem, Akzent mit gezogenen Maschinenpistolen in das Zuhause seiner Familie gestürmt waren, als die eben zu Tisch gesessen und etwas lustlos Fischsuppe gesessen hatte. Sie hatten Debora und die kleine Michelle als Geiseln genommen, gefesselt und dann unsanft in den Keller gejagt. Danach hatten sie Eli erklärt, dass er alles würde tun müssen, was sie von ihm verlangten. Und nur für den Fall, dass er es nicht tun oder auch bloss einen kleinen Fehler machen würde, hatten sie ihm bis ins kleinste Detail geschildert, was sie mit seiner Familie anstellen würden, falls er versagte. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte Eli mehr bereut in seiner Jugend nicht doch ins Kloster eingetreten zu sein, denn so hätten seine Entführer jetzt kein Druckmittel gegen ihn in der Hand gehabt. Vor allem aber hätte es dann auch keinen Grund dazu gegeben, ihn überhaupt zu entführen.

Eli versuchte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen, während einer der Fremden einen robusten Laptop vor ihm auf die Kühlerhaube stellte und ihm in barschem Ton befahl, sich endlich an die Arbeit zu machen. Fieberhaft überlegte er, wie er sich aus seiner misslichen Lage befreien konnte, ohne Debora oder Michelle in Gefahr zu bringen, seine Gedanken rasten durch seinen Kopf, während er auf dem leicht sumpfigen Boden stand und darauf wartete, dass der Computer fertig hochgefahren war. Doch es wollte ihm partout nichts einfallen, also fügte er sich in sein Schicksal, denn seine Lieben bedeuteten ihm mehr als alles andere auf der Welt – er würde tun, was auch immer nötig war, auch wenn er nicht weniger Lust darauf haben könnte. Mit zitternden Fingern tippte er seine Identifikation in der Eingabeaufforderung ein, die Tasten klackten unangenehm laut in der Stille über der Waldlichtung, während die Fremden ungeduldig warteten. Er konnte sogar das leise Rattern hören, als die Festplatte des antiquerten Gerätes gelesen und schliesslich sein normales Arbeitsdisplay angezeigt wurde. Die vielen farbigen Punkte und Linien auf dem Bildschirm erinnerten an ein Kunstwerk aus der Stilrichtung des Minimalismus, etwas, was Eli normalerweise völlig entspannte, wenn er arbeitete.
Der Anführer der Bande winkte ihm mit seiner Waffe zu, nun das zu tun, wofür sie ihn hergebracht hatten. Eli begann in der Suchfunktion die richtigen Daten einzugeben, während er inständig hoffte, dass die Nachwelt ihm für seine Entscheidung verzeihen würde. Allerdings wäre er wohl in einigen Minuten sowieso tot und konnte bloss hoffen, dass seine Handlungen zumindest die Leben seiner Frau und Tochter retten würden.
Nach kurzer Zeit sah er von dem Gerät auf und gab dem Anführer die Information, welche dieser haben wollte. Eli wartete darauf, dass nun jemand eine Kugel in seinen Schädel jagen würde, doch stattdessen gingen die Entführer gemeinsam zum Geländewagen zurück, öffneten den Kofferraum und zwei beugten sich hinein. Eli hätte die perfekte Chance zur Flucht gehabt, doch wieder obsiegte sein Wunsch, dass es seiner Familie, die wohl noch immer von zwei der Entführer bewacht wurde, gutgehen möge,. Als er jedoch erkannte, was der Mann, der sich eben wieder von dem Auto wegbewegte, in der Hand hielt, spannten sich seine  Muskeln an. Die längliche Form der Waffe, die man ruhig über der Schulter tragen konnte, verriet Elis von unzähligen Hollywood-Streifen und News-Sendungen geschulten Augen, dass die ganze Sache wesentlich schlimmer war als gedacht und er begriff, dass er es mit Terroristen zu tun hatte. Ruhig richteten einer den Raketenwerfer aus, während die beiden anderen einen Blick auf den Bildschirm warfen und schliesslich einer etwas rief, das wie ein Befahl klang. In dem Moment, als der Unbekannte eine Rakete abfeuerte, rannte der Fluglotse in Panik los, Als er am Rand der Lichtung angelangt war, peitschten ihm Äste ins Gesicht, doch er liess sich nicht davon aufhalten – er erstarrte erst eine Sekunde später, als über ihm eine Explosion zu hören war und ein Feuerball den Nachthimmel erhellte.

Eli stand ungläubig und verwirrt inmitten brennender Wrackteile, die rings um ihn herum verstreut lagen. Ein Geruch nach verbranntem Gummi, Kerosin und Barbecue lag in der Luft, dafür herrschte bis auf das knistern der Flammen eine bedrückende Stille. Ein besonders grosses, rundes Trümmerstück hatte den Wagen der Terroristen erwischt und diesen offenbar explosionsartig in Flammen aufgehen lassen, sodass die Entführer nun tot auf dem Waldboden lagen – wahrscheinlich hatten sie nicht damit gerechnet. Langsam, noch immer unter Schock, schritt Eli durch das riesige Chaos aus Aluminium, Plastik, Sitzen, Koffern und menschlichen Überresten, das vor noch fünf Minuten der Linienflug nach Chicago gewesen war und er hatte bereits nach einigen Sekunden begriffen, dass niemand diesen Absturz überlebt haben konnte. Eli war nun ganz allein hier draussen, während er sich zu fragen begann, ob zwei oder drei Leben das wirklich wert gewesen waren.

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