Ein kaputtes Uhrwerk

SarahAutorin: Sarah
Setting: Milchbar
Clues: Euphorie, Hufe, Nudelgericht, Prinzipien, Sonnenbrille
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

„Unsere Gesellschaft ist wie ein defektes Uhrwerk“, monierte Georgie, während er sich lässig auf der Polsterbank steckte und seine Lederjacke ein komisches Geräusch machte, als sie über den Sitzbezug scharrte. In der Milchbar dudelte die für die damalige Zeit übliche Musik und der Duft von Waffeln lag in der Luft.
„Jetzt mach mal halblang“, murrte Alexei und nahm einen grossen, schlürfenden Schluck von seinem Milchshake. „Wenn du Hufe trappeln hörst, dann denkst du auch zuerst an Pferde und nicht an Zebras.“
„Jetzt nervst du schon wieder mit deinen Viechern, Doc“, murmelte Stanley vor sich hin, während er einen Blick zu Anthony hinüberwarf, der schweigsam in seinen Shake starrte und sich zu fragen schien, was die sinnlose Diskussion nun bringen sollte. Nach kurzem Schweigen sagte Georgie gut hörbar: „Trotzdem ist alles ziemlich kaputt.“
Mittlerweile etwas genervt murrte Alexei: „Ach, du ewiger Pessimist hast dich bloss an dem Nudelgericht beim Chinesen überfressen!“
Anthony brach unvermittelt in Gelächter aus und verschüttete etwas von seinem Orangen-Shake in seinen Schoss. Grinsend überspielte Stanley die Peinlichkeit seines Kumpels mit den Worten: „Trotzdem frage ich mich, was die Zukunft bringt.“
„Wir werden nie aufhören, mit unseren Bikes durch die heruntergekommene Gegend zu fahren!“, rief Georgie überzeugt aus. „Scheiss auf die Gesellschaft, wir sind frei!“
Alexei verdrehte gut sichtbar die Augen und erwiderte sarkastisch: „Na klar, unsere Gang ist für die Ewigkeit – bring das mal dem Arbeitsmarkt bei, vielleicht stellen uns dann grosse Firmen ein. Ich denke eher, Computer werden eine grosse Zukunft haben.“
„Oh Mann, vielleicht werden die dann alles mögliche können“, schwärmte Stanley. „Eines Tages wird man mit denen sicher den menschlichen Verstand verändern, dann wird es keine Verbrechen mehr geben.“
„Dafür werden 640 Kilobyte Speicher schon reichen“, fügte Antony hinzu, verstummte jedoch wieder, als er begriff, dass keiner seiner Kumpels eine Ahnung hatte von was er sprach.
„Das verstösst doch gegen alle ethischen Prinzipien, die man sich denken kann“, rief Alexei bestimmt aus. „Wir werden doch nicht – niemals – Menschen verändern dürfen. Am Ende schaffen wir so sogar verschiedene Kasten aus dem Reagenzglas, stellt euch das bloss vor!“
„Schau mal Alexei, ich kann sehen, dass du dich darüber wirklich aufregst“, antwortete Stanley frech grinsend. „Ich glaube wirklich, du solltest dich ruhig hinsetzen, eine Beruhigungspille schlucken und die Sache überdenken.“
Alexei warf ihm einen bösen Blick zu. „Nein, Mann, das sind die wichtigen Dinge im Leben.“
„Ein defektes Uhrwerk“, wiederholte Georgie möglichst cool, während er seine Sonnenbrille aufsetzte. „Wir werden das nicht mehr erleben, Doc, also reg dich nicht auf.“ Er machte eine Pause und murmelte dann kaum hörbar: „Ich täte alles, um das nicht mehr erleben zu müssen.“
„Doc hat recht, da muss man sich aufregen“, erklärte Anthony entschieden. „Ich baue selbst Rechenmaschinen und ich möchte nicht, dass eines Tages jemand mein Gehirn mit einem Band oder einer Disk steuern kann.“
„Wenn man etwas im Fernsehen sieht, wirkt es gleich viel realer“, philosophierte Stanley. „Warum sollten wir da nicht auch viel besser sein, wenn man uns verändern würde? Im Grunde genommen ist das doch dasselbe.“
„Du labberst zu viel“, rief Georgie aus, bevor er etwas leiser fortfuhr. „Wir haben schon zu viel angestellt, als dass wir nicht die ersten wären, die dabei dran glauben müssten.“
„Wir beide vielleicht schon“, antwortete Stanley nachdenklich. „Aber Doc und Tony kommen aus reichem Haus, die hätten eine gute Chance nicht verurteilt zu werden. Geld macht dich halt zu einem besseren Menschen.“
„Kommen wir doch einfach zum Schluss, dass so was niemals passieren wird“, schlug Alexei im besten Brustton der Überzeugung vor, mehr um sich selbst zu beruhigen, als um die leidige Diskussion mit seinen – aus seiner Sicht – doch etwas unterbelichteten Kumpels zu beenden.

Nun, gut zwanzig Jahre nach der Unterhaltung in der Milchbar, beugte sich Alexei wie jeden Morgen über den Bildschirm des modernen Computers und tippte einige Befehle ein. Mit einem halb amüsierten und halb verächtlichen Grinsen dachte er an diesen Tag in seiner Jugend zurück, den letzten Tag, den sie zusammen als Gang verbracht hatten. Damals hatte es in seinem Leben noch so etwas wie Euphorie, oder Prinzipien, die man sich selbst vorgegaukelt hatte, gegeben, damals, in den dunkeln Zeiten. Wirklich lachhaft, wenn nicht gar pathetisch, wenn vier Studenten, zwei davon aus gutem Hause, einen auf Strassengangster gemacht und dabei in einer Milchbar gesessen hatten. Mit Anthony arbeitete er nun zusammen und Georgie war wenige Wochen nach ihrem Treffen bei einem Motoradunfall gestorben; stilecht bis zum letzten Atemzug, musste man seine Einzelteile aus dem Wrack ziehen, das er um einen Baum gewickelt hatte. Und Stanley, naja, der sass nach einigen kleineren Vorstrafen nun lebenslang im Gefängnis und stand heute auf ihrer To-Do-Liste. Jetzt war die Welt eine andere, nein, bessere. Und dies nicht zuletzt dank ihm, wie er nicht ohne Stolz immer wieder dachte. „Ich werde sie alle zu besseren Menschen machen“, murmelte Alexei, währendem er die Maschine zur Verhaltensmodifikation für den nächsten Sträfling vorbereitete.

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